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Thema Wind und Wende

31. Mär. 15

Der Knoten beim Ausbau der Offshore-Windenergie ist geplatzt

Die Energiewende kommt voran: die Ausbauziele geben zwar Sicherheit, setzen aber auch Grenzen.

Es wird gebaut in Nord- und Ostsee. Zum 31. Dezember 2014 speisten in der deutschen Nord- und Ostsee insgesamt 258 Offshore-Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von mehr als 1.000 Megawatt (MW) Strom ins Netz.

Bis Ende 2015 rechnet der Bundesverband Windenergie (BWE) damit, dass Windparks mit einer Leistung von insgesamt 3.000 MW in den Gewässern vor den deutschen Küste Strom ans Festland liefern können - genug, um rechnerisch Berlin mit seinen 3,5 Millionen Einwohnern zu versorgen.

Gute Nachrichten für die Offshore-Industrie und die Energiewende, deren Rückgrat die Windenergie vom Meer mit ihren Vorteilen sein soll. Doch der Ausbau lief nicht so wie geplant. Zunächst erwiesen sich die technischen Herausforderungen beim Bau der Windenergieanlagen auf hoher See als komplizierter als erwartet.

Jetzt, wo die ersten Windparks stehen, gibt es Probleme mit dem Anschluss an das Stromnetz. So wurden zwar 2014 insgesamt 142 Offshore-Windenergieanlagen ans Netz angeschlossen - 86 von ihnen waren aber bereits im Jahr zuvor errichtet worden.

Außerdem konnten 268 in 2014 gebaute Windenergieanlagen bislang nicht angeschlossen werden, so dass eine Leistung von mehr als einem Gigawatt (GW) bislang nicht zur Stromversorgung beitragen kann. Das liegt einerseits daran, dass ein Kraftwerk wie ein großer Offshore-Windpark nur Schritt für Schritt hochgefahren werden kann. Zum anderen konnte der Ausbau des Stromnetzes mit dem Bau der Windparks nicht Schritt halten.

Staatssekretär Beckmeyer: „Ziel der EEG-Reform war es, das Fördersystem der erneuerbaren Energien für die Herausforderungen der Zukunft gut aufzustellen.”

Die Politik will 15 Gigawatt Offshore-Windenergie bis 2030

Nun scheint der Knoten geplatzt, die Energiewende soll auch auf dem Meer Fahrt aufnehmen. Die Politik will Netz- und Windparkausbau besser aufeinander abstimmen.

Die jüngsten Novellen des Erneuerbare-Energie-Gesetzes (EEG) und des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) legen klare Rahmenbedingungen fest, allerdings mit weniger ehrgeizigen Ausbauzielen: War ursprünglich geplant, bis 2020 Offshore-Windparks mit einer Leistung vom 10 Gigawatt (GW) zu errichten, ist jetzt nur noch von 6,5 GW die Rede.

Noch deutlicher fällt die Absenkung des langfristigen Ziels aus: Statt 25 GW sollen bis 2030 nur 15 GW errichtet werden. Gleichzeitung wird über einen Offshore-Netzentwicklungsplan (O-NEP) der Netzausbau ebenfalls auf diese Leistung ausgerichtet. Jährliche Überprüfungen sollen dafür sorgen, dass der Ausbau der Windparks und der Ausbau des Anschlussnetzes nicht wieder auseinanderdriften.

„Ziel der EEG-Reform war es, das Fördersystem der erneuerbaren Energien für die Herausforderungen der Zukunft gut aufzustellen", erläutert der parlamentarische Staatssekretär im Wirtschaftsministerium Uwe Beckmeyer.

"Die Windenergienutzung an Land und auf See wird unsere Energieversorgung ganz entscheidend prägen. Wir haben deshalb mit dem neuen EEG mehr Planungssicherheit für die Akteure geschaffen." Der ambitionierte Ausbaupfad bei der Windenergienutzung sei gesetzlich festgelegt und damit sichergestellt, dass das Ziel von 6,5 Gigawatt installierter Offshore-Leistung erreicht werde.

Künftige Produktionsstätte für Windkraft: Im englischen Hull entstehen bald 1.000 Jobs.

Offshore-Branche wünscht sich ehrgeizigere Ziele

In der Offshore-Branche ist man vor allem erleichtert, dass die Diskussion um Ausbauziele und gesetzliche Regelungen zu Ende ist. „Wir können mit dem Ziel von 6,5 GW bis 2020 leben und wir können es erreichen“, sagt Ronny Meyer, Geschäftsführer der WAB Windenergieagentur aus Bremen, eine Interessenvertretung der Windbranche in Nordwestdeutschland und der Offshore-Unternehmen.

