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Thema Mensch und Umwelt

04. Jul. 16

Wohin geht die Reise?

Die Bundesregierung hat die Novellierung des EEG auf den Weg gebracht. Die Branche muss sich auf zahlreiche Änderungen einstellen. Ein Stimmungsbild von der Offshore-Konferenz Windforce.

Eine klare Nachricht an Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel: Die EEG-Reform stößt in Teilen der Branche auf großen Widerstand.

Von Katharina Wolf

Ein bisschen nervös, ein bisschen verunsichert, aber grundsätzlich selbstbewusst - so widersprüchlich war die Stimmung auf der Offshore-Konferenz Windforce in Bremen. Zur selben Zeit, als die Bundesregierung die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) und das neue Windenergie-auf-See-Gesetz (WindSeeG) beschloss, diskutierten die knapp 400 Teilnehmer der Konferenz nicht nur wichtige Themen der Offshore-Branche, sondern auch die Auswirkungen der Gesetzesänderungen.

Dass die Reform nicht nur zur Zufriedenheit der Branche verlaufen ist, zeigte schon eine überdimensionale Postkarte, die der Veranstalter der Konferenz, die Windenergieagentur Bremen/Bremerhaven (WAB), an Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel schicken will. Zahlreiche bunte Unterschriften prangten unter den fünf Forderungen, die die WAB noch vor dem Beschluss der Gesetze im Bundestag überreichen will.

Um was geht es? Die Bundesregierung wird das System, nachdem Strom aus erneuerbaren Quellen vergütet wird, grundsätzlich verändern. Bekommen die Betreiber bislang eine garantierte Vergütung pro Kilowattstunde, sollen für künftige Projekte Auktionen darüber entscheiden, wie viel Geld ein Betreiber für seinen Strom erhält - nur die günstigsten Anbieter machen das Rennen.

Gleichzeitig gelten feste Ausbaukorridore: Für die Windenergie an Land sollen jährlich 2.800 Megawatt (MW) Leistung ausgeschrieben werden, für die Offshore-Windenergie gilt ein fester Deckel von 15 Gigawatt (GW) Gesamtleistung bis 2030. So will die Bundesregierung einen Stromanteil der Erneuerbaren von 45 Prozent bis 2025 erreichen.

WAB-Geschäftsführer Andrea Wellbrock spricht zur Eröffnung der Konferenz. Er sieht die deutsche Offshore-Industrie vom aktuellen Beschluss der Bundesregierung bedroht.

Die Bundesregierung riskiert einen Wettbewerbsnachteil

Doch noch etwas ändert sich für die Offshore-Branche: Ab 2025 können neue Parks nur noch auf vorher festgelegten Flächen im Meer gebaut werden. In den Ausschreibungen wird also nicht nur die Leistung festgelegt, sondern auch die Fläche, auf der gebaut werden darf. Das ist schwierig für alle, die bereits viel Arbeit und Geld in die Entwicklung und Genehmigung von Offshore-Windparks gesteckt haben. Für sie gibt es zunächst eine Übergangszeit: In den ersten beiden Auktionsrunden für Projekte, die zwischen 2021 und 2024 gebaut werden sollen, wird lediglich die Leistung ausgeschrieben. Aber was geschieht mit den Projekten, die nicht berücksichtigt werden? Die Branche rechnet mit 50 Prozent Ausfall. Ihre Baugenehmigungen laufen aus - ohne Entschädigung. Ein schwacher Trost ist das so genannte Last-Call-Recht: Wenn die Fläche in die Ausschreibung kommt, auf der das genehmigte Projekt war, kann der ursprüngliche Planer bauen, wenn er den in der Auktion erzielten Preis akzeptiert.

