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Thema Mensch und Umwelt

08. Jun. 17

Tourismus trifft Hochwasserschutz: Mit ihren geschwungenen Formen lädt die Elbpromenade zum Verweilen ein

Hamburg wappnet sich gegen den Klimawandel

1962 riss eine Sturmflut 315 Menschen in den Tod. Wie sich die Hansestadt heute gegen Hochwasser wehrt, schildern wir in Teil II unserer Serie über vom Klimawandel besonders betroffene Städte

Von Timour Chafik

Im Februar 1962, der Klimawandel war noch in weiter Ferne, da war es die nächtliche Flut, die mit aller Macht gegen die Hamburger Deiche schlug, sie zum Brechen und Bersten brachte, von Cranz bis Bullenhausen, von Finkenwerder bis Billwerder. Dazwischen: Überschwemmungsgebiete, auf zeitgenössischen Karten schwarz schraffiert. Wilhelmsburg, Kirchdorf, Allermöhe, Francop, Veddel und Georgswerder standen unter Wasser. Das, was sich heute Hafencity nennt, war versunken.

Steigende Meeresspiegel, schmelzende Polkappen? Am Freitag, 16. Februar 1962, war das weit weg, da freuten sich die Hamburger erst mal auf das Wochenende. Im Seewetteramt über dem Hafen aber stieg die Anspannung minütlich, schon mittags hieß es: „Sturmwarnung 124, Sturm 10 bis 11, Böe 12“.

„Der Sturm wurde immer stärker, das hörte überhaupt nicht auf“, wird Jahrzehnte später ein Anwohner aus Kirchdorf berichten. „Man hat das einfach nicht begriffen“, erinnert sich eine Zeitzeugin aus Wilhelmsburg. Es sei schwer zu verstehen gewesen, wie sich diese schwarze, glitzernde Masse durch die Straßen pressen und 315 Menschen in den Tod reißen konnte.

Olaf Müller, zuständig für den Hochwasserschutz in Hamburg, auf der neuen Promenade am Baumwall. Das elegante Bauwerk bewahrt die Stadt nicht nur vor Fluten, es ist auch ein Besuchermagnet.

Für Deiche fehlt in der Innenstadt der Platz. Stattdessen hat Stararchitektin Zaha Hadid eine Hochwasser-Promenade entworfen

Heute, über 55 Jahre später, steht Olaf Müller am Ausgang der U-Bahnstation „Baumwall“. Über ihm rauschen die Züge, links und rechts der Verkehr, auf der Promenade die Menschenmassen im Mittagslicht. Alles friedlich, alles trocken, ein paar hundert Meter weiter spiegelt sich die Sonne im Segeldach der Elbphilharmonie. „Wir stehen hier im Schatten der Hochwasserschutzanlage“, sagt – nein – referiert Müller. Was daran liegen mag, dass er den Geschäftsbereich Gewässer und Hochwasserschutz im Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer in Hamburg verantwortet. Er macht das hier nicht zum ersten Mal. „Vor uns, die Promenade, die bildet quasi unseren Deich.“

Zum Deich geht's gleich, doch erstmal nimmt Müller an die Hand, führt nach oben auf den Bahnsteig, zeigt auf die neu erbaute Promenade Baumwall-Niederhafen. In Stadtlagen fehlt der Platz, fährt er fort, normalerweise würde man Deiche viel breiter bauen, 60 Meter von der Außenkante der Böschung bis zur Innenkante bräuchten die schon. Flächen, die es in Ostfriesland noch geben mag, aber nicht in innerstädtischen Lagen wie am Baumwall.

Die Promenade verändert das Gesicht des Hafens – wenn auch nicht ganz so spektakulär wie die Elbphilharmonie, deren Spitze hier über die Promenade hinausragt.

Dafür gibt es hier wie anderswo, wo jeder Meter knapp und teuer ist, eben Promenaden und die hier, die ist entworfen von der im März 2016 verstorbenen Stararchitektin Zaha Hadid. Und gehört für die „New York Times“ auf die Liste der 52 besten Reiseziele für 2017. Möglicherweise weil die Flutschutzflaniermeile mit futuristischen Treppenkegeln aufwartet, die aussähen wie eine Showtreppe in einem Science-Fiction-Film, schrieb mal „Die Zeit“: „Wenn im Weltraum-Blockbuster fiese Herrscher irgendwelche Ansprachen halten, dann schreiten sie immer auf solchen Treppen herab und verkünden den Leuten, was Sache ist.“

Was tatsächlich Sache ist, weiß Müller und erzählt weiter: „Aus den Quartieren führen Stichstraßen auf die Anlagen zu, die Treppenkegel empfangen die Fußgänger und leiten sie auf die Anlage hinauf“. Auf der Wasserseite ist es umgekehrt: Weil von der Oberkante bis zum niedrigsten Wasserstand Höhen von zehn Metern und mehr entstehen können und weil das eben Höhen sind, von denen ein Runterfallen unschön enden kann, führen die Treppenkegel dort den Besucher sanft an das Wasser heran. Der Klimawandel, die schmelzenden Polkappen, der steigende Meeresspiegel – das ist alles immer noch weit weg. Denkt man, dabei ist das alles genauestens einkalkuliert. Dazu muss man Herrn Müller nur weiter zuhören.

