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Thema Wind und Wende

07. Mär. 17

„Der Strombedarf für die Verkehrs- und Wärmewende darf kein Konjunkturprogramm für Kohle- und Atommeiler sein“, schreibt Tobias Austrup. „Nur erneuerbarer Strom sorgt dafür, dass Mobilität und Gebäude klimafreundlicher werden.“

„Die Deckelung ist falsch“

Will Deutschland seine Klimaziele erreichen, muss es den Ausbau der Erneuerbaren beschleunigen, statt ihn zu bremsen. Denn der Strombedarf steigt – schon wegen des Abschieds vom Verbrennungsmotor.

Von Tobias Austrup

Es ist nur eine kleine Tabelle, aber sie wiegt schwerer als die restlichen 90 Seiten: Die Übersicht der Sektorziele im Klimaschutzplan 2050 skizziert nicht weniger als die Zukunft des Wirtschaftens in Deutschland. Von der Energiewirtschaft über den Verkehr bis zur Landwirtschaft stellt diese Tabelle jedem Bereich der Wirtschaft eigene Hausaufgaben. Haargenau legt sie fest, wie viele Tonnen Kohlendioxid im Jahr 2030 noch ausgestoßen werden dürfen und wie viele dazu ab jetzt eingespart werden müssen.

Natürlich weiß die Energiewirtschaft schon lange: Ohne Kohleausstieg ist kein Klimaschutz zu machen. Bis zum Jahr 2030 muss der Ausstoß an Treibhausgasen um mehr als 60 Prozent sinken. Das wird nur gelingen, wenn bis dahin der Großteil der Kohlekraftwerke vom Netz geht – wohlgemerkt: innerhalb von 13 Jahren. Die restlichen Emissionen der Energiewirtschaft werden dann fast vollständig aus flexiblen Gaskraftwerken kommen.

Allein dies wäre Grund genug, beim Ausbau der Erneuerbaren aufs Tempo zu drücken. Der Blick auf die anderen Sektoren macht dies noch unumgänglicher. Wenn Verkehr und der Gebäudesektor ihre Klimaziele erreichen wollen, dann wird auch hier Strom eine große Rolle spielen. Erneuerbarer Strom natürlich.

„Der Strombedarf für die Verkehrs- und Wärmewende darf kein Konjunkturprogramm für Kohle- und Atommeiler sein“, schreibt Tobias Austrup. „Nur erneuerbarer Strom sorgt dafür, dass Mobilität und Gebäude klimafreundlicher werden.“

Um den Verkehr komplett zu dekarbonisieren, braucht Deutschland mehr Strom, als es derzeit insgesamt verbraucht

Der Verkehrssektor wird sein Ziel, im Jahr 2030 mindestens 40 Prozent weniger CO2 auszustoßen, nicht mit neuen Diesel- und Benzinmotoren erreichen. Schon in den vergangenen 25 Jahren sind Autos angeblich immer sparsamer geworden, doch der CO2-Ausstoß des Verkehrs stagniert. Besserung verspricht nur ein neuer Ansatz: weniger Autos und diese mit erneuerbarem Strom betreiben. Autokonzerne, die nicht verstanden haben, dass der Verbrennungsmotor im Pkw akut vom Aussterben bedroht ist, werden das Schicksal der ehemaligen Energieriesen wie RWE oder Eon erleiden.

Natürlich muss der Autoverkehr insgesamt deutlich abnehmen und durch einen besseren ÖPNV und eine attraktivere Infrastruktur für Radfahrer ersetzt werden. Doch der verbleibende Personen- und Güterverkehr muss auf Strom setzen.

Wie viel Strom braucht die Verkehrswende? Das Umweltbundesamt schätzt den Strombedarf eines vollständig dekarbonisierten Verkehrs in Deutschland auf etwa 800 Terawattstunden – mehr als in Deutschland heute insgesamt verbraucht werden. Wichtig wird sein, dabei möglichst viel Strom direkt zu nutzen und nicht durch strombasierte Kraftstoffe wie zum Beispiel Wasserstoff. Denn die Herstellung dieser Kraftstoffe braucht rund dreimal so viel Strom wie die direkte Nutzung durch batteriebetriebene Fahrzeuge oder Oberleitungs-LKW.

Auch im Gebäudebereich wird für die Raumwärme und zur Warmwasserbereitung künftig deutlich mehr Strom eingesetzt werden. Für diesen Sektor schreibt der Klimaschutzplan eine Reduktion der jetzigen CO2-Emissionen bis 2030 um fast 70 Prozent vor. Dafür muss die energetische Sanierung massiv an Fahrt gewinnen, die Solarthermie als erneuerbare Wärmequelle muss aus ihrem Schattendasein herausgelockt werden. Öl- und Gasheizungen werden dagegen schnell zum Auslaufmodell werden. Mit Strom betriebene Wärmepumpen, Power-to-Heat-Anwendungen und die Power-to-Gas-Herstellung werden auch im Wärmebereich den Strombedarf deutlich steigen lassen.

Was heißt das nun für die Energiewende?

Erstens: Wenn Strom die Energiequelle eines klimafreundlichen Verkehrs und einer ökologischeren Wärmeversorgung wird, muss die Effizienz bei klassischen Stromanwendungen deutlich steigen, um den Strombedarf überhaupt decken zu können. Es wird nicht mehr ausreichen, Effizienz in Sonntagsreden als „schlafenden Riesen“ zu preisen – der Riese muss geweckt werden.

Energiewende in Bürgerhand: Wer Windkraftanlagen vor der Tür hat, soll an der Wertschöpfung beteiligt werden

Zweitens: Der Ausbau der erneuerbaren Energien muss deutlich beschleunigt werden. Wenn die Bundesregierung ihre Klimaziele in den verschiedenen Sektoren erreichen will, muss sie die derzeitige Deckelung beim Ökostromausbau beenden. Denn der Strombedarf für die Verkehrs- und Wärmewende darf kein Konjunkturprogramm für Kohle- und Atommeiler sein. Nur erneuerbarer Strom sorgt dafür, dass Mobilität und Gebäude klimafreundlicher werden.

Drittens: Die gewaltige Menge an Ökostrom können nur zusammen mit der Bevölkerung und nicht gegen sie produziert werden. Das bedeutet: Energiewende in Bürgerhand. Die Bürger, die Windkraftanlagen vor der Tür haben, sollen auch an der Wertschöpfung beteiligt werden. Eine Energiewende im Sinne der Stromkonzerne, wie sie mit der Umstellung auf das Ausschreibungssystem im Ökostromgesetz einzutreten droht, gefährdet diese Akzeptanz.

Der Klimaschutz hält reichlich Aufgaben für die nächste Bundesregierung bereit. Sie muss sie schnell angehen – wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.


Tobias Austrup studierte Politikwissenschaft und arbeitet seit 2012 als Politischer Referent für die Energie- und Verkehrswende bei Greenpeace e.V.

Volker Kühn
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