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Thema Mensch und Umwelt

08. Jan. 15

Hochsensible Hydrophone sollen die Ultraschall-Rufe der Schweinswale aufzeichnen

Vogelperspektive auf Schweinswale

So viel Forschung war nie: Im Zuge des Baus von Offshore-Windparks vor Deutschlands Küsten werden Umweltrisiken akribisch untersucht. Meeresbiologische Institute haben Hochkonjunktur.

Hochsensible Hydrophone sollen die Ultraschall-Rufe der Schweinswale aufzeichnen

Das Bürogebäude Schulterblatt 124-128 mit seinen Wellblech-Streifen auf der Fassade wirkt nicht gerade wie der kühne Wurf ökologischer Architektur. Doch das unscheinbare Haus im Hamburger Szene-Stadtteil Schanzenviertel ist eine feste Adresse in Sachen Umweltschutz: Bis vor kurzem residierte im dritten Stock noch die Stromtochter von Greenpeace, Greenpeace Energy.

Nun macht sich gerade ein grüner Nachmieter auf der Etage breit: Das Institut für Angewandte Ökosystemforschung (IFAÖ), ein Dienstleistungsunternehmen, dass sich auf die Zählung etwa von Krebsen, Sturmtauchern und Schweinswalen spezialisiert hat.

Doch wer dort nun eine paar verschrobene Biologen erwartet, die in mit wissenschaftlichen Papieren verstopften kleinen Kämmerchen hocken, sieht sich getäuscht. Auf den weiten Fluren und in den Großraumbüros herrscht emsiges Treiben: In Konferenzräumen brüten Mitarbeiter über Powerpoint-Präsentationen, stimmen mit Projektpartnern letzte Details einer Forschungsreihe ab, piepst und blinkt Elektronik.

Mitten im Gewimmel steht Büroleiter Werner Piper, selbst diplomierter Biologe, aber derzeit vor allem damit beschäftigt, seine 25 Hamburger Kollegen zu führen - und bis zu 125 freie Mitarbeiter, die Piper für sein zahlreichen Projekte immer wieder einsetzen muss: für die meeresbiologische Untersuchung der Deutschen Bucht, wichtige Voraussetzung für die Genehmigung aller Offshore-Windparks in der Nordsee.

Piper sieht das allerdings aus einem anderen Blickwinkel: „Wenn es die Offshore-Windkraft nicht gäbe, hätten wir nie mit der kompletten meeresbiologischen Kartographierung der deutschen Nordsee angefangen“, erklärt er. „Die Forschung hat von den Windparks stark profitiert.“

„Die Forschung hat von den Offshore-Windparks stark profitiert.“

Das kann man wohl sagen: Bis vor wenigen Jahren waren Biologen auf die Vergabe von zumeist mickrig dotierten Stipendien angewiesen, wollten sie etwa das Leben von Sturztauchern von schaukelnden kleinen Schiffen aus ergründen. Nun arbeiten für Piper in Spitzenzeiten bis zu zehn Personen, die allein damit beschäftigt sind, Exkursionen zu organisieren.

„Früher wurde vom Museumskutter bis hin zum arktischen Tonnenleger aus Russland alles gechartert“, erinnert sich der gemütlich wirkende Biologe mit dem Vollbart. Inzwischen ist Sicherheit erstes Gebot. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an das fahrende Material - und damit auch die Kosten: Eine Millionensumme gibt das IFAÖ jährlich nur für das Chartern von entsprechend zertifizierten Schiffen aus. Sowie inzwischen auch von Flugzeugen.

Mit einem zweimotorigen Hochdecker vom Typ Britten-Norman Islander sind die Forscher schon seit Jahren auf der Pirsch. Mehrere Wissenschaftler an Bord suchen mit Ferngläsern Luft und Wasser nach Leben ab. Seit April dieses Jahres verfügen die Forscher zudem über Hightech-Optik an Bord einer zweimotorigen Propellermaschine: Eine Partenavia P68c transportiert zwei 80-Megapixel-Kameras in eine Flughöhe von 426 Metern.

Von dort aus werden stundenlang hochauflösende Fotos vom Meer geschossen. Es sind lückenlose Bilderreihen von 400 Metern Breite, bis sich sechs Terabyte Daten auf den mitfliegenden Computer-Festplatten angesammelt haben. Systematisch wird so die Meeresfauna in der deutschen Nordsee fotografiert. Flug für Flug werden bis zu 20.000 Bilder geschossen. Stück für Stück bekommen die Meeresbiologen ein kompletteres Bild von alldem, was sich auf sowie auch unter Wasser bewegt.

Auch Hummer und Krebse könnten sich in den Miniriffen ansiedeln, die an den Fundamenten mit der Zeit entstehen.

1.200 Stunden Fotoauswertung für einen Flug

Offenkundig sind die Resultate der Observationsflüge allerdings nicht. Vielmehr wandern die elektronischen Bilder zunächst in den klimatisierten Serverraum beim Hamburger IFAÖ, in dem gigantische Festplattenspeicher inzwischen riesige Bilddatenmengen vorhalten. Daneben, in einem fensterlosen Büro, sitzen zwei Freiwillige, um die anstrengendste Arbeit zu verrichten: Das Sichten jedes einzelnen Bildes.