„Die Absenkung des Ziels für 2030 macht uns allerdings Bauchschmerzen“, kritisiert Meyer. Die Energiewende brauche die Offshore-Windenergie mit ihrem stetigen Windstrom. Und: „Das Ziel für 2030 weckt keine Phantasien bei Investoren“, warnt er.

Bei einem größeren Markt komme es zu mehr Wettbewerb und damit zu sinkenden Preisen. Deshalb dürften die 15 GW kein fester Deckel, sondern nur ein Mindestziel sein.

„Die Dynamik wird aus dem Markt genommen“, betont auch Sebastian Sahm, Pressesprecher der Stiftung Offshore Windenergie, deren Ziel die Unterstützung der Windenergie auf See mit ihren Vorteilen ist. „Pro Jahr sollen ab 2020 rund 800 Megawatt im Jahr neu hinzukommen“, rechnet er vor. „Das ist sehr strikt.“ Für Investoren seien ein klares Bekenntnis der Politik und ein attraktives Ausbauziel hilfreich, sagt er diplomatisch.

Offen ist zudem, wie es ab 2019 mit der Vergütung des erzeugten Stromes weitergeht. Derzeit gibt es zwei Fördermodelle zur Auswahl: Im Basismodell bekommen die Betreiber 15,4 Cent pro Kilowattstunde (ct/kWh) für die Dauer von zwölf Jahren.

Nach Ablauf der Frist sinkt die Vergütung auf 3,9 ct/kWh. Die Branche bevorzugt jedoch das so genannte Stauchungsmodell, in dem für acht Jahre eine erhöhte Vergütung von 19,4 ct/kWh und danach die Basisvergütung von 3,9 ct/kWh gezahlt wird.

Dieses Modell ist im EEG 2014 bis 2019 vorgesehen. Was danach kommt, ist noch völlig unklar. Angesichts der großen finanziellen Vorleistungen, die für die Errichtung einen Offshore-Windparks notwendig sind - bis zu zwei Milliarden Euro - und der langen Planungszeiten trübt auch die unklare Vergütungssituation die Stimmung der Investoren.

Das Bundeswirtschaftsministerium sieht jedoch einen wichtigen Meilenstein erreicht: „Im Jahr 2015 werden mehr als 3.000 Megawatt Offshore-Leistung in der deutschen Nord- und Ostsee installiert sein“, sagt Staatssekretär Beckmeyer.

„Wir erreichen im Bereich der Offshore-Windenergie die Phase der Industrialisierung und damit den Bereich der Lernkurve, in dem nennenswerte Kostendegressionen möglich sind.“

Die Konkurrenz ist groß - in ganz Europa

Doch die Branche warnt vor den Wettbewerbern aus den Nachbarländern. „Die Offshore-Windenergie ist ein europäisches Geschäft“, sagt WAB-Geschäftsführer Meyer. So wird etwa der im Bau befindliche Windpark Dan Tysk vor Sylt vom dänischen Hafen Esbjerg aus versorgt.

Anfang 2014 sorgte Siemens für Schlagzeilen, weil eine neue Rotorblattfabrik im britischen Hull gebaut wird – angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten an den deutschen Küsten wäre dies auch dort eine willkommene Ansiedlung gewesen.

„Bei den Beschäftigten in der Produktion ist vom Boom noch nichts angekommen“, sagt Heiko Messerschmidt, Pressesprecher der IG Metall Küste. Stattdessen seien angesichts der langen Diskussionen um die Umsetzung der Energiewende wichtige Strukturprojekte verschoben worden - etwa der Ausbau des Emder Hafens am Rysumer Nacken.

„Offshore-Windparks werden gebaut“, sagt Messerschmidt, „die Frage ist aber, wer sie baut.“ Seine Sorge ist, dass die deutschen Standorte ins Hintertreffen geraten können. „Andere Länder wie Großbritannien machen mehr Druck, damit von der Wertschöpfung auch etwas bei den Beschäftigten ankommt, und koppeln die Vergabe von Aufträgen an Investitionen im Land.“ Ein solches Modell könne er sich auch für Deutschland vorstellen.

Doch trotz aller Herausforderungen: Windparks auf See werden weiter gebaut und tragen ihren Teil zur Energiewende bei. So wird allein der derzeit im Bau befindliche Windpark Borkum Riffgrund 1 mit seinen 78 Windenergieanlagen so viel grünen Strom produzieren, um umgerechnet jährlich 320.000 Haushalte zu versorgen. Der Bau erfolgt übrigens, und das unterstreicht die europäischen Dimensionen der Offshore-Windindustrie, über Hafenstandorte in Deutschland, den Niederlanden und Dänemark.

Iris Franco Fratini
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