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Thema Mensch und Umwelt

27. Jun. 17

London drowning

Viel zu groß, riefen Kritiker, als das Flutsperrwerk Thames Barrier 1984 in Betrieb ging. Doch heute erweist sich der Größenwahn der Ingenieure als Glücksfall. Abschluss unserer Reihe über vom Klimawandel bedrohte Städte

Jahr für Jahr steigt der Meeresspiegel. Viele der Londoner Sehenswürdigkeiten wie die St.-Pauls-Kathedrale liegen dicht am Fluss.

Von Timour Chafik

Wer sich im Osten Londons verirrt, der kommt unter Umständen durch das Industriegebiet zwischen North Greenwich und Woolwich, vorbei an all den Autowerkstätten und am „Bunker 51“ (Slogan: „Paintball, Laser Tag and more in this North Greenwich Underground Bunker“). Wer dann den Greenwich Shopping Park links liegen lässt und an den typisch britischen Arbeiterhäuser in rotbraunem Klinker entlang wandert, fühlt sich, wenn er schließlich die Themse erreicht, an das Opernhaus von Sydney erinnert.

Nicht weil von irgendwoher Musik spielt oder Arien geschmettert werden, nein, das einzige, was hier pfeift, ist ein schneidiger Ostwind. Sondern weil mitten in der Themse riesige Fluttore wie Muscheln aus dem Wasser ragen und an Down Under erinnern.

Doch Australien ist ziemlich weit weg. Und im Gegensatz zu London ziemlich trocken.

Der Mann, der Londen vor der Flut schützen soll: Steve East, Engineering Manager der Thames Barrier.

Die Thames Barrier

Londons Bollwerk gegen den Klimawandel

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=hhJC2TLqEME&feature=youtu.be

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Von Westen schwappt das Themse-Wasser in die Stadt, von Osten drückt die Nordsee mit all ihrer Macht

So trocken hätte es die britische Hauptstadt manchmal auch ganz gern. Und das, was sich hier über 520 Meter bis zum gegenüberliegenden Ufer aneinanderreiht, ist genau dafür gemacht: um London trockenzuhalten und die Themse, zu stoppen, wenn sie zu viel Wasser mit sich bringt. Dann das geschieht immer wieder. „London is drowning“ – „London ertrinkt“, sangen schon „The Clash“ in ihrem Klassiker „London Calling“ von 1979.

Entsprungen bei Thames Head in der Grafschaft Gloucestershire mäandert die Themse unter anderem durch Oxford, Eton und Windsor. Dann fließt sie durch die Londoner Innenstadt, Greenwich und Dartford, bevor sie an ihrer Mündung bei Southend in einem Ästuar – einer der Flut ausgesetzten Flussmündung – die Nordsee erreicht.

Manchmal kommt das Wasser allerdings auch aus der anderen Richtung: Wenn Sprungwellen sich in Zonen atmosphärischen Tiefdrucks vor der Küste Kanadas bilden, wo der warme Golfstrom auf den kalten Labradorstrom trifft, und sich als hohe Wasserberge mit bis zu 95 Stundenkilometer nördlich der Britischen Inseln vorbeibewegen. Dann können Teile dieser Wasserberge durch bestimmte Winde in die Themse gedrückt werden.

London ist also gleich doppelt unter Druck: Da ist der Fluss, der von Westen kommend Wasser und Regen sammelt, und da ist das Meer, das von Osten in die Themse drückt. Und dazwischen? Da ziehen sich zehn schwenkbare Tore der Thames Barrier durch den Fluss, liegen flach auf dessen Grund, wenn die Themse frei fließen darf, und drehen sich nach oben, wenn sie den Fluss zu blockieren sollen.

Dazu braucht die Barrier nur 15 Minuten, vergleichbare Sperrwerke arbeiten mit mehreren Stunden – was im Falle einer Sturmflut verheerend sein kann.

Die silbernglänzenden Bauwerke der Thames Barrier erinnern an das Opernhaus von Sydney.

Seit 1984 balanciert die Thames Barrier die Wassermassen zu beiden Seiten der Stadt aus. Zur Einweihung kam sogar die Queen

Und genau davor hat London Angst: Wasser. Viel Wasser. So wie Anfang 2014, als der Südwesten Englands und große Teile von Wales über Wochen überflutet waren. Regen und steigendes Grundwasser führte damals zu meterhohen Wasserständen. Mit allem, was dazugehört: eingeschränkter Zugverkehr, vom Meer unterspülte Straßen. Die Grafschaften Somerset, Surrey und Berkshire waren von Wassermassen bedeckt. London, das wirtschaftliche Zentrum Großbritanniens, kann sich so etwas nicht erlauben.

