Das Portal für Offshore-Windenergie

Thema Wind und Wende

28. Sep. 16

Bayerns Landschaften dürften nicht durch „Monstertrassen“ verschandelt werden, heißt es aus München. Statt Freileitungen werden deshalb meist teurer Erdkabel verlegt. Zudem machen viele Leitungen einen Bogen um das Land. Doch dadurch drohen Engpässe bei der Stromversorgung.

Bayerische Sonderwege

Bayern profitiert enorm von der Energiewende. Trotzdem blockiert Horst Seehofer sie immer wieder oder setzt teure Sonderwege für sein Land durch. Doch das kann sich rächen – gerade für Süddeutschland

2022 wird der letzte Atomreaktor abgeschaltet. Die Versorgungslücke will Bayern unter anderem durch Gaskraftwerke schließen. Im Süden dürfte der Strom dennoch knapp bleiben, weil der Ausbau neuer Hochspannungsleitungen in den Norden stockt.

Es ist gut ein Jahr her, da feierte sich Horst Seehofer für einen großen politischen Sieg: „Ich bin mit den Ergebnissen rundum zufrieden. Wir konnten unsere Kernanliegen durchsetzen“, tönte der bayerische Ministerpräsident, nachdem er in Berlin einige Sonderwünsche bei der Energiewende durchgesetzt hatte.

Das Resultat: Zwei der großen Nord-Süd-Stromleitungen, von Seehofer gern „Monstertrassen“ genannt, werden ein gutes Stück kürzer durch bayerisches Territorium verlaufen als zunächst geplant.

Die westliche sollte in einer Schleife über das bayerische Grafenrheinfeld nach Baden-Württemberg führen. Die andere, aus Thüringen kommend, sollte fünf bayerische Regierungsbezirke durchschneiden. Das hat Seehofer abgewendet. Die westliche Leitung verläuft weitgehend an Bayern vorbei, die östliche Trasse endet schon in der Nähe von Landshut.

Viel folgenreicher ist allerdings ein weiterer Punkt: Vor allem aufgrund der Opposition Bayerns werden die Höchstspannungsleitungen großenteils nicht als Freileitungen verlegt, sondern unter der Erde. Das führt zu Mehrkosten von zehn bis zwölf Milliarden Euro und wird den Ausbau um Jahre verzögern. Die Netzbetreiber rechnen damit, dass die Leitungen erst im in der zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts fertig werden. Viele Jahre also, nachdem 2022 die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet werden, die insbesondere den Süden Deutschlands mit Strom versorgen.

Und noch etwas hat Seehofer herausgeholt: In Süddeutschland werden gasbetriebene Reservekraftwerke mit einer Gesamtleistung von zwei Gigawatt gebaut. Das entspricht zwei älteren Atomkraftwerksblöcken und soll die Stromversorgung angesichts der sich abzeichnenden Verzögerungen beim Netzausbau sicherstellen.

Seehofers Sonderwünsche bringen der Bundesregierung Ärger mit der EU

Näheres soll in den kommenden Monaten die Bundesnetzagentur bestimmen. Allerdings hat Seehofer der Bundesregierung damit komplizierte und unangenehme Verhandlungen mit der EU-Kommission eingebrockt. Denn die wittert bereits illegale Staatshilfen und will sich die Pläne im Detail prüfen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Bayern und Seehofer der Energiewende ihren speziellen Stempel aufdrücken. Schon in der Vergangenheit hieß es aus dem Süden oft: So und nicht anders, oder wir lassen alle Kompromisse platzen. Ex-Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) sprach deshalb zuweilen von „Crazy Horst“.

2012 zum Beispiel drohte Seehofer mit der Neugründung eines „Bayernwerks“, um in den Verhandlungen um die Zukunft der Energiewende mit der Drohung einer Teilautonomie punkten zu können. Die Idee: Zahlreiche kleine Biogaskraftwerke sollten nach dem Abschalten der Kernkraftwerke die Versorgungssicherheit gewährleisten. Schon damals war klar, dass die Bioenergie große Probleme verursacht – etwa durch steigende Pachtpreise für Ackerflächen und Monokulturen aus Energiepflanzen wie Mais. Der Plan verschwand schnell wieder in der Schublade.

Rund ein Drittel des deutschen Solarstroms wird in Bayern erzeugt. Das Land profitiert damit überproportional von der Förderung durch das EEG. Ähnlich sieht es beim Biogas aus, für das Horst Seehofer bei der jüngsten Reform üppige Ausbauziele erreichte.

