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Thema Wind und Wende

24. Aug. 17

Das Pumpspeicherkraftwerk Koepchenwerk am Hengsteysee in Nordrhein-Westfalen: Rohrleitungen verbinden das Ober- und das Unterbecken, dazwischen liegen die Turbinen.

Das Dilemma von Pumpspeichern

Pumpspeicherkraftwerke könnten eine Hauptrolle in der Energiewende spielen. Doch ihr Betrieb rentiert sich angeblich kaum, die Betreiber drohen mit Stilllegung. Dahinter steckt ein fast absurdes Problem

Von Steven Hanke

Die vier großen deutschen Energieversorger kämpfen aktuell an vielen Fronten mit den Folgen der Energiewende. Ihre Kernkraftwerke müssen Eon, RWE, Vattenfall und EnBW abschalten, Kohle und Gas über kurz oder lang abschreiben. Und sogar ihre Pumpspeicherwerke, vermeintlich unverzichtbare Partner der erneuerbaren Energien, werden zur Belastung für die Konzernbilanzen. Denn den großen Vier gehören auch mehr als 90 Prozent der deutschen Pumpspeicher. Bundesweit zählt die Bundesnetzagentur Anlagen mit 9400 Megawatt Gesamtleistung, inklusive derjenigen im grenznahen Ausland, die ins deutsche Netz einspeisen.

Ende 2016 warnten die vier Betreiber in einem Brandbrief an das Bundeswirtschaftsministerium vor einer „existenzgefährdenden wirtschaftlichen Situation“ der Pumpspeicher. Wegen des Strompreisverfalls infolge der Energiewende und regulatorischer Maßnahmen seien die Anlagen kaum noch rentabel. „Wir reden jetzt über das Ende der Pumpspeicher in Deutschland“, sagte damals Tuomo Hatakka, Geschäftsführer der Vattenfall GmbH. Das könne nicht im Sinne des Gesetzgebers sein.

Mittlerweile belässt es der größte Betreiber Vattenfall nicht mehr bei Drohungen. Im Juni kündigte das Management ein Maßnahmenpaket an. Dazu gehört, bis 2019 einige Anlagen vorübergehend stillzulegen, den Betrieb der übrigen zu optimieren und rund 420 Vollzeitstellen zu streichen, etwa die Hälfte der Belegschaft. Neue Anlagen sind nicht in Sicht. Zwar sind derzeit acht Pumpspeicher mit 4660 Megawatt Gesamtleistung geplant oder bereits im Genehmigungsverfahren, doch ihre Realisierung sei fraglich, teilte der Energiebranchenverband BDEW mit.

Bodo Ramelow bei einem Besuch im Pumpspeicherkraftwerk Hohenwarte II im vergangenen Jahr: Der thüringische Ministerpräsident fordert eine finanzielle Besserstellung der Anlagen.

Gewerkschaften und Bundesländer schlagen Alarm: Es drohe der Verlust von Jobs in einer dringend benötigten Technologie

Der politische Aufschrei ist groß. Die Gewerkschaft IG BCE sprach von unsinniger Politik und einer absurden Situation. Nach den Jobverlusten in der Kohleverstromung dürften nun nicht auch Arbeitsplätze bei den für die Energiewende so wichtigen Pumpspeichern wegfallen. Der linke Ministerpräsident Bodo Ramelow aus Thüringen, einem der am meisten betroffenen Länder, witterte gar eine Verschwörung. Dem grünen Wirtschaftsstaatssekretär Rainer Baake unterstellte er eine persönliche Aversion gegen Pumpspeicher und deren bewusste Benachteiligung gegenüber anderen Speichertechnologien.

Was passiert hier? Wie kann es sein, dass die derzeit einzige Technologie zum Speichern großer Strommengen ausgerechnet mitten in der Energiewende ins Straucheln kommt? Sind sich nicht alle einig, dass der Ausbau der Erneuerbaren wegen der großen Schwankungen von Sonne und Wind ohne Speicher nicht funktioniert? Und warum lenkt die Politik nicht ein?

Um die Krise der Anlagen zu verstehen, muss man sich zunächst ihr Geschäftsmodell anschauen. Es basiert auf den täglichen Preisschwankungen. Pumpspeicherkraftwerke bestehen aus einem Ober- und Unterbecken, die über dicke lange Rohre miteinander verbunden sind. In der Nacht, wenn die Nachfrage gering und der Strom billig ist, pumpen die Betreiber Wasser hinauf. Tagsüber, vor allem während der Spitzenlastzeiten am Mittag, fließt es wieder ab und treibt Generatoren zur Stromerzeugung an. Pumpspeicher können sehr schnell reagieren und verdienen ihr Geld deshalb auch mit der Bereitstellung sogenannter Regelenergie, das heißt, sie sorgen dafür, dass Erzeugung und Verbrauch im Stromnetz ausgeglichen sind.

Das Pumpspeicherkraftwerk Koepchenwerk am Hengsteysee in Nordrhein-Westfalen: Rohrleitungen verbinden das Ober- und das Unterbecken, dazwischen liegen die Turbinen.

