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Thema Wind und Wende

17. Jun. 16

Das französische Revolutiönchen

Ganz Frankreich ist in den Händen der Atomkraft. Ganz Frankreich? Nein! In Saint Nazaire steht die erste Offshore-Windkraft-Fabrik des Landes.

Pascal Girault leitet die Fabrik im französischen Saint Nazaire, in der Gondeln und Generatoren gebaut werden.

Von Heimo Fischer

Auf den ersten Blick ist Saint Nazaire eine Hafenstadt wie viele andere in Frankreich. Entlang der Küste erstrecken sich Kräne, Kaianlagen, eine große Werft und kleine Fabriken. Urlauber kennen die Stadt höchstens von der Durchreise zu den Stränden der Bretagne oder den Hinkelsteinen von Carnac.

Und doch ist Saint Nazaire etwas Besonderes. Denn hier steht die erste und bislang einzige Fabrik in Frankreich, die Offshore-Windkraftanlagen baut. Gegründet hat sie der französische Industrieausrüster Alstom, dessen Energiesparte seit Kurzem zum US-Konzern General Electric (GE) gehört.

Eine Stichstraße führt über Wiesen vorbei an zwei Kontrollposten bis zu dem nagelneuen Werk direkt an der Loire-Mündung. In der Eingangshalle wartet Pascal Girault. Lockere Arbeitskleidung, keine Krawatte – eine Erscheinung mit Botschaft: Die Grenzen zwischen Verwaltung und Fertigung sind hier fließend. Girault leitet eine junge, moderne Fabrik, die auch in Frankreich endlich in ein neues Energiezeitalter führen soll.

Denn die Energiewende, die Deutschland in Atem hält und die Welt bewegt, sie ist an Giraults Heimatland bislang weitgehend vorbeigegangen. Drei Viertel des französischen Stroms kommen aus Atomkraftwerken, und das schon seit Jahrzehnten. Erst seit dem Unfall von Fukushima hat auch bei der Regierung in Paris ein vorsichtiges Umdenken eingesetzt: Auf lange Sicht will sie den Anteil des Atomstroms auf 50 Prozent senken.

Was genau geschah in Fukushima? Hier geht es zu der Chronologie der Ereignisse.

Die Lücke sollen Gas und vor allem erneuerbare Energien schließen. Geplant ist, dass ihr Anteil am Endverbrauch bis 2030 auf knapp ein Drittel steigt. Und Pascal Girault ist einer der Pioniere, die Frankreich dabei helfen sollen.

Der Direktor bittet den Besucher durch eine Tür, die vom Bürotrakt direkt ins Werk führt. Die Hallen riechen neu, die polierten Böden glänzen. Auf Stahlgerüsten ruhen Windturbinen, die größer sind als Einfamilienhäuser. „Hier in Saint Nazaire bauen wir Gondeln und Generatoren“, erklärt Girault. Das Herz jeder Windkraftanlage. Türme und Rotorblätter kommen von anderen Zulieferern. Bei den Kunden werden die Bauteile zu kompletten Anlagen zusammengesetzt, um danach in Windparks auf See Strom zu erzeugen.

Die Mitarbeiter der ersten Offshore-Windkraftanlagen-Fabrik in Frankreich. Arbeitsplätze im Land zu schaffen, ist ein wichtiges Kriterium für zukünftige Ausschreibungen.

Turbinen für Amerikas ersten Offshore-Windpark

Vor zwei Jahren wurde die Fabrik eingeweiht – mitten im Hafengebiet von Saint Nazaire mit Blick auf eine gigantische Autobrücke, die sich bis zu anderen Seite der Mündung spannt. In den Hallen herrscht Betrieb. Spezialisten schauen auf Monitore, auf einem Prüfstand dreht sich ein gigantischer Generator, der bald an den Kunden ausgeliefert wird.

Im März hat die erste Turbine das Werk in Saint Nazaire Richtung Dänemark verlassen. Demnächst liefert das Unternehmen fünf weitere Turbinen nach Block Island – den ersten Offshore-Windpark der USA.

Hier geht es zu dem Artikel über den amerikanischen Offshore-Windpark "Block Island".

Dann folgen weitere 66 Maschinen für das Projekt Merkur vor Borkum. Auch beim geplanten Windpark Arcadis Ost vor Rügen sind die Alstom-Turbinen aus Saint Nazaire in der engeren Wahl. Bis zu 100 davon kann die Fabrik jedes Jahr fertigen. Derzeit arbeiten hier 170 Beschäftigte, 300 sollen es bei voller Auslastung sein.

Wie gut die Geschäfte laufen, wird davon abhängen, ob Frankreich den Ausbau der Erneuerbaren so energisch umsetzen kann, wie geplant. Vor allem die Windkraft spielt in den Plänen eine herausragende Rolle. Bis 2020 sollen jährlich 25.000 Megawatt Strom aus dieser Erzeugungsform kommen, davon knapp ein Viertel von Offshore-Windparks.

Frankreichs See bietet dafür gute Voraussetzungen. Die Küstenlinie misst 3427 Kilometer und ist um ein Drittel länger als in Deutschland. An den Ufern von Atlantik und Ärmelkanal weht immer ein ordentlicher Wind, außerdem ist das Meer auch weit draußen nicht tief, was den Bau der Anlagen erleichtert.

