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Thema Wind und Wende

12. Feb. 15

Offshore aus dem Ostallgäu

Weiter weg von der Küste geht kaum: Im bayerischen Mauerstetten bei Kaufbeuren baut die Mayr GmbH sicherheitsrelevante Komponenten für Windkraftanlagen. Mittlerweile ist das Unternehmen Weltmarktführer für Pitchbremsen.

Weiter weg von der Küste geht kaum: das bayerische Mauerstetten bei Kaufbeuren.

Ostallgäu, Familienbetrieb, vor über 120 Jahren gegründet. Man rechnet mit etwas Kleinem, etwas in heimeliger Atmosphäre, etwas Grundsolidem. Man rechnet vielleicht mit einem schicken Chefzimmer, einem knarzendem Ledersessel. Vielleicht ein paar Zertifikate an der Wand? Ein paar Modelle des Produktportfolios auf einem schweren Eichenschreibtisch?

„Seit der Gründung im Jahr 1897 hat sich das Unternehmen der Antriebstechnik verschrieben. In den Anfängen waren es Transmissionen für Sägewerke und Mühlen.“ Wer das liest rechnet mit viel Tradition und weniger mit dem, was dann kommt.

So ein Satz, der passt erstmal hierhin, hier drei Kilometer außerhalb des Allgäustädtchens Kaufbeuren. Das hat als Wahrzeichen den Fünfkopfturm, dann gibt es noch den Hexenturm, den Gerberturm, den Blasiusturm, den Sywollenturm.

Es gibt die Dreifaltigkeitskirche, den ältesten protestantischen Sakralbau im Allgäu. Und es gibt im Hintergrund eine weißgraue Alpenkulisse, die in einen ebenso weißgrauen Winterhimmel wächst.

Das klingt fast poetisch und das soll es auch, denn die Offshore-Windenergie scheint hier so weit weg wie Sachsens Glanz und Preußens Gloria. Tiefes Bayern – beschaulich, betriebsam, bodenständig. Abgehoben sind hier höchstens die Anderen.

Andreas Merz, Branchenmanager bei Mayr

Bremsen sind überall – vom Theater bis zur Windkraftanlage

Dann öffnet sich die Tür. Links baut sich ein großer Empfangstresen auf, rechts Sitzgruppen, belegt von Gruppen aus Mitarbeitern oder Kunden oder beiden.

In der Mitte faucht die Kaffeemaschine, an der Stirnwand leuchtet moderne Kunst. Dazu: Viel Glas, ein Modell der geplanten Standorterweiterung („Nicht berühren!“), eine Reihe Besprechungszimmer gleich dahinter.

Das hier ist Mauerstetten und das hier ist Mayr. Produziert Sicherheitskupplungen und -bremsen, Elektromagnetkupplungen und -bremsen, Wellenkupplungen.Hat Niederlassungen in Polen, China, Frankreich Südafrika. Beschäftigt weltweit 1000 Mitarbeiter, mehr als die Hälfte davon in Deutschland.

Einer von ihnen ist Andreas Merz, bei Mayr Branchenmanager Windenergie. Merz trägt eine gestreifte Krawatte, die im selben Blau leuchtet wie das Mayr-Blau. Das ist ziemlich viel Identifikation mit dem Arbeitgeber und die klingt auch aus dem, was er sagt: „Bremsen sind halt überall erforderlich, wo sich was dreht – vom Theater über den Aufzug bis zum Hafenkran“. Und: „Da gibt es schon eine ganze Menge Überschneidungen mit der Offshore-Windkraftanlage“.

2014 hat das Unternehmen allein für Pitchantriebe mehr als 37.000 Bremsen für On- und Offshore-Windkraftanlagen (WKA) verkauft, weltweit sind mehr als 200.000 Pitch-Bremsen der Firma Mayr im
Einsatz.

Offshore-Windenergie im Ostallgäu. Das muss er erklären. Macht er auch. Mayr ist Weltmarktführer bei elektromagnetischen Pitchbremsen. Die sind nicht ganz unwichtig für den reibungslosen und vor allem rentablen Betrieb einer Offshore-Anlage.

Sie halten die Rotorblätter für Betrieb, Wartung und Abbremsen der Windkraftanlage sicher auf Position. „Wenn die mal nicht mehr bremst kann es schnell zu einem Totalausfall der Anlage kommen“, sagt Merz. Und nichts ist teurer als ein guter Wind, der weht – sich aber nichts dreht.

Die Offshore-Pichbremse in der Windkraftanlage: 37.000 Stück kamen 2014 von Mayr.

Weite Kreise – erst über, dann unter Wasser

Dazu ist das Unternehmen sinnbildlich erst einmal abgetaucht, hat Seewasserbremsen für Schiffe und Hafenkräne entwickelt und erfolgreich an den Markt gebracht. „Die Anforderungen an Komponenten von Schiffen sind denen von Offshore-Windkraftanlagen sehr ähnlich“, führt er aus, „und Schiffe brauchen Komponenten, die nicht nur der Norden, sondern das ganze Land produziert“.

Hier im Ostallgäu gebe es halt sehr viele Motorenhersteller. Werden die von Schiffsbauern angefragt beauftragen die Motorproduzenten ihrerseits ihre Bremsenlieferanten mit dem Bau einer den Anforderungen entsprechenden Bremse: „Salzwasseratmosphäre, bestimmte Temperaturen, Schutz gegen Strahlwasser – das muss natürlich alles passen und daraufhin haben wir unsere Seewasserbremse entwickelt“, sagt Merz.

Aus der Standardbremse Industrie hat Mayr die Seewasserbremse, aus der Seewasserbremse dann die Standardbremse Windkraft und aus dieser die Offshore-Pitchbremse entwickelt.

Eine Reihe, die sich weiter fortsetzt. Gäbe es die Windenergie nicht, so der Branchenmanager, dann gäbe es viele andere Mayr-Projekte heute auch nicht.

Gerade im Bereich Forschung und Entwicklung habe die Offshore-Windenergie mit ihren besonderen Anforderungen zum Beispiel an den Korrosionsschutz Arbeit und Arbeitsplätze geschaffen. Wie
viele? „Können wir nicht genau beziffern“, sagt Merz. „Mehr als einen, weniger als 100“.

Die Offshore-Windenergie schickt ihre Wellen bis ins Alpenvorland. Mehr noch: Waren zunächst andere Branchen „Entwicklungshelfer“ für das Windkraftengagement der Ostallgäuer setzt jetzt die Offshore-Windenergie Impulse für andere Produktentwicklungen: „Unterwasserturbinen“, sagt Merz.

„Die sind nach dem gleichen System gebaut, ähnlich gelagert und brauchen auch eine Spezialbehandlung in Sachen Korrosion“. Die Offshore-Windenergie zieht eben Kreise bis tief in Deutschlands Süden. Erst über, jetzt unter Wasser.

Iris Franco Fratini
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