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Thema Wind und Wende

29. Mai. 17

Christoph Ewen (57) ist ein erfahrener Moderator. In den Gesprächsrunden tritt er ruhig und sachlich auf. Das Mikro gibt er grundsätzlich nicht aus der Hand – wenn alle Seiten zu Wort kommen sollen, muss er die Redezeit Einzelner begrenzen können.

Auf der Stürmischen Alb

Im idyllischen Pfronstetten spielt sich ein Streit ab, den es hundertfach in Deutschland gibt: Pläne für einen Windpark entzweien das Dorf. Ein Konfliktberater vermittelt zwischen beiden Seiten

Von Volker Kühn

Der Moment, in dem es wirkt, als könnten ihm die Dinge doch noch aus der Hand gleiten, kommt gegen Ende der Veranstaltung. Ein Mann Ende 30, Anfang 40 will eine Frage stellen, Christoph Ewen geht zu ihm hinüber und hält ihm das Mikro hin. Doch statt hineinzusprechen, greift der Mann danach. Freundlich, aber bestimmt zieht Ewen das Mikro zurück, so hat er das bei den Vorrednern auch getan. Aber der Mann lässt nicht los. Er zerrt daran.

Ist das jetzt der Augenblick, in dem der Abend aus dem Ruder läuft? In dem sich die unterschwellige Aggressivität entlädt, die seit zwei Stunden in der verbrauchten Luft der Halle hängt? In dem der „Infomarkt Windenergie Pfronstetten“ in Pöbeleien endet?

Immerhin geht es um einiges. Die Firma WPD aus Bremen will in der idyllischen 1500-Einwohner-Gemeinde auf der Schwäbischen Alb Windräder bauen, und ein Teil der Einwohner lehnt das entschieden ab. Auf dem Infomarkt sollen beide Parteien ihre Argumente austauschen.

Es wären die ersten Windräder weit und breit. Wer über die kurvigen Straßen südlich von Reutlingen auf die Alb hinauffährt, blickt auf dunkle Wälder, auf grüne Wiesen voll gelbem Löwenzahn und auf Dörfer, die aussehen, als läge die letzte Kehrwoche nur ein paar Tage zurück. Er sieht funkelnde Solardächer und Biogasanlagen – aber keine Windparks.

In Turnhallen wie diesen entscheidet sich die Energiewende: Rund 200 Besucher diskutieren Mitte Mai in Pfronstetten über die Pläne zum Bau von Windrädern. An Infoständen informieren die verschiedenen Parteien über ihre Standpunkte. Ganz links: die Bürgerinitiative „Gegenwind Pfronstetten“. Direkt gegenüber: der Projektentwickler WPD.

Windräder sind selten in Baden-Württemberg. Die grün-schwarze Landesregierung will das ändern – doch das schafft Konflikte

Gerade mal 600 Windräder drehen sich im Flächenland Baden-Württemberg. In Niedersachsen sind es zehnmal so viele. Doch nach dem Willen der Landesregierung soll die Zahl im Südwesten kräftig steigen. Die Grünen unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann und ihr Juniorpartner CDU haben beschlossen, die Energiewende voranzutreiben. Ein sogenannter Potenzialatlas nennt Orte, die auch im eher windarmen Baden-Württemberg gute Bedingungen für Windräder bieten.

Meist sind es kleine Orte in ländlichen Gegenden, im Kreis Schwäbisch-Hall etwa, in den Höhenlagen des Schwarzwalds oder auf der Schwäbischen Alb. Orte, in denen sich viele Bürger von den Plänen aus Stuttgart überfahren fühlen und nun gegen den „Windwahn“ rebellieren. Orte wie Pfronstetten.

Und deshalb ist Christoph Ewen heute hier in der Albhalle, die Veranstaltungssaal und Turnhalle zugleich ist. Er soll zwischen Windkraftgegnern und -befürwortern vermitteln. Die Politik hat erkannt, dass sie ihre Pläne nicht gegen den Willen der Bevölkerung durchsetzen kann, eine der schmerzhaften Lehren aus Stuttgart 21. Deshalb hat sie das „Forum Energiedialog“ geschaffen: Gemeinden, in denen die Windkraft Streit entfacht, können auf Landeskosten einen Konfliktbegleiter einschalten.