Nach dem Plan der Pariser Regierung sollen sich die französischen Windparks von der Küste Nordfrankreichs über die Normandie bis hinunter in die Bretagne erstrecken. Seit 2012 wurden sechs Projekte vergeben. Weitere sollen hinzukommen. Die Ausschreibung für ein Versuchsfeld mit schwimmenden Windplattformen startete vergangenes Jahr.

Wem sie bei solchen Auktionen den Zuschlag erteilt, macht die Regierung auch davon abhängig, wie viele neue Arbeitsplätze der Bewerber in Frankreich schaffen will. Die junge Offshore-Industrie soll nicht nur saubereren Strom bringen, sondern auch neuen wirtschaftlichen Schwung – vor allem für vom Strukturwandel betroffene Küstenorte.

Die Windkraftanlagen aus Saint Nazaire werden in die ganze Welt verschifft, beispielsweise in die USA und nach Deutschland. Bald soll die Fabrik eine eigene Anlegestelle bekommen.

Eine neue Zulieferindustrie an Frankreichs Küste

Wartungs- und Verladehäfen sollen entstehen und gleich mehrere Fabriken. Alstom hatte während der Ausschreibung zugesagt, Masten und Rotoren für die Offshore-Turbinen in zwei Werken in Cherbourg in der Normandie zu fertigen. Gondeln, Rotornaben und Generatoren sollten aus Saint Nazaire kommen. Das Unternehmen arbeitet mit dem Energieversorger Electricité de France (EdF) sowie dem dänischen Stromkonzern Dong Energy zusammen und hat den Zuschlag zum Bau von insgesamt 238 Turbinen für drei Windparks erhalten. Ob es nach der Übernahme durch GE dabei bleibt, ist jedoch offen.

Überhaupt läuft nicht alles rund beim Aufbau der französischen Offshore-Windbranche. Das spürt auch der inländische Wettbewerber Areva, der einem Konsortium angehört, das den Zuschlag für drei Windparks im Atlantik bekommen hat und dafür den Bau neuer Fabriken im nordfranzösischen Le Havre ankündigte.

Ob der Staatskonzern das Versprechen halten kann, ist ungewiss. Denn Areva baut seine Offshore-Technik zusammen mit dem spanischen Partner Gamesa – der aber nun womöglich von Siemens übernommen wird. Ob der deutsche Marktführer für Offshore-Windtechnik dann dem Bau neuer Fabriken in Frankreich zustimmen würde, ist ungewiss. Siemens jedenfalls will sich dazu nicht äußern. „Kein Kommentar“, sagte eine Sprecherin.

Im Jahr 2018 sollten die ersten französischen Windparks Strom im Meer erzeugen. „Wenn man die heutigen Bedingungen zugrunde legt, kann es schwierig werden, dieses Ziel zu erreichen“, sagt Sven Rösner vom Deutsch-französischen Büro für erneuerbare Energien. Der Enthusiasmus für regenerative Erzeugung ist in Frankreich ohnehin begrenzt. Mancher Experte macht für den Rückstand die trägen Genehmigungsbehörden verantwortlich. Frédéric Lenoir, Präsident des französischen Windkraftverbandes FEE monierte Anfang des Jahres, dass in Frankreich Planung und Bau eines Windparks mehr als doppelt so lange dauerten wie in Deutschland.

Die Fabrik in Saint Nazaire jedenfalls ist von der unsicheren Entwicklung vorerst nicht betroffen. „Um die vorhandenen Aufträge abzuarbeiten, brauchen wir bis zum ersten Quartal 2018“, sagt Werksleiter Girault.
Er lobt die Vision des neuen Mutterkonzerns GE, der finanziell stark genug sei, um seine industriellen Ambitionen umzusetzen. GE baute bislang nur Windkraftanlagen an Land und bekommt durch die Technik von Alstom Zugang zum Offshore-Markt.

Herzstück der Alstom-Turbine sind die in dem ringförmigen Generator angebrachten Dauermagneten. Bei Wind dreht sich die Turbine, die dadurch entstehende Energie wird in Strom verwandelt. „Ein einfaches Prinzip“, sagt Girault beim Rundgang durch das Werk. Die Windturbinen hat Direktantrieb, benötigt also kein Getriebe. Dadurch ist sie leichter, was die Kosten bei Bau und Betrieb senkt.

Girault ist überzeugt, dass die Alstom-Turbine mit Namen Haliade 150 auf einem wachsenden Markt für Offshore-Windkraft gute Chancen hat. Sein Werk in Saint Nazaire soll jedenfalls bald einen besseren Anschluss ans Meer bekommen. Bislang werden fertige Turbinen von einem benachbarten Anleger aus verschifft.

Girault zeigt auf das Ufer der mündungsbreiten Loire, in der sich die Mittagssonne spiegelt. „Dort werden wir eine eigene Anlegestelle bekommen“, sagt er. Und von dort werden hoffentlich schon bald die 80 Turbinen für den Windpark verladen, der in den kommenden Jahren direkt vor der Küste von Saint Nazaire entsteht – wenn alles nach Plan läuft.

Ricarda Schuller
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