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Thema Wind und Wende

01. Jul. 16

In der Gesellschaft tief verankert: Der Kohlebau gilt als Antreiber der Industrialisierung und ist mitverantwortlich für den Aufstieg des Britischen Empires.

Aufstieg und Fall der britischen Kohle

Der Kohlebergbau hat kaum ein Land so geprägt wie Großbritannien. Er war die Basis seines Empires und ist tief in der Kultur verwurzelt. Kein Wunder, dass der Abschied von dem Klimakiller schwerfällt.

Die Stadt Kellingley trägt den Britischen Kohlebergbau zu Grabe. Hier stellte im Dezember 2015 die letzte Zeche des Königreichs ihren Betrieb ein.

Von Jarka Kubsova

Ein milder Dezembertag Ende letzten Jahres, die Hauptstraße der Kleinstadt Kellingley in der englischen Grafschaft West Yorkshire füllt sich mit Menschen. Aus allen Richtungen strömen sie zusammen; Männer, Frauen, Kinder. Mehr als 3000 sind es am Ende, gesenkte Häupter, Umarmungen, Tränen. Eine Brassband spielt Trauermärsche. Kellingley trägt etwas zu Grabe. Keinen Menschen, sondern eine Epoche: den Britischen Kohlebergbau.

Einen Tag zuvor sind die Kumpel von Kellingley zum letzten Mal aus der Grube geklettert, rußverschmierte Gesichter, 450 Mann. „Big K“ nannten sie ihre Zeche, denn sie war riesig: 800 Metern tief, seit 40 Jahren in Betrieb – und längst nicht erschöpft.

Trotzdem ist nun Schluss. Denn die Briten steigen aus der Kohle aus. Damit geht eine Ära zu Ende – eine, die das Land geprägt hat, wie keine andere. Großbritannien, heißt es, ist auf Kohle gebaut.

Ende des 18. Jahrhunderts begann der unaufhaltsame Aufstieg des Britischen Empires, des größten Weltreichs, das die Geschichte je gesehen hat. Auf dem Höhepunkt seiner Macht umfasste es ein Viertel aller Landmassen. Jeder vierte Mensch auf Erden lebte im Reich Seiner Majestät in London.

Dieser Aufstieg wäre ohne die britische Kohle kaum denkbar gewesen. Denn nirgendwo begann der Abbau im industriellen Maßstab so früh wie in England, Schottland und Wales. Kohle war der Rohstoff, der Englands Fabriken befeuerte, seine Eisenbahnen antrieb, seine Städte elektrifizierte – und seine Überlegenheit sicherte. Vor dem Ersten Weltkrieg arbeiteten mehr als eine Million Menschen in den Kohlebergwerken, die Jahresproduktion lag bei fast 300 Millionen Tonnen.

In der Gesellschaft tief verankert: Der Kohlebau gilt als Antreiber der Industrialisierung und ist mitverantwortlich für den Aufstieg des Britischen Empires.

Der Niedergang der Kohle trifft die Briten ins Mark

Die Kohle ermöglichte aber nicht nur die Industrialisierung, sie prägte auch die Gesellschaft. Bis heute ist der Bergbau tief verwurzelt in Großbritannien. Und das erklärt, warum der Umbau der Energieversorgung für die Menschen, die jahrzehntelang von und mit dem Bergbau gelebt haben, so viel mehr ist als eine politische Entscheidung. Er trifft sie bis ins Mark.

Dabei hat der Niedergang der Kohleförderung schon viel früher begonnen. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts begann die britische Überlegenheit zu bröckeln. Zwar wuchs die Kohleindustrie weiter, doch sinkende Arbeitsproduktivität und höhere Kosten schmälerten den Wettbewerbsvorteil gegenüber den jüngeren Kohleindustrien anderer Länder. Die Konkurrenz auf dem Kontinent, aber auch in Übersee holte auf.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Industrie verstaatlicht. Ihren Bedeutungsverlust in den folgenden Jahrzehnten konnte das allerdings nicht stoppen. Seit den 50er-Jahren ging es stetig bergab: Die Produktion war zu teuer, die Kohle aus dem Ausland zu billig. Die Bergwerke auf der Insel waren nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben. Selbst der legendäre Miners‘ Strike Mitte der 80er-Jahre änderte das nicht.

Auch die Menschen in Kellingley kämpften damals. Die wohl heftigsten Auseinandersetzungen tobten in der Grafschaft von Big K. Die Bergarbeiter wehrten sich gegen die Pläne der damaligen Premierministerin Margaret Thatcher. Die Eiserne Lady hatte beschlossen, unrentable Minen zu schließen. Staatliche Betriebe sollte saniert und wenn möglich, in den privaten Sektor überführt werden.

Kohle ist out. Die britische Wirtschaft setzt in Zukunft vermehrt auf Nuklear- und Gaskraftwerke. Dies wird von Umweltschützern stark kritisiert.

Bürgerkriegsartige Szenen beim Aufstand der Kohlekumpel

Doch die Pläne provozierten den größten Bergarbeiteraufstand in der Geschichte der britischen Arbeiterbewegung. Dramatischer Höhepunkt war der Ausstand 1984 mit bürgerkriegsartigen Szenen, Massenschlägereien, mehreren Toten und Verletzten. Er dauerte ein Jahr lang. Zeitweilig waren rund 180.000 Kumpel im Ausstand.

Am Ende unterlagen sie und Thatcher hatte freie Bahn für ihren Kurs. Während es 1920 noch 3000 Zechen im Land gab, waren es 1984 gerade mal 180. Dem Zechensterben folgte der soziale Abstieg ihrer Beschäftigten. Bergarbeiterfamilien, die zum Teil seit Generationen ihren Unterhalt mit der Kohle bestritten hatten, verloren ihre Lebensgrundlage.

Big K hielt sich aber. Im Besitz des Konzerns UK Coal förderten zuletzt noch 450 Arbeiter Steinkohle aus den Tiefen der Grube. Sie belieferten gleich drei Kohlekraftwerke in der Nähe. Eines davon ist Drax, das allein knapp acht Prozent der britischen Elektrizität produziert.

Der Betrieb dort geht trotz der Schließung der Zeche in Kellingley vorerst weiter. Der Brennstoff kommt jetzt günstiger aus Ländern wie Russland oder Kolumbien. Aber auch das Ende von Drax ist absehbar: Die britische Regierung hat angekündigt, alle Kohlekraftwerke bis 2025 dichtzumachen. In Zeiten des Klimawandels und erneuerbarer Energien ist Kohle schlicht out.

Die britische Wirtschaft wolle nicht „von schmutzigen und 50 Jahre alten Kohlekraftwerken abhängen“, hat London verkündet. Strom sollen dann nur noch Nuklear- und Gaskraftwerke liefern. In den kommenden Jahren werden dafür zahlreiche neue Betriebe gebaut. Umweltschützer kritisieren den Plan: Strom aus Gas sei nicht viel ökologischer als Kohlestrom.

In Kellingley indes werden die Schächte von Kabeln und Seilen befreit und dann verschlossen. Die Bauten an der Oberfläche werden dem Erdboden gleichgemacht. Dann soll das Areal an Harworth Estates übergeben werden, eine auf die Umwidmung und Revitalisierung von Industrieflächen spezialisierte Firma. Was sie mit Big K vorhat, ist noch nicht bekannt.

Steffen Kück
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