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Thema Wind und Wende

21. Dez. 15

Da geht noch was

Das Meer scheint frei und unberührt. Doch weit gefehlt. Auch hier rangeln viele um knappe Flächen - nicht zuletzt die Offshore-Windenergie, die weiter ausgebaut werden soll. Ist dafür überhaupt genug Platz?

Insgesamt über 1.000 Quadratkilometer an Vorrangflächen hat das BSH für Offshore-Windparks ausgewiesen. Da man aber auch außerhalb dieser Gebiete bauen darf, gibt es keine weißen Flächen, so Dr. Nico Nolte, Leiter des Referats Ordnung des Meeres beim BSH.

Das Meer scheint grenzenlos zu sein. Keine Zäune, keine Mauern, stattdessen unendlich viel Platz. Doch das ist ein Irrtum. Auch das Meer kennt Begrenzungen und Streit um die Nutzung der Flächen. Schifffahrtslinien, Fischerei, Militär, Naturschutz und nicht zuletzt die Offshore-Windenergie wetteifern um einen Platz im Meer.

Ende November ist mit Amrumbank West der letzte Windpark des Jahres 2015 ans Netz gegangen - Turbinen mit einer Gesamtleistung von 3,3 Gigawatt (GW) speisen jetzt Strom aus Nord- und Ostsee ein. Damit ist keineswegs das Ende erreicht. In fünf Jahren soll sich die Leistung auf 6,5 GW fast verdoppelt haben, bis 2030 sollen es dann 15 GW werden. 26 Windparks mit einer Leistung von rund 9 GW sind bereits genehmigt, etliche von ihnen stehen in den Startlöchern und sollen spätestens ab 2017 gebaut werden. Ab 2020, so plant das Bundeswirtschaftsministerium, sollen dann pro Jahr 800 MW ans Netz gehen, etwa die Leistung von zwei Windparks.

Die meisten deutschen Windparks werden in der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) errichtet. Diese Gebiete gehören zwar nicht zum Hoheitsgebiet eines Landes, aber der Staat, dem sie zugeordnet sind, hat bestimmte Nutzungsrechte, darunter auch die Energieerzeugung aus Wasser, Strömung und Wind.

In der Nordsee umfasst die AWZ rund 29.000 Quadratkilometer und erinnert in der Form ein bisschen an eine Glocke mit Stiel, die schräg in der deutschen Bucht liegt. In der Ostsee sind es bescheidenere 4.500 Quadratkilometer, die sich wie eine Schlängelband vor der Küste entlang ziehen.

Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), verantwortlich für die Planung im Meer, hat im Raumordnungsplan in der AWZ Vorranggebiete für Windenergie ausgewiesen: insgesamt 880 Quadratkilometer in der Nord- und 130 Quadratkilometer in der Ostsee. „Da man auch außerhalb dieser Flächen Windparks planen darf, so lange die Gebiete nicht für andere Nutzung wie Schifffahrt oder Naturschutz reserviert sind, gibt es keine weißen Flächen im Meer“, sagt Dr. Nico Nolte, Leiter des Referates Ordnung des Meeres beim BSH.

Peter Frohböse, Leiter der Abteilung Offshore-Wind bei DNV GL Deutschland, sieht die Ausbauziele der Bundesregierung kritisch. „Wir laufen Gefahr, dass der Markt zu klein wird. Wenn ab 2020 jährlich nur zwei Projekte umgesetzt werden, können einige wenige Zulieferer allein den Markt beliefern.”

Entscheidend für den Ausbau der Offshore-Windenergie ist der Netzanschluss

Entscheidend ist aber nicht die ausgewiesene Fläche für die künftigen Parks, sondern der Netzanschluss, ohne den ein Windpark nicht realisiert werden kann. Im Offshore-Netzentwicklungsplan (O-NEP) der Bundesnetzagentur wird auf Grundlage des Energiewirtschaftsgesetzes festgelegt, wann welche Zone, auch Cluster genannt, mit welcher Kapazität an das landseitige Stromnetz angeschlossen wird.

Die Cluster tragen Nummern: Je weiter von der Küste entfernt, desto höher ist die Zahl. Die maximale Kapazität liegt bei 7,7 GW bis 2020, und die ist längst vergeben. „In den kommenden zehn Jahren wird es in den küstenfernen Zonen 3 und 4 keinen Netzanschluss geben“, bestätigt Nolte. Daher hat seine Behörde Genehmigungen in weiter von der Küste entfernten Clustern derzeit auf Eis gelegt.