Glücklich ist die Branche damit nicht: „Wir sind mit dem Kabinettsbeschluss nicht zufrieden und haben politisch schwierige Verhandlungen vor uns“, sagte WAB-Geschäftsführer Andreas Wellbrock. „Wir brauchen einen ausreichend großen Ausbaukorridor und Planungssicherheit. Die Bundesregierung riskiert mit ihrem aktuellen Beschluss, dass die deutsche Offshore-Industrie im internationalen Wettbewerb ins Hintertreffen gerät und damit Arbeitsplätze in ganz Deutschland gefährdet werden.“

Von einem „klassischen Kompromiss“ sprach Norbert Giese auf der Windforce, Vice President Agency & Government Relations beim Anlagenhersteller Senvion, wenn es um die neuen Regelungen ging. „Ich sehe das mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Lachend, weil wir bis 2020 einen Markt haben und einiges erreichen konnten, weinend, weil wir uns auch für die Zeit danach mehr MW gewünscht hätten.“ Denn weil die Bundesregierung einen festen Deckel von 15 GW bis 2030 beschlossen hat, werden ab 2020 pro Jahr nur 730 MW Leistung ausgeschrieben - das sind nicht einmal zwei Windparks.

Oliver Spalthoff, Geschäftsführer der Deutschen Offshore Consult, hält das geplante Ausbauvolumen von 730 MW für zu gering. So ließen sich keine Kostensenkungen erzielen.

„730 MW sind da zu wenig, um Kostensenkungen zu erreichen.”

Viele halten das für zu wenig, um die Branche mit ihren zahlreichen Zulieferern am Leben zu halten.  So betont beispielsweise Oliver Spalthoff, Geschäftsführer der Deutschen Offshore Consult, die zunehmende Bedeutung der Offshore-Windenergie für die Binnenländer. „730 MW sind da zu wenig, um Kostensenkungen zu erreichen.“ Er verglich die Offshore-Branche bildlich mit der Nationalmannschaft bei der Fußball-EM: „Wir haben eine Vielfalt an Spielern und haben uns in den letzten Jahren hervorragend entwickelt, wir sind technisch beschlagen, können anstrengende Spiele mental überstehen und haben Fans, die unsere Spielweise attraktiv finden - jetzt wollen wir nicht Vier gegen Vier spielen. Wir können mehr.“

Doch noch andere Regelungen machen der Branche Sorgen. So sollen beide Ausschreibungsrunden der Übergangszeit von 2021 bis 2024 schon im kommenden Jahr stattfinden. „Da muss viel mehr Risiko eingepreist werden“, gab Jens Eckhoff, Präsident der Stiftung Offshore-Windenergie, zu bedenken. Denn wer könne 2017 genau abschätzen, wie die Zinsentwicklung sechs bis sieben Jahre später verlaufen ist, wie hoch Kosten für Anlagen oder Schiffe seien? Besser sei es laut Eckhoff, die zweite Runde auf 2019 zu schieben und auch die Ergebnisse gründlich auszuwerten. „Aber wir hatten als Branche schon häufiger schwierige Momente“, betonte er und gibt sich kämpferisch. „Wir dürfen jetzt nicht resigniert auftreten, sondern müssen selbstbewusst für unsere Interessen einstehen.“

Für viele in der Branche gilt derzeit ein Motto: Nach der Reform ist vor der Reform. „Wir dürfen durchaus stolz auf das sein, was wir erreicht haben“, sagte Urs Wahl, Sprecher des Branchenverbandes OWIA. Aber es gebe noch offene Frage, beispielsweise das Thema Netzanbindung. „Damit sind wir nicht zufrieden, weil es nur am Rande geregelt wurde, obwohl es zentral wichtig ist.“ Auch im Bereich der Netze sollte mehr Marktwirtschaft eingeführt werden.

Auf Optimismus hinsichtlich der Zukunft der Windbranche stießen die Besucher der Windforce auch im Gespräch mit Klaus Meier, Aufsichtsratsvorsitzender beim Projektierer und Betreiber wpd. Mit Blick auf die Bundestagsabstimmung der EEG-Reform hält dieser sich an die Worte des früheren SPD- Fraktionsvorsitzenden Peter Struck. „Er hat immer gesagt: ,Aus dem Bundestag ist noch nie ein Gesetz so herausgegangen, wie es hineingekommen ist.‘ Jetzt müssen wir für unsere Interessen kämpfen.“

Steffen Kück
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