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Thema Wind und Wende

02. Mai. 17

Gerade Bürgerwindparks wie hier in Ostfriesland trifft die neue Regelung hart. Branchenkenner rechnen damit, dass ihr Anteil an der Branche künftig sinken wird.

Zeitenwende für Onshore-Wind

Die Bundesnetzagentur versteigert erstmals Lizenzen für Onshore-Windräder. Energie-Winde erklärt das Procedere – und verrät, warum ein Preissturz wie in der Offshore-Windkraft unrealistisch ist.

Von Steven Hanke

Die Schonfrist für Planer von Windparks im deutschen Binnenland ist vorbei. Welche Erlöse sie für ihren Strom erhalten, regelt künftig eine Auktion. Wer am billigsten bauen und betreiben kann, erhält den Zuschlag. Bis einschließlich heute (2. Mai) ist die Abgabe von Geboten möglich. Die wichtigsten Fragen und Antworten rund um den Systemwechsel im Überblick.

Wie ist der Status quo in der deutschen Onshore-Windkraft?

Windenergie an Land ist mittlerweile eine feste Größe in der Stromversorgung. Ende 2016 waren gut 27.000 Windräder mit knapp 46.000 Megawatt Gesamtleistung installiert. Sie erzeugten im vergangenen Jahr 65 Milliarden Kilowattstunden Strom und deckten so elf Prozent des deutschen Bedarfs. Der Aufstieg der Windkraft wäre ohne politische Unterstützung undenkbar gewesen. So sind kommunale und regionale Flächenplaner seit 1996 verpflichtet, geeignete Gebiete für Windräder auszuweisen. Außerdem erhielten die Betreiber das Recht auf einen Netzanschluss, Einspeisevorrang vor fossilem Strom und eine garantierte, staatlich festgelegte und gut dotierte Vergütung über 20 Jahre. Die Flächenakquise war bis dato Hauptaufgabe der Projektentwickler. Das waren in erster Linie Landwirte im windstarken Norden, Ingenieurbüros und Bürgergesellschaften – weniger die Energieversorger und Stadtwerke.

In den vergangenen Jahren ist die Windenergie in Deutschland stürmisch gewachsen. Jetzt wird der Ausbau allerdings gedrosselt – vor allem im windreichen Norddeutschland.

Was ändert sich in diesem Jahr grundlegend?

Die aktuelle Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) bringt zwei fundamentale Änderungen für die Windenergie an Land mit sich: Der jährliche Ausbau wird begrenzt, zudem müssen potenzielle Bauherren an einer Ausschreibung teilnehmen – genauso wie seit Neustem auch Offshore-Windparks; für Solaranlagen auf Freiflächen gilt das Procedere bereits seit 2016. Künftig hat nicht mehr jede von den örtlichen Behörden genehmigte Anlage auch automatisch Anspruch auf Anschluss ans Netz sowie eine feste Vergütung. Die Planer müssen erst in einer bundesweiten Auktion gegeneinander antreten und einen Vergütungsbetrag in Cent je Kilowattstunde aufrufen, zu dem sie bereit wären, ihren Windpark zu realisieren. Die niedrigsten Gebote erhalten einen Zuschlag, bis das ausgeschriebene Volumen ausgeschöpft ist. In diesem und den beiden Folgejahren werden jährlich 2800 Megawatt versteigert, verteilt jeweils auf die drei Termine 1. Mai mit 800 Megawatt sowie 1. August und 1. November mit je 1000 Megawatt. Weil der 1. Mai ein Feiertag ist, endet die Angebotsfrist mit Ablauf des 2. Mai.

Wie viele geplante Windparks beteiligen sich an der ersten Auktion?

Zur Teilnahme verpflichtet sind sämtliche geplanten Anlagen mit mehr als 750 Kilowatt Leistung, die nach dem 31. Dezember 2016 genehmigt werden. Das betrifft fast alle – die Anlagen sind heute im Durchschnitt gut 2800 Kilowatt stark. Die Betreiber von rund 3000 Anlagen mit insgesamt knapp 9000 Megawatt, die vor dem Stichtag ihre Genehmigung hatten, konnten noch das alte EEG mit seinen festen Einspeisetarifen wählen. Die große Mehrheit machte davon Gebrauch, nur 52 Projekte mit insgesamt 475 Megawatt gehen freiwillig in die Ausschreibung. Hinzu kommen 514 Megawatt mit einer Genehmigung nach dem 31. Dezember sowie möglicherweise noch ein paar Bürgerwindparks. Sie dürfen nämlich auch ohne Genehmigung teilnehmen und brauchen sich nirgendwo zu registrieren; deshalb sind sie eine unbekannte Größe. Ob und inwieweit sie sich beteiligen, bleibt bis zum Schluss offen. Ohne Genehmigung zu bieten birgt natürlich das Risiko, trotz Zuschlags nicht bauen zu dürfen und dann Strafe zahlen zu müssen. Viel mehr als 100 Megawatt dürften es daher wohl kaum werden.

