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Thema Wind und Wende

23. Mär. 17

Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt: Beim Spatenstich für das Nordlink-Projekt im September 2016 schultern Vertreter des Baukonsortiums und Politiker im schleswig-holsteinischen Wilster einen Kabelstrang

„Wir dämpfen die Preisschwankungen“

Norwegens Stauseen und deutsche Windkraft ergänzen sich ideal, sagt Tennet-Vorstand Lex Hartman. Das Nordlink-Kabel bringt beide Länder ab 2019 zusammen. Anders als Suedlink kommt der Bau gut voran.

Von Volker Kühn

Es ist ein Projekt der Superlative: Ein bis zu zwei Milliarden Euro teures, 623 Kilometer langes Hochspannungskabel soll von 2019 an Deutschland und Norwegen verbinden. Die Leitung mit dem Namen Nordlink soll die Schwankungen der deutschen Ökostromproduktion ausgleichen. Überschüsse können nach Norwegen exportiert werden, um sie vor Ort zu verbrauchen oder in den dortigen Stauseen zu speichern und bei Bedarf zurück nach Deutschland zu schicken.

Über dieses Projekt hat Energie-Winde erstmals 2015 berichtet. Was hat sich seither getan? Darüber haben wir mit Tennet-Vorstand Lex Hartman gesprochen. Der Stromnetzbetreiber hat im Herbst 2016 mit dem Bau von Nordlink begonnen.

Nordlink erfüllt einen doppelten Zweck sagt Tennet-Vorstand Lex Hartman (links): Es stabilisiert die Energieversorgung in Deutschland und Norwegen und es dämpft zugleich die Preisausschläge am Strommarkt. Auch Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (rechts) unterstützt das Projekt.

Herr Hartman, seit gut einem halben Jahr baut Tennet als Teil eines internationalen Konsortiums ein Unterseekabel zwischen Schleswig-Holstein und Norwegen. Ist diese Nordlink-Leitung so etwas wie ihr Lieblingskabel?

Lex Hartman: Warum?

Weil das Projekt im Gegensatz zu den großen Trassen, die Sie in Deutschland bauen, erstaunlich geräuschlos vonstattengeht.

Hartman (lacht): Ja, da haben Sie recht. Wir liegen mit Nordlink im Zeitplan und im Budget. So, wie es aussieht, kann Ende 2019 der Probebetrieb beginnen, 2020 dürfte das Kabel für den Markt zur Verfügung stehen. Aber auch Suedlink nimmt immer mehr Fahrt auf. Die Budgetplanung steht, und auch die durch die Gesetzesnovelle zum Erdkabelvorrang bei Gleichstrom notwendig gewordene Neuplanung des Leitungskorridors kommt gut voran.

Was ist der Vorteil davon, deutschen Strom über mehr als 600 Kilometer nach Südnorwegen zu schicken?

Hartman: Dahinter steht die Idee, Länder mit unterschiedlichen Arten der Energieerzeugung zu verbinden und so nicht nur die Stromversorgung zu stabilisieren, sondern auch den Markt. Norwegen versorgt sich schon lange fast komplett mit Strom aus Wasserkraft. In Deutschland dagegen verändert sich der Energiemix: Wir haben immer weniger Atomkraft, während der Anteil von Wind- und Solarkraft ständig wächst. Damit nimmt auch die Volatilität zu – schließlich scheint die Sonne nicht pausenlos und auch der Wind weht nicht immer.

Diese Volatilität betrifft aber nicht nur die Erzeugung, sondern auch die Strombörsen. Wenn die Ökostromproduktion besonders hoch ist, brechen die Preise ein, manchmal fallen Sie sogar ins Negative. Mit Nordlink schaffen wir ein zusätzliches Instrument, um den Strom zu verkaufen. Das wird die Preisschwankungen dämpfen.

Und was hat Norwegen davon? Das Land besitzt Wasserkraft im Überfluss, wozu braucht es deutschen Strom?

