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Thema Wind und Wende

29. Okt. 15

Im Jahr 2014 hat Deutschland 74 Terawattstunden Elektrizität exportiert, etwa halb so viel eingeführt. Rund sechs Prozent des hier erzeugten Stroms fließen ins Ausland. Es sind Stromautobahnen wie diese in Norwegen, die den Hochspannungsstrom durch Europa transportieren.

Stromstau in Europa

Der Netzausbau über Ländergrenzen hinweg kann mit dem Wachstum der Ökostromproduktion nicht mithalten. Es droht ein Zerfall des gemeinsamen Strommarkts. Damit geraten die Klimaziele der EU in Gefahr.

Im Jahr 2014 hat Deutschland 74 Terawattstunden Elektrizität exportiert, etwa halb so viel eingeführt. Rund sechs Prozent des hier erzeugten Stroms fließen ins Ausland. Es sind Stromautobahnen wie diese in Norwegen, die den Hochspannungsstrom durch Europa transportieren.

Vor dem beeindruckenden Karwendelpanorama zieht eine Höchstspannungsleitung ihre Bahn, quer über die bewaldeten Hänge oberhalb des bayerischen Ortes Mittenwald. Sie führt nach Süden zu einer sogenannten Grenzkuppelstelle mit Österreich und dann weiter ins Inntal.

Stromleitungen wie diese sind die Arterien der europäischen Stromversorgung. Sie ermöglichen den Handel über Staatsgrenzen hinweg. Damit helfen sie, das Megaprojekt Energiewende in Deutschland umzusetzen – und den Ausbau der Offshore-Windkraft voranzutreiben.

Manchmal hängen die Drähte über Mittenwald ein Stück tiefer als sonst. Das sind die Zeiten, in denen sie bis zum Maximum ausgedehnt sind; sie erhitzen dann und dehnen sich aus. Zuletzt war das immer häufiger der Fall: Nach Angaben des Statistischen Bundesamts war 2014 ein Rekordjahr für den Stromhandel mit dem Ausland.

Doch ob dieses Wachstum anhält, ist fraglich. Denn der Netzausbau stockt – nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Teilen Europas. Politisch ist der Wille zum Ausbau zwar groß, aber Proteste von Anwohnern geplanter Leitungsprojekte erschweren den Bau vor Ort. Für den grenzenlosen Stromhandel wird das zunehmend zum Problem.

74 Terawattstunden Elektrizität hat allein Deutschland 2014 exportiert, etwa halb so viel eingeführt. Rund sechs Prozent des hier erzeugten Stroms fließen ins Ausland.

Dabei zeigt sich ein klares Muster: Wenn viel Wind- und Solarstrom im deutschen Stromnetz ist, sinken an der Börse die Preise.

Da bereits rund ein Drittel des deutschen Stroms aus erneuerbaren Quellen stammt, fällt der Preis immer häufiger tief. Für die Nachbarstaaten ist es in diesen Zeiten attraktiv, Strom aus Deutschland einzukaufen und heimische Kraftwerke abzuschalten, die Strom teurer erzeugen.

Deutschland verfügt laut der Bundesnetzagentur über Grenzkuppelstellen in fast alle Nachbarländer. Insgesamt liegt die Kapazität bei rund 21 Megawatt – das entspricht etwa 40 größeren Kohlekraftwerken.

Ein funktionierender Austausch ist zum Wohl aller. Denn über ganz Europa betrachtet, ermöglicht er, die schwankenden Leistungen erneuerbarer Energien zumindest teilweise auszugleichen.

Zudem dient ein grenzüberschreitendes Stromnetz als eine Art Notfallversicherung: Bei einem großen Ausfall konventioneller Kraftwerke oder extremen Witterungsbedingungen kann Strom aus anderen Ländern importiert werden.

Norwegen und die Wasserkraft: Mit seinen riesigen Wasserkraftwerken verfügt das Land über ein gewaltiges Potenzial, Schwankungen in der kontinentaleuropäischen Energieerzeugung ausgleichen zu können.

EU gibt ehrgeizige Ausbauziele vor

„Eine verstärkte Integration stabilisiert das Stromsystem insgesamt. Sie reduziert die Kosten und ermöglicht den Einsatz von mehr erneuerbaren Energien“, sagt Patrick Graichen, Direktor des Berliner Think-Tanks Agora Energiewende.

Und tatsächlich haben sich sowohl Europäische Union als auch Bundesregierung dem Ziel verpflichtet, die Verbindungen zwischen den europäischen Ländern schnell weiter auszubauen. Schließlich soll 2030 nach den Plänen der EU in Europa der Ökostromanteil bei 50 Prozent liegen.