Die Landesregierung hat erkannt, dass sie die Windkraft nicht gegen den Willen der Bevölkerung ausbauen kann. Deshalb hat sie das „Forum Energiedialog Baden-Württemberg“ geschaffen: Gemeinden können bei Bedarf einen Vermittler hinzuziehen, um Streitigkeiten zu befrieden.

„Egal, ob die Anlagen gebaut werden oder nicht – beide Parteien sollen sich am Ende noch in die Augen schauen können“

Manche würden von einem Schlichter sprechen, aber das trifft nicht zu. „Ein Schlichter wird von beiden Seiten angerufen und sagt am Ende, was die Lösung ist“, erklärt Ewen. Er ist aber nicht hier, um den Konflikt zu entscheiden, sondern um ihn zu moderieren.

„Egal, ob die Anlagen gebaut werden oder nicht – beide Parteien sollen sich am Ende des Entscheidungsprozesses noch in die Augen schauen können“, sagt Ewen, 57, graues Haar, Jeans und Sakko, der im hessischen Darmstadt 2003 ein Büro für Konfliktberatung gegründet hat.

Ewen ist ein erfahrener Vermittler. Er hat den Ausbau von Bahnstrecken befriedet, bei der Erweiterung des Frankfurter Flughafens beraten, an Runden Tischen gesessen und kontroverse Themen wie Fracking moderiert. Zuvor war der promovierte Bauingenieur 14 Jahre lang beim Öko-Institut.

In seinen Jahren als Konfliktbegleiter hat Ewen gelernt, wie sehr öffentliche Großvorhaben lokale Gemeinschaften belasten können. Sie treiben Keile zwischen Nachbarn, Vereinskameraden und Arbeitskollegen, manchmal auch mitten durch Familien hindurch. „Es gibt Dörfer, in denen die Menschen selbst Jahre nach dem Projekt nicht mehr miteinander reden“, sagt Ewen. „Mit einem Mal ist das große Schweigen ausgebrochen.“

Ewens Job ist es, dafür zu sorgen, dass die Gemeinschaften im Gespräch bleiben. Selbst wenn eine Partei das Ergebnis am Ende noch immer für falsch hält, soll sie zumindest sagen können, dass die Entscheidungsfindung fair war. Dass sie die Argumente der Gegenseite versteht, auch wenn sie sie nicht teilt. Triumphierende Sieger, gebrochene Verlierer – das ist der Tod jedes Dorflebens.

Bürgermeister Reinhold Teufel (am Mikro) und der Konfliktberater Christoph Ewen eröffnen die Diskussion. Dabei stehen sie bewusst nicht auf, sondern vor der Bühne: Die Bürger sollen nicht das Gefühl haben, dass über ihre Köpfe hinweg entschieden wird.

Die Bürgerinitiative warnt vor Infraschall: Welche Schwangere trage ihr Kind schon gern in der Nähe von Windrädern aus?

Verhindern lässt sich das nur, wenn der Entscheidungsprozess sinnvoll gestaltet wird. Die Konfliktparteien dürfen nicht einfach aufeinander losgelassen werden, die Auseinandersetzung muss geleitet und moderiert werden.

In großen Runden ist das schwieriger als in kleinen, hat Ewen festgestellt. Deshalb ist so eine Versammlung wie heute in der Albhalle von Pfronstetten eine heikle Angelegenheit. Rund 200 Bürger sind gekommen, allerdings stammen nicht alle von ihnen aus der Gemeinde. Manche Gesichter aufseiten der Windkraftgegner kennt Ewen schon von anderen Veranstaltungen.

Entlang der Hallenwände haben verschiedene Gruppen Infostände aufgebaut. Gemeinsam mit CDU-Bürgermeister Reinhold Teufel eröffnet er den Abend, anschließend stellt er die Gruppen vor. Mit dem Mikro in der einen Hand, die andere in der Hosentasche, kommt er nacheinander zu ihnen.

Er beginnt bei der Bürgerinitiative „Gegenwind Pfronstetten“, die gleich links vom Eingang ein Plakat aufgehängt hat. „Heimat statt Profit“ steht in großen Lettern darauf. Darunter laufen Fotos über einen Monitor, Bilder von Pfronstetten, in die gewaltige Windräder hineinmontiert wurden.

Thomas Wagner war einer derjenigen, die die Bürgerinitiative im November 2016 ins Leben gerufen haben. Knapp 60 Menschen kamen damals zur Gründungsversammlung, die Gruppe zählt gut 20 aktive Mitglieder.

