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Thema Wind und Wende

20. Okt. 16

Vor allem in Norddeutschland reagiert die Bevölkerung allerdings zunehmend skeptisch auf neue Windparks wie diesen in der Nähe von Cuxhaven. Viele Anwohner beklagen eine „Verspargelung“ der Landschaft.

Die Energiewende

Die Energiewende ist in aller Munde – von manchen wird sie gefeiert, von anderen verteufelt. Doch nicht alle wissen, wovon genau sie da eigentlich sprechen. Unser kleines Lexikon erläutert die Fakten

Die Wurzeln der Energiewende liegen in der Umwelt- und Anti-Atomkraftbewegung in den 70er- und 80er-Jahren. Wie hier an der Baustelle der geplanten Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf kam es immer wieder zu heftigen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizisten.

Was ist die Energiewende?

Der Begriff Energiewende ist das Schlagwort für eines der größten Projekte Nachkriegsdeutschlands: den politisch gesteuerten Umbau der kompletten Energieversorgung des Landes. An die Stelle von Kernkraft und fossilen Energieträgern wie Kohle, Gas und Öl sollen langfristig Energiequellen treten, die sich regenerieren können und quasi endlos zur Verfügung stehen – vor allem Wind-, Wasser und Solarkraft.

Neben Deutschland haben viele andere Länder Schritte in diese Richtung eingeleitet. Manche – vor allem kleinere – sind dabei bereits weiter vorangekommen. Der Begriff Energiewende ist allerdings so zentral mit Deutschland verbunden, dass er es als „Germanism” sogar ins Englische geschafft hat.

Die Wurzeln der Energiewende liegen in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, die seit den 70er-Jahren in Deutschland so heftig geführt wurden wie in wenigen anderen Ländern. Angesichts der immer deutlicher sichtbaren Zerstörung der Natur formierte sich eine Bewegung, die sich für den Erhalt der Umwelt und gegen die Nutzung der Kernkraft einsetzte – und schließlich mit den Grünen in eine Partei mündete, die 1983 erstmals in den Bundestag einzog.

Ein Meilenstein der Energiewende in Deutschland war der Beschluss zum Atomausstieg, den die damalige rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder mit Vertretern der Industrie aushandelte.

Der Begriff selbst tauchte drei Jahre zuvor erstmals in der Öffentlichkeit auf – in Form einer vom Öko-Institut erstellten Schrift mit dem Titel „Energie-Wende: Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran“. Das Werk ist inspiriert von den Überlegungen des US-Physikers Amory Lovins, der den Ausdruck „Soft Energy Path“ geprägt hatte.

Spätestens durch die Beschlüsse zum Atomausstieg unter Rot-Grün im Jahr 2000 und unter Schwarz-Gelb nach der Fukushima-Katastrophe 2011 ist die deutsche Energiewende ein weltweit intensiv beobachtetes Projekt geworden.

Wie wird die Energiewende umgesetzt?

Das zentrale Instrument zur Steuerung der Energiewende ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Es wurde seit seiner Einführung im Jahr 2000 immer wieder verändert und hat einen Vorläufer in Form des Stromeinspeisungsgesetzes von 1991. Im Kern regelt es die bevorzugte Einspeisung von Energie aus erneuerbaren Quellen ins Stromnetz und garantiert seinen Erzeugern einen feste Vergütung. Die vom Staat festgelegten Preise für Ökostrom lagen vor allem in der Anfangszeit deutlich höher als der Preis, zu dem Energie aus herkömmlichen Quellen ins Netz eingespeist wurde. Erst diese Subvention hat den Ökostromproduzenten die Chance gegeben, sich am Markt zu behaupten.

Wie kommt die Energiewende voran?
Seit dem Jahr 1990 ist der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung in Deutschland kontinuierlich gestiegen. Nach Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums liegt er heute bei knapp einem Drittel, wobei Windkraft den Löwenanteil ausmacht, gefolgt von Biomasse, Fotovoltaik und Solarkraft.

Der Ausbau soll auch in den kommenden Jahren weitergehen. Für 2025 plant die Bundesregierung einen Ökostromanteil von 40 bis 45 Prozent, 2035 sollen es 55 bis 60 Prozent sein. Auf dem Klimagipfel in Paris hat die Weltgemeinschaft 2015 darüber hinaus weitreichende Absichtserklärungen getroffen, die einen langfristigen Abschied von fossilen Energieträgern einleiten sollen.

Vor allem in Norddeutschland reagiert die Bevölkerung allerdings zunehmend skeptisch auf neue Windparks wie diesen in der Nähe von Cuxhaven. Viele Anwohner beklagen eine „Verspargelung“ der Landschaft.

