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Thema Wind und Wende

27. Mär. 17

Dezentral und effizient

Die Netze stoßen an ihre Grenzen. Sollten sie deshalb kräftig erweitert werden? Nein, sagt der Umweltverband BUND. Vielmehr müsse Strom anders erzeugt und cleverer genutzt werden. Ein Gastbeitrag.

Von Hubert Weiger und Werner Neumann

Der BUND kämpft für eine dezentrale Energiewende ohne Atomkraft und für einen raschen Abschied von der Kohle. Noch ist unser Stromnetz auf zentrale Großkraftwerke ausgerichtet. Doch wie soll der Umbau erfolgen?

Hubert Weiger steht seit 2007 an der Spitze des BUND. Er bekleidet zudem eine Honorarprofessur für Naturschutz und nachhaltige Landnutzung an der Universität Kassel und ist Lehrbeauftragter für Naturschutzpolitik an der TU München.

Kohle- und Atomstrom verstopfen die Netze

An Weihnachten 2016 lieferte die Windenergie satte 85 Prozent des deutschen Stroms. Der Verbrauch war niedrig, es wehte viel Wind. Für die Stromnetze war das kein großes Problem, da zu diesem Zeitpunkt unrentable Kohlekraftwerke heruntergefahren waren. Problematisch war dagegen, dass 2015 in Schleswig-Holstein 14,4 Prozent des möglichen Stroms aus erneuerbarer Energie wegen Engpässen im Netz nicht abgenommen wurde. Die Anlagen mussten abgeregelt, ihre Betreiber mit 295 Millionen Euro entschädigt werden. Ein klarer Beleg dafür, dass fehlender Netzausbau zum Problem wird?

Nein. Die Engpässe entstehen nämlich vor allem dadurch, dass zu viele alte, unflexible Kohle-und Atomkraftwerke die Netze verstopfen. (Wobei der deutsche Kohlestrom vor allem exportiert wird, 2016 mit fast 50 Milliarden Kilowattstunden so viel wie noch nie.)

Der vom Bundestag beschlossene Bedarfsplan für den Netzausbau erfüllt weder die Klimaschutzziele noch das Stromsparziel der Bundesregierung. Der Ausbau wird so dimensioniert, dass neben dem erneuerbaren Strom auch der Kohlestrom transportiert werden kann. Das ergibt für die Energiewende keinen Sinn! Sinnvoll ist dies nur für die Betreiber der Stromnetze, denen derzeit eine Rendite von über neun Prozent auf ihr Eigenkapital beim Ausbau der Netze garantiert wird. Für alternative Lösungen gilt dies nicht.

Ein Erfolg des BUND ist die Vorschrift einer „Strategischen Umweltprüfung“ bei der Netzplanung, um Alternativen zu testen, die den Ausbau reduzieren können. Bisher findet dies in der Praxis aber nicht statt. Die Planung muss endlich transparenter werden. Der BUND fordert, Bürgerinnen und Bürger sowie Umweltverbände in die Lage zu versetzen, eigene Ansätze und Modelle der Netzplanung durchzurechnen.

Der promovierte Physiker Werner Neumann ist seit 2004 Sprecher des Arbeitskreises Energie im wissenschaftlichen Beirat des BUND. Er setzt sich für Energieeinsparung sowie die Nutzung von Wind- und Solarkraft ein.

Strom verbrauchsnah erzeugen

Es geht nicht um die einfache Frage, Freileitung oder Erdkabel. Beide Techniken haben erhebliche Auswirkungen auf Umwelt, Natur, Boden, Landschaft und die menschliche Gesundheit. Devise des BUND ist, primär den Netzausbau zu minimieren, zugunsten der Umwelt, aber auch zugunsten dezentraler und regionaler Energiekonzepte in Bürgerhand. Der Offshore-Windausbau sollte daher auf die bisher genehmigten Projekte beschränkt bleiben, zugunsten des Naturschutzes im Meer.

Neue Studien zeigen, dass eine dezentrale und verbrauchsnahe Stromerzeugung sowie ein Mehr an Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) den Bedarf gerade von Hochspannungsleitungen deutlich senken. Optimierungen im (110 Kilovolt-)Verteilnetz – auch mit Erdkabeln – können den Ausbau auf der Höchstspannungsebene mindern. Zunehmende Stromspitzen können mit der Power-to-Gas-Technik abgefangen werden. Ein dezentral organisierter Strommarkt würde den Netzausbau und seine Folgen für Mensch und Natur deutlich mindern. Dazu müssen wir die Rahmenbedingungen für Strommarkt und Netzplanung ändern.

Der BUND setzt sich besonders ein für den Ausbau der Energieeffizienz, das Ende der Verschwendung. Denn etwa ein Drittel des Primärenergieverbrauchs wird durch Abwärme von Großkraftwerken weggekühlt. Hier setzt der BUND auf den Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung, die Energieeffizienz, Versorgungssicherheit und Minimierung von Leitungsausbau verbindet.

Vom Endenergieverbrauch können durchschnittlich 50 Prozent eingespart werden, ob durch energetische Gebäudesanierung, moderne Heiztechnik, Solarenergie, effiziente Stromanwendungen und den Übergang zur Elektromobilität.

Für alle Gebäude sollte mittelfristig ein Sanierungsfahrplan erstellt werden. Zur Lösung des Vermieter-Mieter-Dilemmas schlägt der BUND gemeinsam mit dem Deutschen Mieterbund vor, die Modernisierungsumlage von elf auf fünf bis sechs Prozent zu senken. Die Kosten sollten mit dem „Drittelmodell“ geteilt werden – ein Drittel als ohnehin fällige Instandhaltungskosten des Vermieters, ein Drittel als warmmietneutrale Mieterhöhung mit mehr Komfort in der Wohnung und ein Drittel als staatliche Förderung.

Da eingesparte Energie die kostengünstigste ist, kann damit die Energiewende sozial fair umgesetzt werden, wie mit dem Stromsparcheck für Haushalte mit geringem Einkommen. Wir brauchen endlich auch einfache Mieterstrommodelle für KWK-Strom aus dem Keller und Fotovoltaikstrom vom Dach der Mietshäuser.

Die neue Energiewelt wird nicht von wenigen Konzernen, sondern von Millionen von Menschen getragen wird, mit der Energiewende im eigenen Haus, genauso wie mit gesellschaftlichen Zusammenschlüssen von Projektgesellschaften, Genossenschaften und seit Langem schon über die Stadtwerke. Es gilt immer wieder, Kooperationen zu schmieden, zwischen Umweltverbänden und den Betreibern von Windenergieanlagen, mit Gewerkschaften und dem Mieterbund, mit Kommunen und Kirchen.

 

Professor Dr. Hubert Weiger ist Vorsitzender des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND), mit rund 565.000 Mitglieder einer der größten Umweltverbände des Landes. Dr. Werner Neumann ist Sprecher des Bundesarbeitskreises Energie innerhalb des BUND.

Volker Kühn
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