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Thema Wind und Wende

02. Sep. 16

Das Ausland ist gespalten, was die deutsche Energiwende angeht: Manche sehen die Umsetzung der Energiewende als Blaupause, andere lehnen das gesamte Konzept grundsätzlich ab.

Deutschland, ein Wendemärchen?

„Herkules-Aufgabe, Größenwahn, zu teuer, zu überstürzt gestartet“, sagen die einen. „Wenn es ein Land schafft, dann Deutschland“, die anderen. Die Energiewende ist eine Aufgabe, die die Meinungen im Ausland spaltet.

Das Ausland ist gespalten, was die deutsche Energiwende angeht: Manche sehen die Umsetzung der Energiewende als Blaupause, andere lehnen das gesamte Konzept grundsätzlich ab.

Von Timour Chafik

Wer nachfragt, wie es im Jahr 2016 um das Image der deutschen Energiewende im Ausland steht, der bekommt die unterschiedlichsten Meinungen und Ansichten zu hören. Auf der einen Seite: euphorischer Enthusiasmus für den deutschen Weg.

Andererseits: eine grundsätzliche Verweigerungshaltung gegenüber dem Ausbau erneuerbarer Energien und der Energiewende. Dazwischen erklingen – oft sehr leise – auch moderate, nüchterne Stimmen, die in der Lage sind zu differenzieren und abzuwägen zwischen dem übergeordneten Ziel und der Möglichkeit, dass auf dem Weg dorthin nicht alles nach Plan läuft.

Zum Beispiel die Stimme des 1923 gegründeten World Energy Council (WEC) mit Sitz in London. Der WEC vereint heute Mitglieder aus über 90 Ländern, Energieproduzenten und -händler, Vertreter aus Regierungen, Forschungseinrichtungen und Verbraucherorganisationen.

Und er veröffentlicht seit 2011 regelmäßig die Studie „A blueprint for the world: Wie sieht die Welt die deutsche Energiewende“ – das ist nicht gerade eine repräsentative Umfrage, aber ein ganz gutes Stimmungsbarometer in Imagefragen zur deutschen Energiewende.

Demnach, so die Ergebnisse der 2015er-Studie, ist ein Drittel der Befragten der Meinung, die deutsche Energiewende könne als weltweite Blaupause dienen. Weiterhin kann eine Hälfte der Befragten sich vorstellen, Teile des Konzepts wie den Ausbau von Erneuerbaren oder die Senkung des Kohlenstoffdioxid-Ausstoßes zu übernehmen; die andere Hälfte aber lehnt das gesamte Konzept der Energiewende grundsätzlich ab: „Viele Experten betrachten die Energiewende als zu teuer und zu ambitioniert“, erklärt Nicole Kaim-Albers, Leiterin des Berliner Weltenergierat-Büros. „Dennoch ist mein Eindruck, dass die Skepsis im Vergleich zu den Ergebnissen der Vorjahre abnimmt – auch, weil die Politik inzwischen immer mehr nachjustiert und Lösungen für Herausforderungen findet, die zuvorderst gar nicht gesehen wurden“. Gerade die Wettbewerbsfähigkeit eines Industrielandes wie Deutschland gilt als besonderer Gradmesser für den Erfolg der Energiewende und ob sie andere Länder überzeugt.

Nicole Kaim-Albers leitet das Berliner Weltenergierat-Büro, das regelmäßig eine Studie über das Ansehen der Energiewende in der Welt herausgibt. Ihr Eindruck: „Wir sind das Energiewende-Labor der Welt, aber wir sind nicht Vorreiter in allem.”

Im "Energiewende-Labor"

Eine weitere Grundstimmung, die sich aus der WEC-Umfrage herauslesen lässt: Wenn ein Land die Energiewende schafft, dann ist es Deutschland mit seinem Mix aus starker Wirtschaftskraft und einem gesellschaftlich tief verwurzelten grünen Denken. „Wir sind das „Energiewende-Labor“ für den Rest der Welt“, so Kaim-Albers, „aber wir sind auch nicht Vorreiter in allem.“

Ein „Ja, die schaffen das!“, ergänzt von einem „Aber...“. So lässt sich die gegenwärtige Grundstimmung gegenüber den Erfolgsaussichten der Energiewende wohl am treffendsten beschreiben. Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ fasst das in ihrer Erhebung „Deutschland in den Augen der Welt“ unter der Überschrift „Die ‚German Energiewende‘ spaltet das Ausland“ ein wenig drastischer zusammen, um dann die ganze Bandbreite von Neugier bis Skepsis aufzuführen.

In Indien meinten die Befragten beispielsweise, dass in Sachen erneuerbare Energien ganz Deutschland an einem Strang ziehen würde, während die Chinesen überzeugt waren, dass die Deutschen in diesem Punkt „sehr willensstark“ seien. Und die Niederländer bescheinigten ihren Nachbarn einen „echten Entscheidungswillen“. Eine Stimme aus Tansania wünscht sich zudem, dass Deutschland mehr „Grüne Energie“ exportiere: „Auch wir könnten viel von Ihnen lernen, zum Beispiel wie wir die Sonne besser nutzen könnten“, heißt es.