Als Ewen ihm das Mikro hinhält, erklärt er, warum er die Windräder für falsch hält. Es sind vor allem die „Landschaftszerstörung und die Gesundheitsgefährdung durch Schall, beziehungsweise Infraschall“, die dem 47-Jährigen und seinen Mitstreitern Sorgen machen. „Welche Schwangere trägt schon gern ihr Kind in der Nähe einer Windkraftanlage aus, ohne zu wissen, ob es dadurch Schaden nimmt?“, fragt er.

Der laute Applaus der Umstehenden macht klar: Akustisch hat die Bürgerinitiative die Hoheit in der Halle.

Christoph Ewen (57) ist ein erfahrener Moderator. In den Gesprächsrunden tritt er ruhig und sachlich auf. Das Mikro gibt er grundsätzlich nicht aus der Hand – wenn alle Seiten zu Wort kommen sollen, muss er die Redezeit Einzelner begrenzen können.

Auf den Bildern des Projektentwicklers wirken die Windräder viel kleiner. „Welche Fotos stimmen denn nun?“, fragt Ewen

Ewen geht weiter zum Stand des BUND. Die Naturschutzorganisation ist in vielen Regionen ein entschiedener Gegner von Windrädern, weil Vögel und Fledermäuse darin sterben. Oft ist von „Vogelschreddermaschinen“ die Rede. Thomas Goerlich vom BUND Reutlingen vertritt eine differenziertere Haltung. Die Standorte müssten individuell geprüft werden, sagt er. Wo keine unmittelbare Gefahr für Vögel wie den Rotmilan besteht, sollten sie genehmigt werden.

Empörung bei den Windkraftgegnern. „Ist so ein Rotmilan mehr wert als ein Mensch?“, ruft einer. Das Buhen wird lauter, als Goerlichs Mitstreiterin Waltraud Geiselhart fragt, was denn die Alternative zu erneuerbaren Energien sei. „Irgendwoher muss der Strom doch kommen, und Atomkraft und Kohle sind sehr viel schädlicher.“

Ewen bittet um Ruhe. Die Gegenseite habe schließlich auch nicht gebuht, als die Bürgerinitiative zuvor ihre Position erläutert hat. Tatsächlich bleibt es still, als er die Stände der Forstverwaltung, vom Landratsamt Reutlingen und dem Regierungspräsidium Tübingen vorstellt.

Doch mit der Zurückhaltung ist es vorbei, als er zum Projektentwickler WPD kommt. Er hat seinen Stand direkt gegenüber der Bürgerinitiative, und auch er zeigt Fotomontagen mit Windrädern. Allerdings sehen die darauf nur halb so gewaltig aus. „Welche Fotos stimmen denn nun?“, fragt Ewen. „Unsere“, erklärt Jörg Dürr-Pucher von WPD. Anzahl, Position und Größe der Anlagen auf den Fotos von „Gegenwind Pfronstetten“ hätten nichts mit der Realität zu tun. Erneutes Buhen.

Ewen stellt noch den Stand eines Experten für Infraschall vor, anschließend sollen sich die Besucher Zeit nehmen, um sich an allen Ständen zu informieren und eine Meinung zu bilden.

„Es gibt aktuell keine Partei, die den Bürger noch wirklich vertritt“ Thomas Wagner, Gegenwind Pfronstetten

Die Konfliktlinien verlaufen quer durch Parteien und Naturschutzgruppen. Manchmal werden sogar Reifen zerstochen

In der kommenden Stunde wird allerdings klar, dass die meisten längst eine Meinung haben. Das ist auch WPD-Mann Dürr-Pucher bewusst. „Die entschiedenen Gegner werden wir hier nicht überzeugen“, sagt er. Aber immerhin könne er versuchen, die Unentschiedenen zu erreichen. Wie die Sache in Pfronstetten ausgehe, sei längst nicht entschieden. Von allen potenziellen Standorten, die WPD ins Auge fasse, würden am Ende vielleicht fünf oder zehn Prozent gebaut.

Bei den Gesprächen in der Halle zeigt sich, dass die Konfliktlinien in Zeiten der Energiewende anders verlaufen als früher. Dürr-Pucher zum Beispiel ist Mitglied der CDU – jener Partei also, die in Stuttgart den Windkraftausbau stützt. So manches Mitglied im tiefschwarzen Pfronstetten fühlt sich davon verraten. „Es gibt aktuell keine Partei, die den Bürger noch wirklich vertritt“, sagt Thomas Wagner von der Bürgerinitiative. Viele in seiner Gruppe sind eigentlich CDU-Wähler.