Ziel der EU-Kommission ist es, dass jedes Mitgliedsland bis 2020 mindestens zehn Prozent seiner maximalen Stromproduktion im- und exportieren kann. 2030 sollen es 15 Prozent sein.

Deutschland liegt mit derzeit genau zehn Prozent zwar gerade noch im Zielbereich und damit weit vor Ländern wie Polen (zwei Prozent), Spanien (drei Prozent) und Großbritannien (sechs Prozent).

Doch der schnelle Ausbau der erneuerbaren Energien macht es wahrscheinlich, dass Deutschland sogar noch unter die Marke rutscht. Denn der Netzausbau an den Grenzen kommt ebenso wie der innerhalb des Landes kaum voran. (Lesen Sie hier mehr zum innerdeutschen Netzausbau „Lange Leitung”).

Der Bundesnetzagentur zufolge sank die mittlere zur Verfügung stehende Übertragungskapazität von Deutschland ins Ausland sogar zuletzt leicht, weil es zu technischen Störungen kam.

Neue Leitungen werden derzeit quasi nicht fertiggestellt. Von den bereits 2009 mit dem Energieleitungsausbaugesetz (Enlag) beschlossenen vier Leitungen ins Ausland ist erst eine fertig – die Verbindung nach Polen.

Beim noch umfangreicheren Bundesbedarfsplangesetz aus dem Jahr 2013 hat sich bis jetzt quasi nichts getan. Vielerorts sind noch nicht einmal die Trassen für die fünf geplanten Grenzkuppelleitungen festgelegt.

Ein europäisches Stromnetz ermöglicht den Handel über Staatsgrenzen hinweg. Das hilft, die Energiewende in Deutschland umzusetzen – Offshore-Windkraft ist ebenfalls ein wesentlicher Erfolgsfaktor.

Norwegens „Batterie“ wird angezapft

Immerhin: Ein Prestigeprojekt macht Fortschritte. Für das 1,5 bis 2 Milliarden Euro teure Nordlink-Kabel nach Norwegen wurde Anfang des Jahres der Bauvertrag unterzeichnet. 2019 oder 2020 soll das 623 Kilometer lange Gleichstromkabel fertig sein, das Elektrizität mit besonders geringen Verlusten weiterleiten kann.

Børge Brende, der norwegische Außenminister, hält solche Leitungen für den Anfang einer großen Entwicklung. Er wäre glücklich, so der Minister kürzlich auf einem Termin in Berlin, wenn Norwegen eine „Batterie für Europa und die Welt“ werden könnte.

Denn Norwegen verfügt mit seinen riesigen Wasserkraftwerken tatsächlich über ein gewaltiges Potenzial, Schwankungen in der kontinentaleuropäischen Energieerzeugung ausgleichen zu können.

Um einen nennenswerten Beitrag leisten zu können, bräuchte es allerdings noch viele weitere derartige Verbindungen. Ein regionaler Zusammenschluss der Anrainerstaaten der Nordsee, die NSCOGI, hat sich zur Aufgabe gemacht, entsprechende Bemühungen besser zu koordinieren.

Es gibt in Europa viele derartige Zusammenschlüsse. Der grundsätzliche Ausbauwille der Politik ist groß. Die EU unterstützt mit Hilfsgeldern vor allem die ärmeren Staaten. Zudem hat sie Regeln für schnellere Genehmigungszeiten festgelegt. Auch die Bundesregierung versucht, über schnellere Genehmigungsverfahren den Ausbau voranzutreiben.

Doch derzeit scheitern diese Bemühungen regelmäßig am Widerstand vor Ort. Bürgerinitiativen wehren sich, Klagen von Umweltschutzorganisationen und örtliche Verwaltungen zögern die Genehmigungen hinaus.

In Bayern hat die CSU mit einem harten Widerstandskurs den Netzausbau jahrelang blockiert. Inzwischen gibt es einen politischen Kompromiss, die Leitungen sollen etwas kürzer ausfallen. Doch ob er trägt, muss sich erst noch zeigen.

Stromstau zwischen den Grenzen führt zu getrennten Preisen für Strom in Österreich und Deutschland. Ein dramatischer Rückschritt für den integrierten europäischen Strommarkt und ein verheerendes politisches Signal.

Deutschland und Österreich könnten wieder getrennt werden

Wann zum Beispiel die zwei geplanten Leitungen nach Österreich gebaut werden – eine aus dem Allgäu, eine aus Niederbayern –, steht noch in den Sternen. Die Bundesnetzagentur rechnet nicht mehr mit einer Fertigstellung vor 2020.