Das ist die Sonnenseite der Energiewende. Auf der Schattenseite wartet das Thema der radikalen Abkehr von der Atomenergie, das, vorsichtig ausgedrückt, international für Verunsicherung sorgte. Die Zaghaften fragen, ob sich das Land das auch wirklich gut überlegt habe. Andere sehen in den nach Fukushima getroffenen Entscheidungen nicht weniger als eine „emotionale Reaktion“, etwas, das geradezu angstvoll geschah, „obwohl es in Deutschland doch gar keine Tsunamis gibt.“

Wie nur, so einer der Hauptkritikpunkte, habe eine so unüberlegte und damit nicht gerade typisch deutsche Reaktion zustande kommen können? Und wie lässt sich der Energiebedarf der volkswirtschaftlich entscheidenden Automobil- und Chemie-Industrien kostenneutral decken? Dieses Argument beschäftigt die Kritiker vor allem, solange die Erneuerbaren nach ihrer Ansicht außerstande sind, eine echte Alternative zu den fossilen und nuklearen Energien zu bieten.

Nikolaus Schinerl, Energiexperte bei Greenpeace, fasst die Kritik zur deutschen Energiewende so zusammen: „Klimaschutzziele erreichen und Atomausstieg forcieren - das ist eine Schwäche der deutschen Energiewende.”

Zukunft gerne – aber dafür braucht’s mehr Zeit

Zu früh, zu übereilt, zu wenig durchdacht. „Die Skepsis im Ausland wird vor allem dadurch genährt, dass man sich von tagesaktuellen Ereignissen hat beeinflussen lassen und damit der Eindruck entsteht, das Gesamtkonzept nicht durchdacht zu haben“, erklärt Dr. Michael Schlesinger, der bei der Schweizer Prognos AG die Geschäftseinheit Wirtschaft, Energie, Infrastruktur leitet. „Die Energiewende ist ein langfristiges Investitionsprojekt, das nach unseren heutigen Modellberechnungen ab etwa 2035 hierzulande positive gesamtwirtschaftliche Erträge abwirft.“

Doch den deutschen Weg in Geschwindigkeit und Richtung mitzugehen, muss für andere Staaten nicht zwangsläufig sinnvoll sein. „Die Zukunft ist das, was Deutschland vorgeschlagen hat, aber nicht in dieser kurzen Zeit. Deutschland muss erkennen, dass wir uns noch entwickeln“, ergänzt zum Beispiel eine Stimme aus Polen in der GIZ-Erhebung „Deutschland in den Augen der Welt“.

Natürlich wissen auch die Kritiker der deutschen Energiepolitik, dass sich das Land mit dem rasanten Ausbau erneuerbarer Energien einerseits, dem aber nur langsamen Abbau fossiler Energien andererseits keinen Gefallen tut. „Dadurch verringern sich die CO2-Emissionen nicht wie geplant, was den Befürwortern des Status Quo und der konventionellen Energieträger natürlich in die Karten spielt“, so Greenpeace-Energieexperte Niklas Schinerl. „Klimaschutzziele erreichen und Atomausstieg forcieren – das ist eine Schwäche der deutschen Energiewende, die insbesondere von osteuropäischen Staaten schnell aufgegriffen und ins Feld geführt wird“.

Die „German Energiewende“ steht unter Beobachtung, kein Zweifel. Neben Osteuropa schaut zum Beispiel auch Frankreich der Bundesrepublik „ganz genau auf die Finger“, so Schinerl weiter. Auf der anderen Seite erhalte Greenpeace aber auch zahlreiche Anfragen aus aller Welt, die vor allem an einer Frage interessiert sind: Welche Anreize funktionieren, damit die Bevölkerung für die Energiewende sensibilisiert wird und sich aktiv daran beteiligt?

Über die Experten- und Ländergrenzen kommt die Sprache dabei immer wieder auf das Modell der Einspeisevergütung – also der staatlich festgelegten Vergütung von Strom. „Inzwischen ist die Einspeisevergütung das Instrument der ersten Wahl für eine ganze Reihe von Staaten, die damit zumindest einen Teil der deutschen Energiewende kopieren“, so Jonathan Gaventa, Direktor des Londoner Energie-Think-Tanks E3G.

Einer muss beginnen

Eine Blaupause für den Rest der Welt kann die deutsche Energiewende allerdings nicht sein. Dazu ist zu viel Bewegung im Spiel, sind die Rahmenbedingungen von Land zu Land zu verschieden. Aber: Einer muss nun mal beginnen, vorangehen und den Weg ebnen. Straucheln, mal stehenbleiben, neu orientieren und dann weitergehen ist erlaubt, Fehler machen erwünscht. Oder, wie es in der GIZ-Erhebung eine Stimme aus der Türkei ausdrückt: Es ist ein „Spektakel“. Deutschland stelle sich einfach hin und sage der Welt: „Wir als großes Industrieland bauen um. Und die ganze Welt schaut auf Deutschland. Ihr solltet stolz auf so ein ambitioniertes Projekt sein.“

Ricarda Schuller
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