Wenn ein Bauer ein Windrad auf seinem Hof aufstellte, dann musste ihm der Netzbetreiber den erzeugten Strom nach den Regelungen des alten EEG zu einem festen Preis je Kilowattstunde abnehmen. Damit ist nun Schluss.

Wie hart ist der Wettbewerb?

Summa Summarum sind also 989 Megawatt plus X für die erste Versteigerung zugelassen – bei einer Ausschreibungsmenge von 800 Megawatt. Der Wettbewerb ist folglich eher schwach. Da die meisten Bieter damit rechnen dürfen, einen Zuschlag zu erhalten, verspüren sie vergleichsweise wenig Druck bei der Gestaltung ihres Angebots. Äußerst unwahrscheinlich ist ein Preissturz wie bei der ersten Versteigerung von Offshore-Windparks kürzlich, bei der einige Bieter ganz auf die staatliche Förderung verzichteten. Dabei spielte eine große Rolle, dass der Konkurrenzkampf viel schärfer war: Projekte mit 7500 Megawatt Gesamtleistung boten für eine Ausschreibungsmenge von 1550 Megawatt.

Welche Preise sind in der ersten Auktion zu erwarten?

Die Erzeugungskosten von Windstrom betragen heute je nach Windstärke am Standort fünf bis neun Cent je Kilowattstunde, im Schnitt 7,5 Cent. Bei der ersten Auktion dürfen die Gebote den gesetzlichen Höchstwert von sieben Cent nicht übersteigen. Alle Teilnehmer bieten auf einen bestimmten Referenzstandort mit klar definierten Bedingungen. Sind die Standortbedingungen, an denen sie ihre Windräder tatsächlich bauen wollen, besser oder schlechter als dieser Referenzstandort, wird ihre spätere Vergütung entsprechend nach unten beziehungsweise oben angepasst. Experten halten Gebote auf den Referenzstandort von vier Cent aus Kostengesichtspunkten zwar grundsätzlich für möglich und kostendeckend. Die Frage ist aber, ob die Wettbewerbssituation solche Preissenkungen hergibt.

Gerade Bürgerwindparks wie hier in Ostfriesland trifft die neue Regelung hart. Branchenkenner rechnen damit, dass ihr Anteil an der Branche künftig sinken wird.

Wo werden die Windparks gebaut, die in der Auktion einen Zuschlag erhalten?

Ziel des EEG 2017 ist, die Windenergie ausgewogener auf das gesamte Bundesgebiet zu verteilen. Deshalb erhalten Anlagen an windschwächeren Standorten im Süden schon seit Jahren eine höhere Vergütung. Weil das offenbar nicht ausreicht, hat man nun die Windenergie in den Küstenländern gedeckelt. Im sogenannten Netzausbaugebiet, das das nördliche Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern sowie Hamburg und Bremen umfasst, dürfen pro Jahr höchstens 902 Megawatt errichtet werden. Das sind nur 58 Prozent des Durchschnitts der Vorjahre. Für die erste Auktion heruntergerechnet bedeutet das, dass nur so viele Anlagen aus dem Gebiet einen Zuschlag erhalten, bis 258 Megawatt erreicht sind. Damit schneidet die Politik zwar gute Standorte mit niedrigen Preisen ab, löst aber nach eigenen Angaben die Verstopfung in den Stromnetzen im Norden auf.

Haben auch kleine Unternehmen in der Auktion eine Chance?

Die Ausschreibungen werden spürbare Auswirkungen auf die Struktur der Branche haben. Kleinere und finanzschwache Akteure wie Bürgerwindparks dürften mit den neuen Anforderungen überfordert sein und auf der Strecke bleiben. Zum Beispiel müssen die Bieter mit ihrem Gebot hohe finanzielle Sicherheiten hinterlegen, etwa in Form einer Bankbürgschaft. Sie beläuft sich auf 30 Euro je Kilowatt zu installierender Leistung und kann sich selbst bei einem relativ kleinen Projekt mit nur drei Anlagen schnell auf mehrere Hunderttausend Euro summieren. Der zunehmende Wettbewerbsdruck führt seit einiger Zeit dazu, dass sich Projektentwickler verbünden oder von Energieversorgern übernommen werden. Gleichzeitig entdecken mit dem Systemwechsel ganz neue Akteure den Markt wie der schwedische Energiekonzern Vattenfall, der bisher einen großen Bogen darum gemacht hatte.

Wann stehen die Ergebnisse der Auktion fest?

Die Bundesnetzagentur will nach eigenen Angaben die Ergebnisse zwei Wochen nach der Auktion, sprich Mitte Mai, im Internet bekanntgeben. Sie teilt die Sieger mit, den Standort der Anlagen sowie den höchsten und niedrigsten Gebotswert, die in der Auktion einen Zuschlag erhielten. Die Anlagen müssen laut Gesetz spätestens 30 Monate nach Bekanntgabe des Zuschlags in Betrieb gehen.

Volker Kühn
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