Streuobstbäume und Blumenwiesen prägen das Bild der Schwäbischen Alb. Windräder haben hier keinen Platz, finden Bürgerinitiativen wie „Gegenwind Pfronstetten“. Doch die Landesregierung möchte die Windenergie kräftig ausbauen – und Pfronstetten sei einer der Orte, die genug Wind dafür bieten.

Doch auch durch die Naturschützer verläuft ein Riss. Die pragmatische Haltung der beiden BUND-Vertreter ist umstritten. „Dabei ist klar, dass der Klimawandel für die Tierwelt gefährlicher ist als Windräder“, verteidigt sich Thomas Goerlich. Zudem kämen im Straßenverkehr viel mehr Tiere um – aber das sei für die wenigsten ein Problem, die hier plötzlich ihr Herz für den Rotmilan entdeckt hätten.

Seine Kollegin Waltraud Geiselhart ist Anfeindungen seit Jahren gewohnt. „Mit meinen Themen wie Artenschutz und Erderwärmung stand ich lange ganz allein. Dann kam eine kurze Zeit, in der ich das Gefühl hatte, dass das Wort Grün hier kein Schimpfwort mehr ist“, sagt sie. „Aber das ist vorbei.“ Sie habe sogar schon anonyme Briefe wegen ihrer Haltung bekommen. Einmal habe man ihr einen Autoreifen zerstochen.

Irgendwann sind die Diskussionen erschöpft und Ewen bittet zur Abschlussrunde. Wieder geht er mit dem Mikro von Stand zu Stand. Die Bürgerinitiative macht klar, dass sie mit ihrer Furcht vor Gesundheitsgefahren die Mehrheit der Pfronstetter hinter sich sieht. Bürgermeister Teufel, ein vorsichtiger Befürworter der Windkraft, erklärt, dass das Land die Kommunen früher hätte einschalten müssen. Dann wäre es einfacher gewesen, geeignete Standorte zu finden.

Die WPD-Vertreter räumen ein, dass die überwiegende Zahl der Besucher an ihrem Stand kritisch gewesen sei. Sie laden die Bürgerinitiative zu einem Besuch bei einem bereits fertiggestellten Windpark ein, damit sich alle ein konkretes Bild vom Erscheinungsbild und dem Geräuschpegel machen können.

Für eine Sekunde sieht es so aus, als könnte die Stimmung in der Halle kippen. Aber Ewen lässt sich nicht aus der Ruhe bringen

Dann gibt es eine offene Runde. Ewen kommt mit dem Mikro herum und reicht die Fragen der Besucher an die einzelnen Parteien weiter. Bleibt etwas unklar, hakt er freundlich nach, immer in neutralem Ton.

Schließlich meldet sich der Mann um die 40, und Ewen hält ihm das Mikro hin. Als der Mann danach greift, kommt es zu einem kurzen Gerangel. Und für eine Sekunde sieht es so aus, als könnte die Stimmung in der Halle jetzt kippen.

Doch Ewen gelingt es, die Situation zu entschärfen. Als er dem Mann lächelnd, aber mit festem Blick erklärt, dass er das Mikro stets selbst in der Hand behalte, gibt dieser auf. Ein wenig stockend fragt er, warum denn überhaupt zusätzliche Windräder gebaut werden sollen, wo sie schon jetzt oft abgeschaltet werden müssten, weil die Netze überlastet seien. Die WPD-Vertreter erklären, dass die Netze ausgebaut würden und grundsätzlich einen viel höheren Anteil Windstrom vertrügen.

Dann ist es geschafft. Der Bürgermeister spricht ein Abschlusswort, und die Besucher strömen auseinander. Es sei insgesamt eine gute Veranstaltung gewesen, meint Ewen hinterher. Wichtiger als diese großen Versammlungen seien aber die kleinen Gesprächskreise, die noch folgen. „Da sprechen die Leute offener miteinander.“

Ob der Windpark am Ende gebaut wird? „Das weiß ich nicht“, sagt Ewen. „Aber das ist für mich auch nicht wichtig. Mir geht es darum, eine Schweigespirale zu verhindern.“

Mehr als 600 Bürgerinitiativen sollen bundesweit gegen Windräder kämpfen. Auf Friedensstifter wie Christoph Ewen wartet noch viel Arbeit.

Volker Kühn
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