Und das hat dramatische Folgen für den Strommarkt. Denn immer wieder kommt es an der deutsch-österreichischen Grenze zum Stau im Stromnetz – obwohl beide Länder ein gemeinsames Stromhandelsgebiet betreiben. Das heißt: Händler können zu einem gemeinsamen Preis Strom einkaufen.

Deutschland und Österreich bilden seit 2002 die einzige größere europäische, länderübergreifende Gebotszone, wie es in der Fachsprache heißt.

Doch weil die Leitungen fehlen, gibt es massive Probleme. Dazu trägt nicht zuletzt der Ausbau der Offshore-Windkraft bei, der zuletzt mächtig in Fahrt gekommen ist, ebenso wie der Zubau an Land. Das führt dazu, dass im Gebiet Deutschland/Österreich der Strom oft sehr günstig wird, wenn ein kräftiger Wind bläst.

Die Folge: Österreich und die angrenzenden Nachbarländer decken sich mit Strom aus dem Marktgebiet ein. Die physischen Leitungen sind aber gar nicht in der Lage, so viel Energie von Nord nach Süd zu übertragen. Dann müssen von den Netzbetreibern und letztlich von den Stromverbrauchern teuer bezahlte Kraftwerke, zum Beispiel in Italien und Österreich, einspringen, um das Ungleichgewicht ins Lot zu bringen.

Gleichzeitig entstehen sogenannte Ringflüsse: Strom, der eigentlich direkt von Deutschland nach Österreich fließen sollte, nimmt wegen der ungenügenden Leitungskapazitäten einen Umweg über Polen und Tschechien oder Frankreich.

Vor allem die Osteuropäer ärgert diese Belastung, die tschechische Regierung warnte kürzlich vor „Stromausfällen durch die deutsche Energiewende“. Zudem können diese Länder ihre Stromnetze durch die unvorhersebaren Ringflüsse kaum noch selbst zum Stromhandel nutzen. Das verursacht einen volkswirtschaftlichen Schaden.

Die Situation hat sich derart verschlechtert, dass die Bundesnetzagentur nun daran arbeitet, die gemeinsame Gebotszone wieder aufzuheben. Damit folgt sie einer Empfehlung der EU-Agentur Acer, die von Polen um einen Stellungnahme zu dem Problem gebeten worden war.

Bundesnetzagentur-Chef Jochen Homann heißt die Forderung „willkommen“ und will die Trennung der gemeinsamen Preiszone in Angriff nehmen. Schon vor dem Winter 2018/19 könnte es soweit sein.

Wenn es in den Leitungen an der Grenze zum Stau kommt, wird dann wieder ein getrennter Preis für Strom in Österreich gelten. Das ist nicht nur ein Rückschritt für den integrierten europäischen Strommarkt, sondern auch ein verheerendes politisches Signal.  

Gleichzeitig schotten sich auch die Osteuropäer vom deutschen Energiewende-Strom ab: An der polnischen und tschechischen Grenze werden vier sogenannte Phasenschieber errichtet, die ungewollte Stromflüsse abblocken sollen, indem sie die Spannung erhöhen und so dafür sorgen, dass der Strom einen anderen Weg durch Europa wählt. Der erste Phasenschieber soll noch dieses Jahr in Betrieb gehen, die übrigen bis 2017 folgen.

Zwar gibt es am europäischen Strommarkt auch ein paar positive Signale. Der grenzüberschreitende Handel ist kein Problem mehr, ein riesiges West- und zentraleuropäisches Marktgebiet existiert und an den Strombörsen in Paris und Leipzig wird Energie für fast den gesamten Kontinent gehandelt. Doch an den begrenzten physischen Realitäten kommt man mit dem virtuellen Handel nicht vorbei.

Letztlich gefährdet das die Klimaziele in Deutschland und der EU. Kommt der Stromnetzausbau nicht hinterher, mehren sich die Störungen – was im Endeffekt das Tempo des Ausbaus der erneuerbaren Energien in Frage stellt.

Dass der Widerstand gegen den Leitungsausbau oft massiv ausfällt, ist allerdings nichts Neues. Die Ende der 70er-Jahre gebaute Leitung an Mittenwald vorbei nach Österreich wurde erst Realität, nachdem das damalige Bayernwerk für die „Verdrahtung des Naturschutzgebietes Karwendel und Karwendelvorgebirge mehr als drei Millionen Mark“ bezahlte hatte, wie das Magazin „Der Spiegel“ Anfang der 80er-Jahre berichtete – nach einem jahrelangen Rechtsstreit durch viele Instanzen.

Iris Franco Fratini
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