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Thema Wind und Wende

09. Jan. 17

Vergangenheit trifft Zukunft: Traditionell nutzen Farmer in Südafrika Windräder als Wasserpumpen. Die große Anlage im Hintergrund gehört zur Dorper Wind Farm in der Provinz Eastern Cape. Seit 2012 erzeugen hier 40 Nordex-Turbinen Strom.

Am Kap der guten Winde

Auch in Südafrika hat die Energiewende begonnen. Der einzige heimische Turbinenbauer hat davon bislang allerdings kaum profitiert. Hat die junge Firma eine Chance gegen die Konkurrenz aus Europa?

Mark Ristow ist Geschäftsführer von Adventure Power, dem einzigen Windradhersteller in Südafrika. Das Unternehmen produziert in East London am Indischen Ozean. Die Industriestadt liegt etwa auf halber Strecke zwischen Kapstadt und Durban.

Von Volker Kühn

Mark Ristow starrt mit dem Blick eines Jägers in das weite Land, das vor ihm liegt. Zu seinen Füßen prescht der Wind durch das sonnenverbrannte Gras, rast hinunter ins langgestreckte Tal und auf der anderen Seite einen Berg hinauf, dessen rote Felsenkrone fast senkrecht in den Himmel ragt.

Es ist nicht die kleine Gruppe von Impalas, nach der Ristow späht, auch nicht die Farm unter den Eukalyptusbäumen zwei, drei Kilometer entfernt. Und wenn irgendwo das Gefieder eines Straußes aus dem gelben Gras lugt, hat ihn das schon auf der Autofahrt hierher nicht interessiert.

Was Ristow sucht, sind Windmesser. Kleine, auf Stangen gesteckte Geräte, die Daten darüber sammeln, wann und mit welcher Stärke der Wind hier über die Hügel und Berge fegt. Dafür ist er vor zwei Stunden in East London am Indischen Ozean aufgebrochen.

Ristow, 45 Jahre alt, früh ergraut, Holzfällerhemd über dem Wohlstandsbauch, ist Geschäftsführer von Adventure Power, dem einzigen südafrikanischen Hersteller von Windrädern. Seine heutige Tagestour ins Hinterland der Provinz Eastern Cape nennt er „den Markt beobachten“.

Wobei das durchaus wörtlich zu nehmen ist. Denn wenn Ristow auf den fast menschenleeren Feldern einen Windmesser entdeckt, dann weiß er: Hier bereitet ein Investor ein Projekt vor. Hier könnte er die Chance bekommen, seine Windräder aufzustellen.

Endlich. Denn so eine Chance braucht Ristow dringend.

Zwar sind die natürlichen Bedingungen für Windenergie in vielen Regionen Südafrikas geradezu ideal – weite, leere Flächen, beständiger Wind fast das ganze Jahr über. Und obendrein hat die Regierung schon vor fünf Jahren mit einem Ausschreibungsmodell, wie es für Windkraft in Deutschland erst 2017 kommt, einen stabilen Rahmen geschaffen und damit ein rasantes Wachstum erneuerbarer Energien ausgelöst.

Doch leider erreicht dieser Boom seine Firma Adventure Power nicht.

 

Vergangenheit trifft Zukunft: Traditionell nutzen Farmer in Südafrika Windräder als Wasserpumpen. Die große Anlage im Hintergrund gehört zur Dorper Wind Farm in der Provinz Eastern Cape. Seit 2012 erzeugen hier 40 Nordex-Turbinen Strom.

300 Kilowatt liefern Ristows Windräder – viel weniger als die der Marktführer. Doch sie haben einige Vorteile

„Als es hieß, dass die Windenergie ausgebaut wird, haben wir geglaubt, dass wir als südafrikanischer Anbieter die besten Chancen hätten“, sagt Ristow. „Immerhin haben wir die Turbinen hier im Land entwickelt und schaffen Arbeitsplätze vor Ort.“

Womit er und die amerikanischen Kapitalgeber hinter Adventure Power allerdings nicht gerechnet hatten, waren die strikten Ausschreibungsbedingungen. „Jedes noch so kleine Detail ist vorgeschrieben“, sagt Ristow. Vieles davon sei sinnvoll, ein Punkt aber macht ihm zu schaffen: Die Turbinen, die beim Bau eines Windparks den Zuschlag erhalten, müssen sich zuvor mindestens fünf Jahre in der Praxis bewiesen haben. „Damit waren wir als Start-up natürlich raus.“

Dabei sind seine Anlagen gut, davon ist Ristow überzeugt. Zwar sind die Leistungsdaten bescheiden im Vergleich zu denen namhafter Konkurrenten wie Nordex, Vestas oder Enercon: Die Kapazität liegt bei 300 Kilowatt, die Rotorblätter sind nur 16 Meter lang, die Nabe sitzt gerade einmal 32 Meter hoch auf einem für europäische Augen ungewöhnlichen Gitterturm.

