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Thema Mensch und Umwelt

29. Mär. 18

Wo Wetter aufhört und Klima anfängt

Hier zu heiß, da zu nass und überall unbeständig: Der Sommer 2017 hatte es in sich. War das ungewöhnliche Wetter nur ein Ausreißer im Rahmen des Ewartbaren – oder ein Beleg für den Klimawandel? Eine Spurensuche

Von Mareike Redder

Wann wird's 'mal wieder richtig Sommer, ein Sommer, wie er früher
einmal war? Ja, mit Sonnenschein von Juni bis September,
und nicht so nass und so sibirisch wie im letzten Jahr.

Als Rudi Carrell 1975 seine Ode an den Sonnenschein vorstellte, hätte er sich wohl selbst kaum träumen lassen, dass sein Lied über kalte, verregnete Sommer zum Evergreen werden würde. Die Tatsache, dass ein Song wie dieser schon vor mehr als 40 Jahren zum Gassenhauer wurde, zeigt vor allem: Der Jammer über den versemmelten Sommer ist gar nicht so neu.

Rückblick: Der Sommer 2017 war – zusammengefasst – zu warm, zu nass, zu sonnig. Kurz: unbeständig. Einerseits schwitzten die Deutschen bei sengender Hitze im wärmsten Juni seit dem Rekordsommer 2013, andererseits war der Sommer der regenreichste der letzten 15 Jahre. Laut dem Deutschen Wetterdienst (DWD) fielen aufs gesamte Bundesgebiet gerechnet mit durchschnittlich 305 Litern pro Quadratmeter 28 Prozent mehr Regen als üblich – das Soll liegt bei 239 Litern.

Florian Imbery analysiert beim Deutschen Wetterdienst das Klima. Dem Sommer 2017 bescheinigt er eine Reihe statistischer Ausreißer: Er brachte nicht nur 28 Prozent mehr Regen als üblich, sondern war zugleich auch sechs Prozent zu sonnig.

Auch wenn in vielen Teilen Deutschlands nichts davon zu spüren war: 2017 schien die Sonne häufiger als im langjährigen Mittel

„Das Deutschlandmittel der Temperatur betrug 17,9 Grad Celsius. Damit wurde der vieljährige Mittelwert des internationalen klimatologischen Referenzzeitraums 1961 bis 1990 um 1,6 Kelvin* übertroffen“, sagt Florian Imbery, Leiter der Klimaanalyse beim Deutschen Wetterdienst (DWD).

*Die Einheit Kelvin (K) wird häufig für die Angabe von Temperaturdifferenzen verwendet und entspricht in diesem Fall der geläufigeren Einheit Grad Celsius. Plus 1,6 Kelvin Unterschied bedeuten also ein Temperaturanstieg um 1,6 Grad Celsius.

Zusätzlich war der Sommer mit 640 Sonnenstunden auch sechs Prozent zu sonnig im Vergleich zum Mittelwert von 604 Stunden. Die Sonnenanbeter im Englischen Garten wird das gefreut haben, die Kurgäste auf Föhr hingegen haben davon nichts bemerkt. Denn die Spitzenwerte verteilen sich nicht gleichmäßig auf das Land.

Imbery fasst zusammen: „Der Sommer 2017 war geprägt von großen Unterschieden zwischen dem mäßig warmen Norden Deutschlands und dem teilweise sehr warmen Süden.“

In der Nähe von Lübeck stiegen die Temperaturen beispielsweise nur an zwei Tagen auf über 25 Grad. Im Süden hingegen schwitzte man an 27 Tagen bei Temperaturen über 30 Grad Celsius, mit örtlich bis zu 830 Stunden Sonnenschein.

Sonnenbad an der Isar in München: Von einem Sommertag sprechen Meteorologen, wenn die Temperaturen mindestens 25 Grad Celsius oder mehr erreichen. Tage, an denen das Thermometer auf über 30 Grad klettert, bezeichnen sie als heißen Tag. Gemeinsam sind sie das Maß für die Güte eines Sommers.

Seit 1880 wird das globale Wetter aufgezeichnet. Die Jahre 2015 bis 2017 sind die wärmsten, die bislang registriert wurden

Dazu kam aber immer wieder auch Regen: „Nach trockenem Beginn gab es Ende Juni intensive Niederschläge im Norden und Osten. Dabei ragten besonders die extremen Niederschläge des Tiefdruckgebiets Rasmund am 29. Juni – hauptsächlich in Brandenburg und Berlin – heraus: Berlin/Tegel meldete eine Rekordniederschlagsmenge von 197 Litern pro Quadratmetern“, berichtet der Klimaexperte.

„Insgesamt gibt es unter anderem wegen der vielen Starkniederschläge im Frühsommer einen Niederschlagsüberschuss. 2017 liegt auf Platz 15 der feuchtesten Sommer seit 1881. Gleichzeitig schien im Sommer 2017 die Sonne häufiger als im vieljährigen Mittel, daraus resultiert ein warmer Sommer mit reichlichen Niederschlägen bei ausreichend Sonnenschein“, fasst Imbery zusammen.