Bei der jüngsten Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) allerdings erreichte Bayern, dass zwischen 2017 und 2019 Biogasanlagen mit rund 150 Megawatt Leistung ausgeschrieben werden, danach sogar 200 Megawatt.
Das mag wenig erscheinen im Vergleich beispielsweise zum Ausbauziel für die Solarkraft, das bei 2500 Megawatt liegt. Da die Biogasanlagen fast durchgängig laufen, ist es aber durchaus ein unverhoffter Schub für die Branche, die SPD-Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel zuvor als zu teuer und damit nicht zukunftsfähig bezeichnet hatte.
Bestimmt kein Zufall ist, dass viele Biogasunternehmen ihren Sitz in Bayern haben.

Bayern profitiert überproportional von der Energiewende – etwa in der Solarkraft

Bayern hat von großen Teilen der Energiewende schon jetzt stärker profitiert als andere Länder. Stichwort Fotovoltaik: Der große Boom ist zwar vorbei. Aber die bestehenden Anlagen sind weit überproportional in Bayern installiert worden. Mehr als eine halbe Million Solaranlagen produzieren dort Strom, laut dem Energieverband BDEW ist das rund ein Drittel der deutschen Gesamtzahl.

Beim Ausbau der Windkraft verhält sich die CSU allerdings unberechenbar. Jahrelang hieß es, die Windenergie müsse auch in Bayern stärker Fuß fassen, das Land wollte schließlich Spitze bei der Energiewende sein.
2014 dann der Rückzieher: Die Landesregierung legte fest, dass Windkraftanlagen nur mit großem Abstand von bestehender Bebauung errichtet werden dürfen. Faktisch bedeutete die Entscheidung das Aus für die Windkraft in Bayern, da nur noch rund 0,5 Prozent der Fläche die Kriterien erfüllen.

Zwar lag Bayern beim Ausbau der Windenergie im ersten Halbjahr 2016 immerhin auf Platz sechs der Bundesländer, das liegt aber auch daran, dass bereits genehmigte Anlagen fertiggebaut wurden.
Die bayerische Energiewendepolitik: Verfolgt sie eine rationale, von klar formulierten Interessen bestimmte Agenda? Oder sind Horst Seehofer und sein Kabinett doch eher getrieben von taktischen Erwägungen? Zumindest bei der jahrelangen Blockade und Verzögerung der Stromtrassen scheint Letzteres wahrscheinlich.

Windräder wie hier in der Oberpfalz sind in Bayern selten. Die Landesregierung hat beschlossen, dass ihr Abstand zu bestehender Bebauung mindestens das Zehnfache der maximalen Rotorblatthöhe betragen muss. Damit kommen nur 0,5 Prozent der Landesfläche für Windparks in Frage.

Warum Strom in Norddeutschland künftig billiger sein könnte als im Süden

Schließlich werden die Stromleitungen in den Süden gebaut, um den Windstrom genau dorthin zu bringen. Die Elektrizität stammt in großen Teilen aus Onshore- und Offshore-Windanlagen, die von allen deutschen Verbrauchern über die EEG-Umlage getragen werden.

Kommt er nicht an, passiert erstens folgendes: Für alle steigen die Kosten. Schon jetzt müssen im Norden Windanlagen immer häufiger ausgeschaltet werden. Die Betreiber müssen Milliarden Euro dafür ausgeben, mit Notmaßnahmen das Höchstspannungsnetz zu stabilisieren.

Zweitens aber wird der Druck weiter steigen, das süddeutsche und das norddeutsche Strommarktgebiet voneinander zu trennen. Damit würden die enorm teuren Ausgleichsmaßnahmen wegfallen, stattdessen würden Angebot, Nachfrage und Transportkapazitäten über häufig höhere Preise im Süden ins Gleichgewicht gebracht.
Sigmar Gabriel hat damit bereits indirekt gedroht. Würden die Leitungen nicht gebaut, bleibe Strom im Süden knapp und werde mit dem Abschalten der Atomkraftwerke in den nächsten Jahren noch knapper. „Und alles was knapp ist, wird teuer", sagte Gabriel voriges Jahr.

Das wäre freilich der Albtraum für die bayerische Staatsregierung: Eine süddeutsche Sonderzone mit besonders hohen Strompreisen, die nicht nur die privaten Verbraucher ärgern, sondern auch die Industrie vergraulen.
Überspielen Seehofer und die CSU ihr Blatt irgendwann, könnte es so weit kommen. Denn eigentlich sprechen die physikalischen Realitäten des Stromnetzes längst dafür.

Larissa Dieckhoff
Artikel speichern gespeichert

Artikel zur Merkliste hinzugefügt