Doch für die Verhältnisse in Afrika bieten Ristows Anlage Vorteile: Sie sind vergleichsweise simpel konstruiert, was Errichtung, Wartung und Reparatur in abgelegenen Regionen erleichtert. Und die Anschaffungskosten sind niedriger – ideal für eher kapitalschwache Investoren in Schwellenländern.

Ristow wendet seinen Blick von dem Tal ab und geht zurück zum Auto. Keine Windmesser zu finden. Dabei seien die Bedingungen hier nicht schlecht. Viel besser zum Beispiel als bei seinem Pilotprojekt im Nachbarland Mosambik, wo er so einen Flop erlebt hat.

Auf der Weiterfahrt erzählt er davon. Wie er 2009 ein Windrad an der Küste in der Provinz Inhambane aufgestellt hat. Wie sogar der Präsident zur Einweihung kam. Wie die schneeweißen Rotorblätter über dem grünen Dach der Kokospalmwälder strahlten.

Doch leider drehten sie sich nur ein paar Monate. Dass der Wind in der Region zu unstet blies, war nicht das größte Problem. Schlimmer war, dass der Netzanschluss kaputtging und der Staat keine Mittel bereitstellte, um ihn zu reparieren. Auch um die Wartung kümmerte sich niemand.

Und so rostete die Anlage im Meereswind vor sich hin, bis Ristow irgendwann abholen lies, was noch davon übrig war.

 

Wer einen Windpark baut, muss einen Teil seiner Umsätze in Sozialprojekte investieren, in Gesundheitszentren zum Beispiel

Und deshalb gibt es bis heute nur ein einziges Referenzprojekt von Adventure Power: ein Windrad gleich gegenüber der Werkshalle in East London, das seinen Strom ins städtische Netz einspeist – ohne dass die Firma dafür Geld bekommen würde.

„Die Anlage ist wichtig für uns, weil wir damit beweisen, dass sie zuverlässig arbeitet“, sagt Ristow. Außerdem entwickeln er und seine rund 25 Mitarbeiter die Technik ständig weiter. Sie führen Belastungstests durch, tüfteln an der Software und versuchen, noch mehr Leistung herauszukitzeln.

Eine Stunde später biegt der Wagen an einem Schild mit der Aufschrift „Dorper Wind Farm“ auf eine Schotterpiste ab. Das Logo dazu, ein Schaf auf einer Wetterfahne, war schon vorhin im verschlafenen Örtchen Sterkstroom auf einigen Hauswänden zu sehen.

Der Windpark reicht rund zwei Prozent seiner Umsätze an die Kommunen im Umkreis von 50 Kilometern weiter. Sie finanzieren damit Projekte wie Gesundheitszentren oder Schulen – auf denen dann das Schafslogo prangt. Es ist eine der vielen Vorschriften des Ausschreibungsmodells: Windkraft soll Südafrika nicht nur Strom liefern, sondern auch vergessene Dörfer auf dem Land voranbringen.

An einem Schlagbaum trägt Ristow seinen Namen in ein Formular ein, dann öffnet der Wachmann die Schranke und gibt den Weg frei auf das weitläufige Farmland, auf dem die Rotorblätter von 40 Windrädern ihre Kreise ziehen. Es sind Nordex-Anlagen mit einer Kapazität von je 2,5 Megawatt – mehr als achtmal so stark wie die Anlagen von Adventure Power.

 

Die Windräder von Adventure Power haben eine Kapazität von 300 Kilowatt. Sie stehen auf Gittertürmen, die in Europa wegen des großen Zeitaufwands beim Aufbau selten zum Einsatz kommen. Im Niedriglohnland Südafrika sind sie allerdings günstiger als Stahltürme.

Ökostrom ist in Afrika nicht nur eine Frage des Umweltschutzes. Es geht darum, Lücken in der Energieversorgung zu schließen

Vorbei an weißen Schafen mit schwarzen Köpfen und schwarzen Rindern mit imposanten Höckern auf dem Rücken geht es zu einigen Bürocontainern. Hier hat Arthur Mcunukelwa seinen Schreibtisch, der örtliche Manager. Der 42-Jährige stammt aus einem Dorf in der Nähe und hat lange für den Stromversorger Eskom gearbeitet, meist weit weg von zu Hause. Als 2012 der Windpark in seiner Heimat gebaut wurde, bewarb er sich sofort. Jetzt ist er wieder jeden Abend bei Frau und Kindern.

Ristow und er beginnen eine Diskussion über die Leistungsdaten des Parks, über Wartungszeiten, Windstärken, den Netzanschluss und Materialverschleiß. Auch dazu ist Ristow heute aufgebrochen: um von den Erfahrungen der Kollegen zu lernen. „Dorper hat unsere Erwartungen übertroffen“, sagt Mcunukelwa. „Wir produzieren viel mehr Strom, als wir erwartet hatten.“

Rund 40 größere Windparks verzeichnet die South African Wind Energy Association inzwischen auf ihrem Windatlas des Landes, vor allem im Südwesten und in der Kapregion. Im Verhältnis zu europäischen Ländern klingt das wenig. Vor fünf Jahren war die Karte allerdings noch leer.