Während Ozeanriesen über die Elbe schippern, flanieren Touristen und Hamburger die Promenade entlang.

Für eine Sturmflut muss eine Reihe von Faktoren zusammenkommen. Im Hamburger Hochwasserschutz sind sie einkalkuliert

Der „Blanke Hans“, hochdeutsch „Sturmflut“, trifft dann auf Hamburg, wenn bestimmte Faktoren ineinandergreifen, erklärt er routiniert. Wenn der Wind aus Nord-Nord-West über mehrere Stunden weht und dadurch Wasser beständig und über einen längeren Zeitraum Richtung Küste transportiert wird; wenn durch eine besondere Sonne-Erde-Mond-Konstellation die Tidehochwasser stärker ausfallen als im Mittel; wenn eine sogenannte Fernwelle von den Azoren in die Nordsee eindringt, von Nordengland kommend und an der niederländisch-deutschen Küste entlanglaufend. „All diese Faktoren beeinflussen sich gegenseitig, das haben wir fünf Jahre lang erforscht und daraus einen sicheren Bemessungswasserstand formuliert, also den höchsten, nach Möglichkeit aus langjähriger Beobachtung ermittelten Hochwasserstand“, sagt Müller. „Der ist jetzt 80 Zentimeter höher als 1993.“

Ist der Klimawandel in den Berechnungen dann nicht doch nur eine Randnotiz? Nein, sagt Müller, im Gegenteil: Fernwellen, Windstärken oder Gezeiten seien Werte, die sich für den Jetzt-Zustand ermitteln lassen. „Die Zukunft wird in dem sogenannten säkularen Meeresspiegelanstieg oder auch: Klimawandelfaktor berücksichtigt.“ Die Zukunft sieht dabei laut IPCC, dem Intergovernmental Panel on Climate Change, erst einmal so aus: „Der mittlere globale Meeresspiegel wird im 21. Jahrhundert weiter ansteigen, sehr wahrscheinlich mit einer höheren Geschwindigkeit als die zwischen 1971 und 2010 beobachtete. Je nach Szenario wird der Anstieg wahrscheinlich im Bereich von 26 bis 82 Zentimeter gegenüber dem Ende des vorigen Jahrhunderts liegen“, heißt es im Fünften Sachstandsberichts des IPCC aus dem Jahre 2014.

Auf Schildern erklärt die Stadt, wie sie mit dem steigenden Meeresspiegel umgeht. Auch wenn es Luftlinie fast 100 Kilometer bis zur Nordsee sind, ist Hamburg über die Elbe davon betroffen.

Wie stark der Meeresspiegel steigt, ist unklar. Dass er steigt, ist eindeutig – Messungen der vergangenen 150 Jahre sind der Beleg

Die Werte schwanken, je nach Absender. Was sie gemein haben ist ihr Trend nach oben, belegbar auch an den Wasserspiegelständen, die über Generationen an Pegeln wie Cuxhaven oder Norderney gemessen werden. „Das sind Langzeitpegel, anthropogen unbeeinflusst“, sagt Müller. „Seit über 150 Jahren werden dort Werte aufgezeichnet, die belegen, dass der mittlere Anstieg des Meeresspiegels 25 Zentimeter in 100 Jahren beträgt.“ Um auf Nummer sicher zu gehen berücksichtigt Hamburg bis Ende des Jahrhunderts 50 Zentimeter. „Wir wahrschauen den Klimawandel damit“, fügt er hinzu und benutzt mit „Wahrschau“ bewusst oder unbewusst ein seemännisches Fachwort, das als Warnruf soviel wie „Achtung!“ bedeutet.

Die Achtsamkeit für den Klimawandel, das Einbeziehen des säkularen Meeresspiegelanstiegs, das Anpassen der Deichhöhen über den perspektivischen Anstieg des Langzeitpegels hinaus – ist all das nicht doch auch eine unmittelbare Antwort auf das, was da noch kommen mag? Nein, sagt Müller, schließlich habe sich mit dem Klimawandel – bis heute zumindest – auch die Anzahl der Sturmfluten nicht erhöht. „Für uns ist das auch nicht von Bedeutung, für uns muss die Sturmflutsicherheit ohnehin immer gegeben sein“.

Was sich aber geändert hat, sagt er dann noch oben auf dem Deich, die Elbphilharmonie im Rücken, die Treppenkegel der Zara Hadid unter sich, den Niederhafen im Blick, „das ist das Bewusstsein hinsichtlich des Lebens mit dem Wasser.“ Die Sturmflut 1962 konnte nur deshalb zu Katastrophe werden, so Müller, weil die Menschen seit 1855 keine wirkliche Flut mehr erlebt haben. Da geht eben eine Menge Wissen den Bach hinunter, in über 100 Jahren.

Volker Kühn
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