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Thema Wind und Wende

23. Apr. 15

Kabel aus Köln

Strom nachhaltig, effizient und umweltschonend zu produzieren ist schön und gut. Doch muss er auch sicher und verlässlich von A nach B transportiert werden.

Entlang der unsichtbaren Grenze Köln-Leverkusen, mitten durch eines der Herzen der rheinischen Industriekultur.

Es gibt in Nordrhein-Westfalen eine Menge unsichtbarer Grenzen. Die zwischen Köln und Düsseldorf, zwischen Alaaf und Helau, zwischen Rheinland und Westfalen.

Und es gibt die, die sich einmal quer durch den Chempark Leverkusen schneidet. Die linke Hälfte wird dann zum Kölner Stadtteil Frittard, die rechte zu Leverkusen. Und mittendrin werden mehr als 5.000 Chemikalien hergestellt, arbeiten mehr als 29.000 Beschäftigte in mehr als 40 Unternehmen im Park und schicken all die Serviceunternehmen Tag und Nacht ihre Leute durch die Werkstore in, laut Eigenwerbung, „Europas Chemiepark“.

Rechtsrheinisch sind wir. Vorbei fahren wir an BASF, die Düsseldorfer Straße gen Norden, weiter, immer weiter. Vorbei am „Getränke Blitz“ und dem Restaurant „Zur Linde“, über die Otto-Bayer-Straße, am Carl-Duisberg-Park entlang bis zur Kaiser-Wilhelm-Allee. Deutsche Industrie, deutsche Geschichte auf Straßenschildern. Deutsche Akkuratesse bei der Anmeldung im Chempark.

Nein, einfach so kommt hier niemand rein, das hier ist kein normales Industriegebiet, das hier ist – erwähnten wir das schon? – Europas Chemiepark! Die Anmeldung ist so bestimmt wie höflich, es wird gescherzt im rheinischen Singsang, dann steht der Shuttle bereit, schwarzgetönt.

Mehrere Kilometer lang und tausende Tonnen schwer können die Kabel aus Köln werden.

Kabel sind die Erntehelfer der Energiewende

Entlang der unsichtbaren Grenze Frittard-Leverkusen, mitten durch eines der Herzen der rheinischen Industriekultur. Wir sind auf dem Weg zu dem, was die ganze, große Energiewende zusammenhält. Was das Rückgrat eines modernen, neuen Strommarktes bilden soll, nein: bilden muss!

Es braucht dafür funktionierende, zuverlässige Windkraftanlagen. Und es braucht dafür stabile, verlässliche Kabel.

Was der Traktor für die Getreideernte auf dem Feld ist das Kabel für die Stromernte auf hoher See: Transport- und Lebensader, über die die einzelnen Anlagen untereinander aber auch mit dem Festland verbunden sind.

Schön, wenn der Wind vor der Küste beständig und stark weht, doch wem nutzt das, wenn die Stromernte nicht eingefahren, nicht transportiert werden kann?

Dann, mitten im Chempark, stehen sie vor uns: Kabeltrommeln, so hoch wie ein Einfamilienhaus, von schier endlos schwarzen Kabeln umschlungen, die so dick sind wie ein Männer-Oberschenkel. Rote, grüne, blaue Kabeltrommeln, dazwischen Verseilmaschinen, aus denen ein Dutzend Drähte sich um das „Kabelherz“ winden und dicker werden, immer dicker.

Das hier ist die Geburtsstädte eines Kabels, das hier ist mitten in einer riesigen Halle, die von außen in ihrer Silhouette einer Sprungschanze ähnelt während weit, weit hinten der Kölner Dom hoch und spitz in den Dunst ragt.

Flexible Teams für die Herkulesaufgabe: Wer im Offshorebereich arbeitet, muss flexibel, innovativ und erfahren sein.

Die Verkehrsader Rhein ist nicht weit

Das hier ist nkt cables, gegründet 1874 und heute einer der traditionsreichsten Hersteller von Nieder, Mittel-, Hoch- und Höchstspannungs-Energiekabeln, Energiekabelgarnituren, Bahnleitmaterial und technischen Drähten.