„Genau zu diesem Zweck wurde die Thames Barrier gebaut: um London vor den Gezeiten zu schützen“, sagt Steve East, Engineering Manager der Thames Barrier. 1984 von der Queen offiziell eingeweiht, balanciert das Sperrwerk aber gleichzeitig unterschiedliche Wassermengen aus. Es schafft bei meerseitigem Niedrigwasser ein Reservoir für den Fall steigender Wasserspiegel auf der Flussseite, zum Beispiel durch lang anhaltenden Regen. „Die Barrier erzeugt ein künstliches Auffangbecken für die stromabwärts fließenden Wassermassen“, sagt East.

Dazu werden zunächst die drei fallenden Radialtore am Nordufer und das einzelne Tor im Süden geschlossen; dann senken sich von außen beginnend die Haupttore. Die zwei mittleren Tore werden als letztes abgesenkt. Bevor sie – von unten her – wieder geöffnet werden, müssen der Wasserstand flussauf- und flussabwärts der Tore geprüft werden, um sicherzugehen, dass der Stand jeweils gleich ist. Damit wird eine Flutwelle in die eine oder andere Richtung vermieden.

1953 kamen beim schlimmsten Hochwasser in der Geschichte von London mehr als 300 Menschen ums Leben. Die Thames Barrier soll verhindern, dass sich eine solche Katastophe je wiederholt.

Seit der letzten Eiszeit senkt sich der Südosten Englands ab. Zugleich steigt der Meeresspiegel – eine heikle Gemengelage

„Ohne die Thames Barrier stünde London heute unter Wasser“, hieß es zu Jahresbeginn 2014 von unterschiedlichster Seite. Mit dramatischen Folgen: die Tower Bridge, die Houses of Parliament und das Finanzviertel Canary Wharf sind nur einige der Sehenswürdigkeiten, die ohne die Thames Barrier geflutet worden wären. Ganz zu schweigen von den ökonomischen Konsequenzen: London erwirtschaftet fast ein Viertel des britischen Bruttoinlandsprodukts.

Noch 1953 waren über 300 Londoner bei einem der schlimmsten Hochwasser in der Geschichte der britischen Hauptstadt umgekommen, eine Katastrophe, die sich nie wiederholen sollte. Entsprechend groß dachten die Ingenieure und konstruierten die zur damaligen Zeit größten beweglichen Flutgatter der Welt, die 125 Quadratkilometer und 350.000 Wohnhäuser vor Wassermassen schützen sollten. Ein bisschen weit über das Ziel hinausgeschossen, hieß es damals. Die Anlage wird bis heute als „overengineered“, als überdimensioniert, bezeichnet.

Zum Glück für London, denn die Millionenmetropole wird nicht nur von Fluss und Meer „bewässert“, sondern muss auch Antworten auf alte wie neue Herausforderungen finden: „Erstens: Wir haben den Klimawandel und den damit verbundenen Meeresspiegelanstieg in unseren Planungen zu berücksichtigen“, sagt Steve East. „Zweitens: die Stadt hat sich immer mehr in Richtung Osten und damit in Richtung Meer ausgebreitet. Und drittens: Wir sinken, ohne irgendetwas dagegen unternehmen zu können“.

In der Tat: Geologisch ist ein allmähliches Absinken des südöstlichen Teils Englands zu beobachten, ein Prozess, der mit dem Ende der letzten Eiszeit einsetzte und dazu führt, dass der Wasserstand der Themse jährlich auch ohne Zutun des Menschen stetig ansteigt.

Aber es sei doch ohnehin immer davon ausgegangen worden, dass das Wasser steigt und mit ihm die Zahl an Fluten, sagt Engineering Manager East. Bis mindestens 2070 wird die Thames Barrier ihren Dienst tun und der sogenannte „Thames Estuary 2100 Plan“ würde zudem den unterschiedlichsten Klimawandelszenarien Rechnung tragen, fährt er fort.

Da schwingt dann jede Menge „Cool Britannia“ mit, hier im Osten Londons, das Industriegebiet im Rücken, die glitzernden Muscheln vor Augen.

Volker Kühn
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