Mehr als 50 Fotos, sagt eine Biologin, die gerade konzentriert auf zwei großen Flachbildschirmen die schwarzblau-gefärbten Meeresaufnahmen nach Tieren absucht, schaffe sie in zwei Stunden kaum. Zehn Vögel und zwei Schweinswale hat sie in ihrer bisherigen Schicht entdeckt. Vielleicht werden es nochmals so viele sein, bis sie nach weiteren zwei Stunden aufhören darf. Dann übernimmt ein Kollege die Sisyphusarbeit.

„Um einen Flug auszuwerten, benötigen wir bis zu 1.200 Stunden“, erklärt Piper das mühsame Zählen am Bildschirm. Je Quadratkilometer Nordsee entdecken die Wissenschaftler im Schnitt einen Schweinswal sowie maximal zehn Vögel. Selbst diese mager anmutenden Zahlen sind für Piper und seine Kollegen eine kleine Sensation: „Anfangs dachten wir, 140 Kilometer von der Küste entfernt leben keine Seetaucher mehr.“ Tun sie aber doch. Sie gesellen sich zu den bekannten Hochseevögeln wie Basstölpel, Sturmtaucher und Eissturmvögel.

Welche Auswirkungen der Bau von Offshore-Windanlagen auf die Hochsee-Ökologie haben wird, ist allerdings unklar. „Da werden wir frühestens in fünf bis zehn Jahren erste Veränderungen sehen“, erwartet Piper. Das gilt auch für das komplizierte Ökosystem von Meerespflanzen, Algen, und Fischen.

Unberührt ist die Nordsee ohnehin nicht. „Dort haben wir bisher in großen Bereichen eine Kulturlandschaft durch die Fischerei“, sagt Dr. Andreas Schmidt, der beim Hamburger IFAÖ die Forschungen am Meeresgrund leitet. Schmidts Hoffnung: „Es kann sein, dass durch die Offshore-Windkraftanlagen die ursprünglichen Strukturen wieder entstehen.“

Die Fundamente der Kraftwerke könnten zu Miniriffen werden, in denen sich auf den Steinverkleidungen der Stahlkonstruktionen wieder Austern, Kalkröhrenwürmer, Krebse und Hummer ansiedeln, so Schmidt. Gefahr vom Menschen droht solchen neuen Ökosystemen kaum: Schließlich dürfen Fischer aus Sicherheitsgründen ihre Netze nicht in Offshore-Windparks ausbringen.

Es kann aber auch anders kommen: Durch den Eintrag großer Mengen an Biomasse könnte im Umfeld der Anlagen Sauerstoffmangel entstehen. Im Meer würden die meisten Kleinlebewesen sterben. Stellte sich dies als reale Gefahr heraus, so die Meeresbiologen vom IFAÖ, müssten die Fundamente der Windkraftwerke regelmäßig durch Taucher von Bewuchs befreit werden - ein teures Unterfangen. 

Einen besonderen Schwerpunkt ihrer Forschungen setzen die Hamburger auch in Sachen Bau der Anlagen. Vor allem die Schweinswale mit ihrem empfindlichen Gehör zählen zu den Leidtragenden bei Rammarbeiten auf hoher See. „Über 160 Dezibel Schalldruck besteht für sie Verletzungsgefahr“, weiß IFAÖ-Meeressäuger-Experte Marco Gauger.

Mit seinem Team versucht der Biologe, Schweinswale in der Deutschen Bucht aufzuspüren, um erforderliche Schutzmaßnahmen zu ermitteln. Dazu haben die Forscher 50 Abhöranlagen in der Nordsee verankert, mit jeweils drei Detektoren, die von Größe und Aussehen an Postversand-Papprollen erinnern. In ihnen stecken aber hochsensible Hydrophone, welche die Ultraschall-Rufe der Schweinswale aufzeichnen und genau lokalisieren.

Längst folgen solche Untersuchungen übrigens einem amtlich vorgeschriebenen Kanon. Diese Vorgaben für meeresbiologische Studien sind Bestandteil des Genehmigungsverfahrens für Offshore-Windanlagen - und inzwischen selbst zu einem Exportgut geworden: Das in typischem Beamtendeutsch getaufte „Standarduntersuchungskonzept“ (Stuk) gibt es inzwischen in seiner vierten Fassung. „Stuk drei und Stuk vier wurden bereits ebenfalls in Englisch gedruckt, damit sie von Dänen und Briten gelesen werden können“, erklärt Andreas Schmidt mit ein wenig Stolz in der Stimme.

Schließlich haben sich die Deutschen mit ihrer Gründlichkeit wieder einmal als Vorbild etabliert. Auch im Bereich meeresbiologischer Untersuchungen zur Genehmigung von Offshore-Windparks.

Iris Franco Fratini
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