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Thema Wind und Wende

30. Nov. 16

Kohlekraftwerk im Bundesstaat New Mexico: Die Zahl der Beschäftigten in der Branche ist von einer Viertelmillion in den 80er-Jahen auf zuletzt rund 54.000 gesunken. Viele Große Investoren haben sich aus dem Bereich komplett zurückgezogen.

Ausgebrannt

Die US-Kohleindustrie befindet sich seit Jahrzehnten im Niedergang, Tausende Jobs sind verlorengegangen. Donald Trump verspricht einen Neustart. Doch nicht einmal die Branche selbst glaubt daran

Als Donald Trump kürzlich den Plan für seinen ersten Tag im Amt verkündete, erklärte er, er werde alle Regeln aufheben, die die Energiebranche, insbesondere der Kohleindustrie, Arbeitsplätze kosten. „Das wird mehrere Millionen hochbezahlter Jobs schaffen. Das ist, was wir wollen. Darauf haben wir gewartet.“ Hier noch auf einer Wahlkampfveranstaltung.

Von Kathrin Werner

Früher gab es hier starke Gewerkschaften. Wenn die Kohlearbeiter streikten, bekamen sie meist Recht. Im Sommer trafen sich die Bosse und die Belegschaft zum Grillfest und warfen Hufeisen um die Wette. Die Arbeiter schufteten, mit Kanonen schossen sie die Bergkappen der Appalachen weg, um an Kohlevorräte zu kommen. Aber sie konnten sich ein bisschen Wohlstand für ihre Familie leisten und nach Jahren harter Arbeit wartete eine gute Rente. Zum Abschied spendierte die Firma Eiscreme. Die Kohlemine Bonet in West Virginia verschaffte den Menschen einen Anteil am amerikanischen Traum.

Dann kam der Niedergang. Die Mine, einst Teil eines Familienunternehmens, wechselte mehrfach den Besitzer von einem börsennotierten Energiekonzern zum anderen. Der letzte rutschte 2015 in die Pleite. Nun ist die Mine geschlossen, ein Fonds kümmert sich um das verseuchte Wasser und sucht nach Investoren.

Die Menschen haben keine Arbeit mehr, in der Insolvenz haben sie ihre Krankenkassenzuschüsse verloren und sorgen sich um die Rente. Was ihnen bleibt sind durchfurchte Berge und deformierte Fische in den Flüssen.

Als Donald Trump zu einer Wahlkampfveranstaltung in West Virginias Hauptstadt Charleston kam, sind die Kohlearbeiter zu Tausenden angereist. Sie trugen schwere Helme auf dem Kopf und jubelten ihm zu, als er davon sprach, Amerika wieder zum Land der Kohle zu machen. „Macht euch bereit, denn ihr werden euch halbtot arbeiten”, rief Trump.

Am Ende setzte er sich selbst einen Helm auf und reckte die Daumen in die Höhe. Die Wähler in West Virginia stimmten kurz darauf für ihn als US-Präsidenten. Als er kürzlich den Plan für seinen ersten Tag im Amt verkündete, erklärte er, er werde alle Regeln aufheben, die die Energiebranche, insbesondere der Kohleindustrie, Arbeitsplätze kosten. „Das wird mehrere Millionen hochbezahlter Jobs schaffen. Das ist, was wir wollen. Darauf haben wir gewartet.”

Kohleförderung im Bundesstaat Montana: Die Zahl der Beschäftigten in der Branche ist von einer Viertelmillion in den 80er-Jahen auf zuletzt rund 54.000 gesunken. Viele Große Investoren haben sich aus dem Bereich komplett zurückgezogen.

Nicht Gesetze machen der Kohleindustrie zu schaffen – sondern die Marktwirtschaft

An den Klimawandel, der von der Verbrennung von Kohle extrem beschleunigt wird, glaubt Trump nicht. Doch er glaubt daran, dass Jobs in den Minen in sein Land zurückkehren werden, wenn er nur die Regeln zum Klimaschutz wieder rückgängig macht, die sein Vorgänger Barack Obama eingeführt hat.

Doch der Einfluss des Präsidenten auf die Zukunft der Kohleindustrie ist gering, glauben Beobachter von Ratingagenturen, Umweltgruppen und sogar aus der Energieindustrie selbst. „Ich denke nicht, dass Trumps Präsidentschaft einen ernstzunehmenden Einfluss darauf hat, die Kohlearbeiter wieder an die Arbeit zu schicken”, sagte Ted O’Brien, Kohle-Experte beim Beratungsunternehmen Doyle Trading Consultants, der „New York Times”. „Er kann vielleicht einen Teil der Überregulierung zurücknehmen, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass die Nachfrage nach Kohle wieder ansteigt.”

Der Niedergang der Kohleindustrie dauert schon Jahrzehnte und er hat ganze Regionen des Landes in Armut gerissen. Im Oktober arbeiteten nur noch 54.000 Menschen in den Minen der USA, zwölf Prozent weniger als im Vorjahr und weniger als je zuvor, seit die amerikanische Statistikbehörde Energy Information Agency die Daten sammelt im Jahr 1978.