Welche Kritik gibt es an der Energiewende?

Kritisiert wird vor allem das Tempo, in dem die Energiewende umgesetzt wird – allerdings von zwei Seiten: Den einen geht es zu schnell, den anderen nicht schnell genug. Erstere bemängeln dabei zuvorderst die Kosten der Energiewende, nicht nur durch den Abbau von Jobs in der Kernenergie und dem Kohlesektor, sondern auch durch die EEG-Umlage. Mit ihr finanzieren die Stromverbraucher die Differenz zwischen dem zuletzt stark gefallenen Börsenpreis für Strom und dem gesetzlich garantierten Preis für Ökostrom.

In der Kritik steht zudem seit einiger Zeit vor allem die Windkraft an Land. Gerade in Schleswig-Holstein und Niedersachsen sind zahlreiche Windparks entstanden, in denen viele Menschen eine Verschandelung der Landschaft und Umweltschützer eine Gefahr für Vögel sehen. Auch der im Zuge der Energiewende nötige Ausbau der Stromnetze stößt auf heftigen Widerstand von betroffenen Anwohnern. Proteste kommen allerdings auch von der anderen Seite. Klimaschützer beklagen, dass Deutschland durch die in der jüngsten EEG-Novelle gedrosselten Ausbauziele für erneuerbare Energien nicht so viel CO2 einsparen kann wie ursprünglich geplant.

Und Vertreter aus Solar- und Windkraftwirtschaft wie der renommierte Energieexperte Eicke Weber fürchten um die vielen in den jungen Industrien geschaffenen Jobs, wenn die Politik sich nicht klar zu einem weiteren Fortgang der Energiewende bekennt.

Dank der kräftigen Förderung durch das EEG erlebten die Erneuerbaren nach der Jahrtausendwende einen wahren Boom. Tausende von Arbeitsplätzen wurden geschaffen; landauf, landab entstanden Windparks und Solaranlagen wie hier auf einem historischen Adelssitz in Nordrhein-Westfalen.

Steigt der Strompreis durch die Energiewende?

Die Verbraucher finanzieren den Ausbau regenerativer Energien durch die EEG-Umlage (siehe oben). Sie ist von 2,05 Cent je Kilowattstunde im Jahr 2010 auf 6,35 Cent im laufenden Jahr gestiegen. Für das kommende Jahr wird ein Wert oberhalb von sieben Cent erwartet.

2014 kamen so gut 23,6 Milliarden Euro zusammen, von denen etwas mehr als ein Drittel die Privathaushalte zahlten. Auf die Industrie entfielen gut 31 Prozent, stromintensive Betriebe sind von der Zahlung der Umlage allerdings zum Teil befreit. Die EEG-Umlage macht nach Angaben des BDEW aktuell etwas mehr als ein Fünftel am Strompreis aus, das ist ungefähr genauso viel, wie für die Strom- und Umsatzsteuer zusammen fällig ist. Damit ist sie unbestreitbar ein Kostenfaktor auf der Stromrechnung. Für einen Durchschnittshaushalt bedeutet sie je nach Berechnung Mehrausgaben von gut 20 Euro oder mehr im Monat.

Als Begründung für Strompreiserhöhungen durch die Energieversorger kann die Umlage allerdings nur sehr bedingt herhalten – und keinesfalls in voller Höhe. Denn an der Strombörse ist der Preis in den vergangenen Jahren stark gefallen. Energiehändler können ihn derzeit so günstig wie selten einkaufen.

Zu einem gesamtgesellschaftlichen Vergleich der Kosten erneuerbarer sowie herkömmlicher Energieträger gehört zudem auch ein Blick auf die Subventionen, die etwa die Kohleindustrie erhält, oder die gerade in der Aufbauphase in die deutschen Kernkraftwerke geflossen sind.

Gibt es eine Alternative zur Energiewende?

Natürlich könnte Deutschland seinen Strom in Zukunft vor allem aus der Atomkraft und fossilen Energieträgern beziehen. Allerdings sind die klimaschädlichen Folgen von Energiequellen wie Kohle und Erdöl längst nicht mehr zu übersehen. Die Kernkraft hat sich zudem in den Reaktorkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima als unkontrollierbar erwiesen.

Will Deutschland diesen Risiken aus dem Weg gehen und trotzdem nicht auf seinen hohen Lebensstandard verzichten, kommt es an einem Ausbau der Erneuerbaren nicht vorbei.

Larissa Dieckhoff
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