Hartman: Zum einen hat Norwegen manchmal sogar zu viel Wasser, die Stauseen sind dann bis zum Rand gefüllt. In solchen Situationen kann das Land seinen Strom auf den Markt bringen und damit Geld verdienen. Nordlink funktioniert ja in beide Richtungen, Strom kann sowohl im- als auch exportiert werden. Zum anderen gibt es gelegentlich sehr trockene Phasen. Wenn Norwegen dann Strom einkauft, schont es seine Wasserreservoire.

Indem es die importierte Energie nutzt, um Wasser in die Stauseen zu pumpen?

Hartman: Nein, die Pumpspeicherkapazitäten in Norwegen sind eher klein. In der Regel wird der Strom direkt verbraucht werden, aber die Reservoire müssen dann nicht angezapft werden.

Neben Nordlink gibt es unter dem Namen Norger noch ein zweites deutsch-norwegisches Projekt: ein Kabel, das im niedersächsischen Butjadigen anlanden soll. Wird es noch gebraucht, wenn Nordlink erst mal in Betrieb ist?

Hartman: Wir haben uns zunächst einmal die Rechte an Norger gesichert. Ob das Kabel gebaut wird, kann man erst nach der Fertigstellung von Nordlink entscheiden. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich mir aber vorstellen, dass es Bedarf dafür geben könnte. Wir haben in Europa ja längst keine nationalen Strommärkte mehr, sondern grenzüberschreitende. Je besser sie vernetzt sind, desto stabiler sind die Stromversorgung und die Preise. Und gerade die Idee, Windkraft und Wasser zu verbinden, halte ich für sehr überzeugend.

Tennet realisiert derzeit auch das Projekt Cobra Cable“ in der Nordsee, bei dem Offshore-Windparks an transnationale Kabel angeschlossen werden könnten. Wäre das auch bei Nordlink möglich?

Hartman: Theoretisch ja. Die technischen Herausforderungen dabei lassen sich überwinden. Es gibt allerdings noch eine große regulatorische Hürde. Ein Beispiel: Ein Windpark in der deutschen Nordsee speist seinen Strom über eine solche Verbindung ins niederländische Netz ein – nach welchem Modell wird er dann vergütet? In den Niederlanden hat der Windpark keinen Anspruch auf die deutschen Subventionen. Da müssten also zunächst einmal politische und regulatorische Rahmenbedingungen gefunden werden.

Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt: Beim Spatenstich für das Nordlink-Projekt im September 2016 schultern Vertreter des Baukonsortiums und Politiker im schleswig-holsteinischen Wilster einen Kabelstrang

In einem anderen Punkt hat die Politik bereits Fakten geschaffen: mit der Entscheidung, große Trassen wie Suedlink unterirdisch zu verlegen. Halten Sie das für richtig?

Hartman: Hätte man rein nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten entschieden, wäre man zu einem anderen Ergebnis gekommen, weil das Verlegen von Erdkabeln erst einmal aufwändiger und teuer ist als der Bau einer Freileitung. Aber realpolitisch betrachtet ist die Entscheidung nachvollziehbar und wir begrüßen sie. Es ergibt keinen Sinn, solche Projekte gegen den Willen der Bevölkerung zu treffen, die Akzeptanz ist wichtig.

Zuletzt ging es auch nicht mehr um die Frage, ob wir oberirdisch oder unterirdisch bauen, sondern ob unterirdisch oder gar nicht. Und das wäre am kostspieligsten gewesen, weil wegen der Übertragungsengpässe der Windstrom dann nicht von Nord nach Süd transportiert werden könnte – mit dauerhaft teueren Konsequenzen wie Redispatch und Abregelungen zu Lasten der Stromverbraucher. Allerdings hat die Entscheidung den Projektprozess erheblich verzögert. Wir mussten mit den Planungen ja noch einmal ganz von vorn beginnen.

Solche Querelen gibt es bei Nordlink nicht.

Hartman (lacht): Von daher ist es wirklich so etwas wie mein Lieblingsprojekt.

Volker Kühn
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