Der Vergleich mit den goldenen Zeiten des schwarzen Brennstoffs ist noch extremer: 1980 arbeiteten 250.000 Menschen in den Minen. Die Umsätze der Kohlefirmen schrumpfen. „Die Industrie ist pleite. Unsere Kohlemärkte sind ruiniert”, sagte Robert Murray, Chef von Murray Energy aus Ohio, auf einer Branchenkonferenz. Einst stolze Namen wie Arch Coal, Marktführer Peabody Energy oder Patriot Coal rutschten in die Pleite allein seit dem  vergangenen Jahr.

Gasförderung in Pennsylvania: Der Verfall des Kohlepreises ist nicht zuletzt eine Folge des Fracking-Booms in den USA. Gas ist dadurch wesentlich günstiger – die Nachfrage nach Kohle sinkt.

Der Kohlepreis sinkt seit Jahren. Und trotzdem zieht die Nachfrage nicht an

All das hat mit Politik kaum etwas zu tun, sondern liegt an der Marktwirtschaft und dem technischen Fortschritt. Die Unternehmen setzen inzwischen viel mehr Maschinen ein, die Automatisierung hat Tausende Kohlejobs gekostet.

Und das Hauptproblem ist die geschrumpfte Nachfrage. Der Bedarf an Kohle für die Stahlproduktion ist gesunken in den USA, weil die Stahlindustrie in einem jahrzehntelangen Niedergang steckt. Und auch Kohleverbrennung für die Strom- und Wärmeproduktion ist im Abschwung.

Der Preis von Kohle insgesamt sinkt zwar seit Jahren, was die Nachfrage eigentlich ankurbeln müsste, doch die naheliegendste Alternative ist noch schneller billiger geworden: Erdgas. Die USA fördern immer mehr Gas mit Technik wie Fracking und Gas produziert deutlich weniger Kohlendioxid als Kohle. Zudem werden auch Wind- und Solarstrom immer billiger und beliebter in den USA.

Der Anteil von Kohle im Strommix ist rapide gesunken, derzeit sind es nur noch rund 30 Prozent. Vor zehn Jahren produzierten die USA noch die Hälfte ihres Stromverbrauchs mit Kohle. Seit 2010 haben die Unternehmen 243 Kohlekraftwerke in den USA stillgelegt oder verkündet, abschalten wollen, hat die Umweltorganisation Sierra Club gezählt.

Damit verbleiben nur noch 280 Kohlekraftwerke. Neubauprojekt gibt es nicht. Viele Banken, darunter JPMorgan Chase und Bank of America, haben sich aus der Finanzierung neuer Kohlekraftwerke zurückgezogen. Die Divestment-Bewegung wirbt immer lauter für Ethik-Standard bei der Kreditvergabe und setzt Banken und andere Geldgeber unter Druck.

Auch die Erneuerbaren laufen der Kohle zunehmend den Rang ab. Branchenkenner gehen davon aus, dass der Ausbau von Wind- und Solarkraft sich auch nach dem Ende der Amtszeit von Barack Obama fortsetzen wird. Hier spricht der scheidende US-Präsident in einem Werk des Windanlagenbauers Gamesa in Pennsylvania.

Die Weltgemeinschaft gibt den Kampf gegen den Klimawandel nicht auf – Trump hin oder her

Unter Präsident Barack Obama, im Amt seit Anfang 2009, hat sich der Niedergang noch einmal beschleunigt. Er hat scharfe Auflagen für Kohlekraftwerke erlassen. Im vergangenen Jahr sank die Kohleproduktion noch einmal um zehn Prozent auf den niedrigsten Stand seit 1986.

Besonders hart traf es die Bundesstaaten West Virginia und Kentucky in den Appalachen. In der Gebirgsregion sind die Minen älter und tiefer, die Förderung kostet mehr Geld und bräuchte Investitionen, die sich nicht mehr lohnen. Auch die Exporte sinken seit einigen Jahren. China hat im Jahr 2014 1,7 Millionen Tonnen US-Kohle importiert, 2015 waren es nur noch 229.000 Tonnen.

Allerdings gab es zuletzt leichte Hoffnungszeichen, die Preise haben sich etwas erholt. Der Kohlekonzern Cloud Peak Energy hatte den Export ganz eingestellt, weil sich das Geschäft nicht mehr gelohnt hat. Ende Oktober hat er allerdings verkündet, wieder mit Ausfuhren nach Asien zu beginnen.

Doch Cloud Peak warnt vor übertriebenem Optimismus. Der globale Kampf gegen den Klimawandel werde durch Trump nicht verschwinden. Ihm sei es lieber, wenn die US-Regierung bei Effizienz- und Umweltschutz-Maßnahmen unterstützt, als alle Regeln zurückzudrehen, sagte Richard Reavey, der Cheflobbyist der Firma, der „New York Times”. „Jeden Überschwang sollten wir uns sparen.”

Larissa Dieckhoff
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