Pumpspeicher wären ideal, um Ökostrom zu speichern. Doch ausgerechnet die Erneuerbaren nagen an ihrem Geschäftsmodell

Allerdings macht ihnen gerade die Solarenergie seit geraumer Zeit einen Strich durch die Rechnung. Zur Mittagszeit speisen inzwischen mehr als anderthalb Millionen Solaranlagen in Deutschland ihren Strom ein und schneiden die Preisspitzen ab, aus denen sich die Pumpspeicher bislang finanzierten. Die Strompreisschwankungen („Spreads“) im Großhandel sind seit 2011 im Mittel von 16 auf fünf Euro pro Megawattstunde gesunken, heißt es bei Vattenfall. Entsprechend kontinuierlich sinke auch der Gewinn mit diesen Anlagen.

Es sind aber nicht nur die Solaranlagen, die den Pumpspeichern zu schaffen machen. Generell gibt es derzeit in Europa deutlich mehr Kraftwerke als nötig, was auf die Preise drückt. Darunter leiden alle flexiblen Technologien wie Batterien oder flexible Verbraucher, die ihre Stromnachfrage anpassen an den Takt von Sonne und Wind. „Es gibt ein Überangebot an billiger Flexibilität“, sagt der Strommarkt-Experte Christian Redl von der wissenschaftlichen Stiftung Agora Energiewende im Interview mit Energie-Winde. Dieses Überangebot zeigt sich auch am Regelenergiemarkt, wo die Preise derzeit einbrechen. Die Aussichten sind für alle Flexibilitätsoptionen aber nicht schlecht, erklärt Redl. Im weiteren Verlauf der Energiewende werde die Volatilität der Strompreise deutlich zunehmen.

Um die wirtschaftliche Situation von Pumpspeichern zu verbessern, fordern die Betreiber finanzielle Unterstützung der Politik. Vor allem wollen sie für den Strom, der die Pumpen antreibt, keine Netznutzungsentgelte zahlen. Schließlich seien Pumpspeicher keine Letzt- oder Endverbraucher im eigentlichen Sinne, die Strom konsumieren und für den Transport jeder Kilowattstunde durchs Netz zahlen müssen.

Brüssel fordert, Pumpspeicher von Entgelten zu befreien. Manche Experten bezweifeln allerdings, dass die Anlagen überhaupt gebraucht werden

Unterstützung erhalten die Unternehmen ausgerechnet von der sonst so strengen EU-Kommission. Die forderte die Mitgliedsstaaten kürzlich in einem Positionspapier auf, für Speicher eine eigene Definition zu entwickeln. Das liefe dann auf die Befreiung von den Abgaben hinaus. Auch die Bundesländer setzten sich über eine Bundesratsinitiative für die Netzentgeltbefreiung ein.

Das zuständige Bundeswirtschaftsministerium zeigt sich davon unbeeindruckt. Dort verweist man zum einen darauf, dass Pumpspeicher bereits diverse Vergünstigungen genießen. Sie zahlen keine EEG-Umlage auf den Pumpenstrom und keine Stromsteuer. Neubauten sind zudem für 20 Jahre auch von den Netzentgelten befreit. Bestandsanlagen sind dann für zehn Jahre vom Netzentgelt befreit, wenn sie im Rahmen einer Modernisierung ihre Leistung erhöhen. Außerdem zahlen die Betreiber neuerdings nur eine Art Flatrate: Wie oft sie ein- und ausspeisen, das Netz in Anspruch nehmen, spielt für das Entgelt keine Rolle. Bei einer netzdienlichen Fahrweise wird das Netzentgelt weiter reduziert.

Laut Ministerium gibt es zudem genügend preiswertere Alternativen wie den Netzausbau, die Flexibilisierung fossiler Kraftwerke oder das Nachfragemanagement. „Wenn Stromspeicher nicht die Rolle spielen, wie sie eigentlich könnten oder wollten, dann gibt es dafür offenbar keinen Bedarf“, sagt Referatsleiter Ralf Sitte. „Das System bekommt, was es braucht.“ Der Ruf nach weiteren Begünstigungen habe mit Wettbewerb und der kosteneffizienten Beschaffung systemnotwendiger Dienstleistungen nichts zu tun.

Zusätzliche Stromspeicher seien, wenn überhaupt, erst bei einem sehr hohen Ökostromanteil nötig. Bis 60 Prozent seien sie schlicht überflüssig, zeigte 2014 die vom Ministerium beauftragte „Roadmap Speicher“ des Fraunhofer-Instituts Iwes und die RWTH Aachen. Derzeit beträgt der Anteil 35 Prozent. Selbst bei 80 bis 90 Prozent ließen sich die Schwankungen des Ökostromangebots demnach weitgehend ohne zusätzliche Speicher ausgleichen. Voraussetzung ist, dass die Alternativen wie der Netzausbau vorankommen. Für den Fall, dass das nicht geschieht, und damit die Speichertechnologien dann zur Verfügung stehen, investiert der Bund jetzt in Forschung und Entwicklung.

Volker Kühn
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