Wie gut oder schlecht war der Sommer – diese Frage ist also in erster Linie eine Frage des Standorts. Und des Vergleichsmaßstabs. Denn im Rückblick auf die letzten Jahrzehnte können wir Mitteleuropäer uns zumindest nicht über mangelnde Wärme beschweren.

„Die letzten 21 Sommer waren gegenüber dem langjährigen Mittelwert durchweg zu warm“, erklärt Imbery weiter. „Der Sommer 2017 war der neuntwärmste seit 1881. Acht der 15 wärmsten Sommer in Deutschland seit 1881 finden sich im 21. Jahrhundert. Auch global war 2017 ein sehr warmes Jahr. Gemeinsam mit dem wärmsten Jahr 2016 und dem bisher zweitwärmsten Jahr 2015 traten damit die drei wärmsten Jahre seit Beobachtungsbeginn 1880 in direkter Folge auf.“

„2017 stand hierzulande ganz im Zeichen des Klimawandels“ Thomas Deutschländer, DWD

Wissenschaftler sind sich sicher: Die Wetteranomalien der vergangenen Jahre sind ein Ausdruck der globalen Erderhitzung

„Das Jahr 2017 stand hierzulande ganz im Zeichen des Klimawandels“, erklärte Thomas Deutschländer, Klimaexperte des DWD, Anfang März in Berlin. Dass 2017 weltweit erneut eines der drei wärmsten Jahre seit Aufzeichnungsbeginn war, zeige, dass der Trend zur globalen Erwärmung nach wie vor ungebrochen ist. Es sei jedoch immer noch schwierig, statistisch nachzuweisen, ob meteorologische Extremereignisse zugenommen haben.

Die Gründe laut Deutschländer: häufig noch zu kurze Beobachtungsreihen, eine hohe natürliche Klimavariabilität und Probleme bei der flächendeckenden Erfassung von kleinräumigen Ereignissen. Dennoch sei die beobachtete Häufung solcher Ereignisse auch 2017 ein Indiz für die Annahme vieler Klimaforscher, dass extreme Wettersituationen mit weiter steigenden Temperaturen zunehmen dürften.

Wärmegewitter über Norddeutschland: Einzelne Wetterereignisse lassen sich nicht eindeutig dem Klimawandel zurechnen. Die generelle Zunahme von Extremwettern allerdings gilt als Beleg dafür.

Seriöse Vorhersagen für den Sommer 2018 sind schwierig. Erste Anhaltspunkte finden sich aber im Deutschen Klimaatlas

Und wie wird nun der Sommer in diesem Jahr? Eine konkrete Vorhersage will der Wetterexperte nicht geben: „Es ist derzeit noch nicht möglich, seriöse Prognosen für den Witterungsverlauf über einen Zeithorizont von mehr als zirka zehn Tagen zu abzugeben. Allerdings ist die Entwicklung sogenannter Jahreszeitenvorhersagen Gegenstand intensiver Forschung.“

Die Vorhersagen zeigen auf, mit welchem Trend in den nächsten Monaten zu rechnen ist, das heißt „mit welcher Wahrscheinlichkeit die kommenden drei Monate zum Beispiel trockener oder feuchter, wärmer oder kälter werden als im langzeitlichen Mittel“, so Imbery.

Sind denn wirklich gar keine Aussagen über die kommenden Sommer zu treffen? Nicht ganz: Im Deutschen Klimaatlas des DWD kann man zwar nicht das Wetter für einen einzelnen Zeitraum einsehen, man erhält jedoch eine Übersicht über das Klima von früher, heute und morgen. „Der Klimaatlas zeigt sowohl die langjährige klimatologische Entwicklung für die Vergangenheit und die Zukunft als auch die räumliche Ausprägung für einzelne Jahre.“

Und was prognostiziert der Atlas für die nächsten Jahre?

Basierend auf verschiedenen Klimamodellen zeigen sich für Deutschland unterschiedliche Szenarien, die beispielsweise bis 2040 Abweichungen von plus 0,5 Kelvin bis hin zu plus 1,5 Kelvin prognostizieren. Bis 2100 könnten es sogar plus 5,0 Kelvin sein. Es ist eindeutig: Es wird immer wärmer. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch global.

„Die klar erkennbaren Auswirkungen eines sich ändernden Klimas sind überlagert von einer sehr hohen Variabilität der Witterung der Sommermonate von Jahr zu Jahr“, erklärt Imbery. „Somit haben wir eine signifikante Zunahme der Sommertemperaturen, wobei es immer wieder Jahre geben kann, in denen die Sommer wieder etwas kühler sind.“

Auch wenn die Ergebnisse der einzelnen Klimamodelle im Detail teils stark voneinander abweichen, stimmen sie doch alle darin überein, dass die Temperaturen in den nächsten rund 80 Jahren weiter steigen werden. Anders sieht es beim Thema Regen aus: „Bei den Niederschlägen sind bisher keine eindeutigen Änderungen feststellbar“, sagt Imbery.

Gut möglich also, dass es in Zukunft noch öfter Sommer wie den von 2017 geben wird: zu heiß, zu nass und unbeständig.

Volker Kühn
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