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Thema Wind und Wende

10. Feb. 15

Wellen-Geschäft

In Deutschland gibt es eine „Delle“ in der Offshore-Wind-Industrie, welche die ganze Lieferkette durchwirbelt. Das Auf und Ab der Investitionen sorgt für spezielle Konjunkturen beim Offshore-Bau – und bei Arbeitsplätzen.

Minister Gabriel setzt auf Offshore-Windkraft, senkte jedoch die Ausbauziele für 2030.

Von Volker Kühn

Schaumgekrönte Wellen, beißende Gischt, eine Regenfront am Horizont: Seglern macht das raue Wetter draußen in der Nordsee oft schwer zu schaffen. Offshore-Ingenieure dagegen lieben es.

Denn erst die dafür verantwortliche Westwinddrift zwischen dem 50. und 60. Breitengrad sorgt dafür, dass sich die tonnenschweren Flügel ihrer Windanlagen stetig drehen. Mit zehn Metern pro Sekunde weht der Wind in der Deutschen Bucht im Schnitt – ideale Bedingungen für die Stromerzeugung.

Was dabei leicht übersehen wird: Das politische Klima in Berlin ist für die Windkraft mindestens ebenso wichtig. Doch im Gegensatz zum Nordseeklima ist es extrem wechselhaft. Mal bläst der Rückenwind so stark, dass der Markt heiß läuft und zu überdrehen droht.

Dann wieder herrscht eine monatelange Flaute, die viele Firmen der jungen Branche an den Rand der Pleite bringt – und manche darüber hinaus. Die Konjunktur in der Offshore-Windkraft, sie ist zu großen Teilen das Ergebnis politischer Launen.

Wie schnell die sich ändern, zeigen die jüngsten Äußerungen von Sigmar Gabriel. Während er als Umweltminister der Großen Koalition bis 2009 die Offshore-Windkraft zum entscheidenden Baustein der Energieversorgung ausrief, gibt er heute als Wirtschaftsminister den Verteidiger des Umweltkillers Kohle. „Wir können nicht gleichzeitig aus der Atomenergie und der Kohlekraft aussteigen“, predigt Gabriel landauf, landab.

Das Problem des SPD-Manns: Je schneller die Windparks auf See wachsen, desto unrentabler werden die alten Kohlemeiler. Die nämlich müssen immer dann vom Netz genommen werden, wenn besonders viel Ökostrom aus der Nord- und Ostseeregion eingespeist wird – sehr zum Leidwesen der Kohlebranche in den SPD-regierten Ländern NRW und Brandenburg. In der Windkraftindustrie registriert man Gabriels Äußerungen daher mit Sorge.

Die Diskussion um die „Strompreisbremse“ erwies sich als fatal. Die Minister Altmeier und Rösler verunsicherten Anfang 2013 Investoren.

Diskussion um „Strompreisbremse“ erwies sich als fatal

Kein Politiker hat die Branche allerdings so durchgewirbelt wie Peter Altmaier (CDU), der 2012 das Bundesumweltministerium übernahm. Zwar pries er die Windkraftanlagen draußen auf See anfangs als „Kathedralen der Industriekultur“.

Bald schon aber sprach er häufiger von den explodierenden Kosten des Offshore-Ausbaus und dachte öffentlich darüber nach, wie sie gesenkt werden könnten. In der Folge verständigte er sich im Februar 2013 mit dem damaligen Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) auf die sogenannte „Strompreisbremse“.

Die Idee: Die gesetzlich garantierten Fördersätze für den Ökostrom sollten gedeckelt werden – nicht nur für neue Windparks, sondern selbst für bestehende Anlagen, die Investoren im Vertrauen auf eine langfristig sichere Vergütung überhaupt erst gebaut hatten.

Zwar wurde die „Strompreisbremse“ nicht umgesetzt. Doch schon die monatelange Diskussion darüber war für die Zulieferbranche fatal. Als dann auch noch Verzögerungen beim Netzanschluss der Windparks hinzukamen, legten mit einem Schlag fast alle Investoren ihre Projekte auf Eis.

Zuerst brachen die Aufträge bei den Planern, Finanzierern und Versicherern weg, die am Anfang der Wertschöpfung stehen. Im zweiten Schritt erwischte es die Anlagenbauer und Zulieferer.

Offshore-Windparks: Langfristige Infrastrukturprojekte

Ronny Meyer, Geschäftsführer des Branchenverbands wab, schätzt, dass allein 2013 mehr als 2.000 der bundesweit rund 18.000 Arbeitsplätze in der Offshore-Wind-Industrie abgebaut wurden.

Windkraftpioniere wie die Bard-Gruppe oder die Siag-Nordseewerke rutschten gar in die Pleite.

Lediglich die Unternehmen im Bereich Bau und Installation am Ende der Lieferkette, sagt Meyer, seien noch immer vergleichsweise gut ausgelastet – sie arbeiten schließlich die schon vor der Diskussion um die „Strompreisbremse“ beschlossenen Projekte ab.

Doch längst ist absehbar, dass die Auftragsdelle auch bei ihnen ankommen wird.

Die große Schwierigkeit der Branche sind die gewaltigen Dimensionen der Projekte. Auf gut 1,5 Milliarden Euro veranschlagen Experten das Investitionsvolumen für die Errichtung eines Windparks, die Vorlaufzeit beträgt bis zu sieben Jahre.

Ohne staatliche Subventionen sind die Anlagen nicht rentabel – und ohne verlässliche politische Rahmenbedingungen wagt kein Investor den Bau.

„Deutschland hat zwei Jahre verschlafen, weil die Politik die Industrie im Unklaren darüber gelassen hat, ob sie noch an Offshore-Windkraft glaubt“, sagt ein hochrangiger Manager aus der Branche.

Künftige Produktionsstätte für Windkraft: Im englischen Hull entstehen bald 1.000 Jobs.

Verlässliche Rahmenbedingungen bedeuten Arbeitsplätze

Inzwischen scheint die Phase der Unsicherheit zwar vorerst beendet: Seit August 2014 gilt das neue EEG mit reduzierten Ausbauplänen für die Offshore-Windkraft und dem Ziel, die Kosten für die Verbraucher stabil zu halten.

Und am Anfang der Lieferkette kommt auch tatsächlich wieder Leben in den Markt, allein im Herbst sollen Neuinvestitionen in Höhe von mehr als drei Milliarden Euro beschlossen worden sein.

Doch ist der Aufschwung diesmal von Dauer? Daran bestehen Zweifel. Denn die Politik hat nur die Zeit bis 2020 klar geregelt. Danach soll ein Auktionsmodell die festen Vergütungen für Offshore-Strom ersetzen.

Zum Zuge kommt dann nach jetzigen Überlegungen der Investor, der die geringsten staatlichen Fördermittel für seinen Windanlagen in Anspruch nehmen wird. Was das im Detail bedeutet, ist allerdings noch unklar. Sollte nicht bald eine eindeutige Regelung beschlossen werden, droht der deutschen Zulieferindustrie die nächste Flauteperiode.

Was diese Unsicherheit für den Standort Deutschland bedeuten kann, zeigt das Beispiel Siemens: Im März 2014 gab der Konzern bekannt, wo er sein neues Rotorblätterwerk mit 1.000 Arbeitsplätzen und einem Investitionsvolumen von 190 Millionen Euro bauen will: nicht an der deutschen Nordsee, sondern im englischen Hull. Begründung: In Großbritannien seien die Rahmenbedingungen verlässlicher.

Iris Franco Fratini
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