„Um die Ziele der Bundesregierung zu erreichen, haben wir genug Flächen“, bestätigt Urs Wahl, Sprecher der Offshore-Wind-Industrie-Allianz (OWIA), die vier norddeutsche Windnetzwerke vertritt. „Das Problem ist eher, dass die Ziele nicht ambitioniert genug sind.“ Angesichts einer Energiewende, die auch den Verkehrs- und den Wärmesektor mit einbezieht, sei steigender Stromverbrauch zu erwarten, den die Offshore-Wind-Industrie decken helfen könne.

Auch Peter Frohböse, Leiter der Abteilung Offshore-Wind bei DNV GL Deutschland, einem Beratungs- und Klassifizierungsunterunternehmen, sieht die Ausbauziele kritisch: „Wir laufen Gefahr, dass der Markt zu klein wird. Wenn ab 2020 jährlich nur ungefähr zwei Projekte umgesetzt werden, wie das die Bundesregierung plant, können einige wenige Zulieferer allein den Markt beliefern.“ Eine Kostensenkung sei über die Masse und den Wettbewerb unterschiedlicher Anbieter zu erreichen.

Für mehr Flächen spricht sich Andreas Wagner, Geschäftsführer der Stiftung Offshore-Windenergie aus: „Man muss sich die Frage stellen, was die maximal mögliche Windleistung pro Quadratkilometer ist“, meint er. „Das Bundeswirtschaftministerium rechnet mit zehn bis 13 MW, aber das hängt immer vom Einzelfall ab“, so Wagner. „Wir werden deshalb mittelfristig auch die weiter entfernten Flächen brauchen.“

Bis 2050 sollen 80 Prozent des deutschen Stroms von erneuerbaren Energien kommen. Dazu müsste die Offshore-Windenergie bis 2050 eine Leistung von 54 Gigawatt beitragen. Das hat das Fraunhofer Institut für Windenergie und Systemtechnik erreichnet.

Ausbaupotenziale Offshore-Windenergie in der Ostsee

Anders als in der Nordsee sind an der Ostseeküste, innerhalb der 12-Seemeilen-Zone, die jeweiligen Bundesländer für Flächenausweisung und Genehmigung von Offshore-Windparks zuständig.

Die Schweriner Landespolitik hatte Großes vor: Die im ersten Entwurf des Landesraumentwicklungsprogrammes ausgewiesenen Gebiete für die Nutzung der Windenergie umfassten eine Fläche von insgesamt etwa 520 Quadratkilometern und damit deutlich mehr als in Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Doch es gab erfolgreichen Gegenwind: Im zweiten Entwurf blieb nur rund ein Drittel übrig. „Von diesen Flächen muss man allerdings noch einiges an Abstandsflächen, gebauten und genehmigten Parks abziehen“, kommentiert Andre Iffländer, Vorsitzender des Wind Energy Network e.V. „Netto bleiben für neue Projekte nur etwa 78 Quadratkilometer.“

„Da ist die Landesregierung den verschiedensten Interessengruppen doch stark entgegengekommen“, kritisiert auch Tilo Vogdt, Geschäftsführer der KNK Wind, die in der Ostsee den Windpark Arcardis Ost 1 plant. Er hofft, dass die verbleibenden Flächen im zweiten Entwurf nun auch den Weg in die endgültige Planung finden.

Rein rechnerisch wäre dort noch Platz für 130 Windenergieanlagen, und wenn jede über 7 MW Leistung verfügt, wie es das Energieministerium annimmt, dann könnten im Küstengewässer 1,3 GW Leistung Platz finden. In der AWZ wären zudem 3,7 GW möglich, so dass die Ostsee eine Leistungskapazität von insgesamt 5 GW beisteuern könnte. Das entspräche der elektrischen Leistung von etwa fünf Atomkraftwerken. Doch auch hier ist die Deckelung des Offshore-Ausbaupfads im O-NEP das Problem. „Bis 2030 sollen in der Ostsee nach diesem Plan nur Netzanbindungen für 1 GW Windparkleistung gebaut werden“, beklagt Iffländer.

Und dann? Bis 2050 sollen schließlich 80 Prozent des deutschen Stromes aus erneuerbaren Quellen stammen - so plant es die Bundesregierung. Das Fraunhofer Institut für Windenergie und Systemtechnik hat sich darüber Gedanken gemacht. Um dieses Ziel zu erreichen, so die Wissenschaftler, müsste die Offshore-Windenergie bis 2050 eine Leistung von 54 GW beitragen, also fast 40 GW in dreißig Jahren.

 

Ricarda Schuller
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