Die GmbH gehört mit einer Belegschaft von in Deutschland rund 900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zur NKT Holding mit Sitz in Dänemark, erwirtschaftete 2013 einen Jahresumsatz von 1,2 Milliarden Euro, lieferte die Lebensadern unter anderem für die Offshore-Windparks Baltic 1 und 2, für die Amrumbank-Windparkverbindung oder die West of Duddon Sands Windfarm.

1999 hat nkt cables den deutschen Kabelhersteller Felten & Guilleaume übernommen, ein Kölner Urgestein, eine Seilerei, deren Ursprung bis ins Jahr 1682 reicht. Mit der Übernahme vor 16 Jahren verdoppelte sich die Produktionskapazität und eröffnete sich gleichzeitig zusätzliches Geschäft in Tschechien, China, Österreich.

Außerdem wurde der Sitz der Hauptverwaltung von Dänemark nach Köln verlegt – nicht allein aus unternehmenshistorischen Gründen: „Natürlich war es extrem wichtig, eine erfolgreiche Integration von Felten & Guilleaume zu realisieren“, sagt Wolfgang Nolden, Senior Vice President Seekabelsysteme bei nkt cables. „Die gute Zusammenarbeit mit der Belegschaft in Köln hat dann zu der Entscheidung geführt, die nach neuesten Standards ausgerichtete Produktionsanlage auch hier zu errichten“.

Hinzu kommt: Der Rhein ist nicht weit und für nkt ebenso strategische wie logistische Verkehrsader nach Rotterdam von wo aus die Kabel weiter zu den Windparks in Nord- und Ostsee verschifft werden. Mittlerweile hat nkt einen eigenen Hafenbereich in Rotterdam in dem die langen Kabellängen nicht nur umgeschlagen, sondern zu noch größeren Längen verbunden werden können.

Alles ist hier lang und noch länger, groß und noch größer: bis zu 16 Kilometer können die Kabel aus Köln werden und bis zu 1800 Tonnen schwer. In den Hallen, wo sie „geboren“ werden, riecht es nach heißem Kunststoff, ist es für eine Produktion dieser Dimension aber verblüffend ruhig; immer mal wieder kommt ein herzliches „Mahlzeit“ des Weges, wenn einer der Kollegen den Weg kreuzt, in mancher Ecke warten modernste Flurförderzeuge auf Luftkissen.

„Wer im Offshorebereich arbeitet muss flexibel, innovativ, erfahren sein“, so Nolden, „schließlich hält die Lernphase in dem Geschäft eigentlich immer an – die Kupfer- und Alupreise schwanken, jede Trasse hat ihre Eigenheiten, jeder Meeresboden ist anders“.

Darum müsse auch jedes Engineeringteam bei jedem neuen Projekt neu zusammen- und aufgestellt werden. „Wenn wir als Partner der Energieversorger die Industrialisierung in der Offshore-Windenergie vorantreiben wollen, dann müssen wir uns zu 100 Prozent auf diese Herkulesaufgabe einlassen“.

Wer die stemmen kann? Menschen und Mitarbeiter, die eine Mischung aus Abenteuerlust, Unternehmergeist und den Umgang mit dem Unvorhersehbaren mitbringen, sagt Nolden. Man stellt sich eine eingeschworene Gemeinschaft auf hoher See vor, kernige Typen, die zupacken können, die nichts so schnell umwirft.

Ja und nein, sagt er dann noch, es sei vielmehr wie ein Fußballteam, das auf jeden einzelnen Spieler angewiesen ist und immer nur als Gemeinschaft gewinnen kann. „Diese Faszination Offshore, die bringt schon eine ganz andere Szene mit sich als an Land“, fügt er hinzu. Eine vielfältige Szene, die nur eines ganz bestimmt nicht darf: auf der Leitung stehen.

Iris Franco Fratini
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