Dabei kennt natürlich auch Südafrika jene Probleme, mit denen die Branche in Europa zu kämpfen hat. Auch in dem riesigen Land protestieren Anwohner, wenn die Anlagen zu dicht an ihren Häusern geplant werden. Und auch hier verenden Vögel in den Rotorblättern.

Als Mcunukelwa und Ristow später durch den Windpark gehen, treffen sie auf Mitarbeiter einer Umweltschutzorganisation, die den Einfluss der Anlagen auf die Tierwelt untersuchen. Heute haben sie den Flügel eines Adlers gefunden, abgetrennt von einem Rotorblatt. „Windräder beeinträchtigen die Natur ganz eindeutig. Es wäre eine Lüge, das Gegenteil zu behaupten“, sagt einer der Umweltschützer. „Aber sie sind definitiv besser als Kohlekraftwerke.“

Klimaschutz ist allerdings auch nur einer der Beweggründe für Südafrikas Ökostromprogramm. Genauso wichtig ist es, die Stromversorgung zu stabilisieren. Denn im Gegensatz zu Europa, wo schon vor der Energiewende genügend Strom aus Kohle-, Gas- und Atomkraftwerken vorhanden war, haben viele boomende Schwellenländer Afrikas einen enormen Nachholbedarf. In Südafrika entwickelte sich 2015 eine ganze Serie von Stromausfällen zu einer ernsten Belastung für die Wirtschaft.

 

Die Produktion ist zu großen Teilen Handarbeit. Inklusive der Rotorblätter haben die Anlagen eine Höhe von knapp 50 Metern. Damit können sie auch in abgelegenen Regionen leichter errichtet werden als die sehr viel größeren Windräder europäischer Hersteller.

Der Anteil von Strom aus Sonne und Wind wächst. Mittlerweile ist er günstiger als der aus Kohlekraftwerken

Für Energiefirmen aus den entwickelten Ländern ist das eine große Chance. Sie drängen seit einigen Jahren verstärkt nach Afrika. So wie der Ökostrompionier WKN aus dem schleswig-holsteinischen Husum. „Wir haben systematisch nach Ländern gesucht, die Potenzial für Windenergie haben – sowohl mit Blick auf die geologischen Rahmenbedingungen als auch auf wirtschaftliche und politische Stabilität“, sagt WKN-Vorstand Roland Stanze.

Südafrika sei in dieser Hinsicht geradezu ideal. „Es ist hier vergleichsweise einfach, Windenergie zu konkurrenzfähigen Konditionen zu erzeugen.“ Das Land habe ein vorbildliches Ausschreibungsmodell für Ökostrom geschaffen.

Nach Regierungsangaben ist der Anteil von Solar- und Windkraft sowie Biomasse von praktisch null im Jahr 2010 auf zuletzt rund fünf Prozent gewachsen. Noch einmal so viel liefern Wasserkraftwerke.

Doch noch immer dominieren die in den heimischen Minen geförderte Kohle sowie Afrikas einziges Kernkraftwerk in der Nähe von Kapstadt die Stromversorgung. Der skandalumwitterte Präsident Jacob Zuma würde die Atomenergie sogar gern ausbauen; eine Horrorvorstellung für Umweltschützer. Viele Beobachter halten es allerdings wegen der immensen Kosten für wenig wahrscheinlich, dass es so weit kommt.

Doch auch die Kohle wird vom Staat hoch subventioniert, immerhin ist sie einer der wichtigsten Arbeitgeber des Landes. Trotzdem ist der Preis für Ökostrom nach Zahlen eines dem Energieministerium unterstellten Forschungsinstituts 2016 auf knapp 40 Prozent des Preises für Kohlestrom gefallen. Und die Regierung hält am Ausbau der Erneuerbaren fest: Im Jahr 2030 soll ein Fünftel des Stroms aus regenerativen Quellen kommen.

Und deshalb ist Mark Ristow auf der Rückfahrt nach East London trotz aller Startschwierigkeiten von Adventure Power optimistisch. „Ohne Wind sind die Klimaziele nicht zu erreichen.“

Und noch etwas gibt ihm Hoffnung: Er verhandelt derzeit mit den Behörden in East London über den Bau von sechs Windrädern in einer Sonderwirtschaftszone. Sie sollen nicht ans allgemeine Stromnetz angeschlossen werden, sondern direkt die vor Ort ansässigen Unternehmen versorgen – und fallen deshalb nicht unter die Vorschriften des Ausschreibungsmodells. „Es sieht so aus, als könnten wir 2017 bauen“, sagt Ristow.

Es ist die Chance, auf die er lange gewartet hat. Wenn seine Turbinen erst mal gezeigt hätten, was sie leisten können, würden sich bestimmt Investoren dafür finden, da ist Ristow sicher. Irgendwo auf einem sonnenverbrannten Feld werden sie dann ihre Windmesser aufstellen.

 

Steffen Kück
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