Das Portal für Offshore-Windenergie

Thema Mensch und Umwelt

31. Mai. 17

Der Tod von Venedig

Die Lagunenstadt wehrt sich mit neuen Sturmfluttoren gegen ihren Untergang. Doch wahrscheinlich reichen sie allein nicht aus. Teil I unserer Serie über vom Klimawandel besonders betroffene Städte

Von Timour Chafik

Man sagt, das wahre, das echte, das authentische Venedig, das lässt sich nur spät nachts, vielleicht frühmorgens oder irgendwann in der Zeit dazwischen erleben. Wenn die Touristenströme, die Tagesausflügler, die Kultur- und Kanalinteressierten aus den engen Gassen in ihre Hotels oder auf das Festland zurückgekehrt sind. Dann erst, sagt man, muss man sich die Stadt erlaufen.

Denn „Erleben“ heißt in Venezia immer auch ergehen, sich verlieren, dem Glucksen des Wassers folgend auf dem Markusplatz im Morgengrauen die Tauben wecken und zusehen, wie hier und da eine Gondel noch müde beladen wird, auf schwarzem Wasser schaukelnd. Oder die Straßenkehrer noch schnell die Reste der Nacht oder des vorangegangen Tages zusammenkehren, bevor sich der Vorhang für einen weiteren Akt hebt und sie wieder strömen werden, über den Canal Grande, zur Rialto-Brücke, zum Dogenpalast.

Wie mit Wasser füllt sich die Stadt am Tage mit Menschen und läuft zum Abend hin wieder leer. Schade nur, dass das Theaterstück nicht ewig läuft. Venedig ertrinkt.

„Venedig retten heißt: Die Lagune zumachen“, sagt der Ozeanograph Georg Umgiesser.

An Bilder vom überfluteten Markusplatz hat man sich gewöhnt. Die wahre Gefahr des Klimawandels wird unterschätzt

Bis die Dialoge des letzten Akts verklungen, bis Venedig untergegangen sein wird, spielt die Stadt aber schon noch ein paar Mal auf. „Nur stellt sich die Frage nicht, ob es passieren wird, sondern wann“, sagt Georg Umgiesser, leitender Forscher am ISMAR, dem Institute of Marine Science in Venedig.

Umgiesser sitzt in einem Café an der Granviale Santa Maria Elisabetta auf dem Lido – der einst mondänen Strandinsel, streng genommen bloß eine Sandbank, die der stolzen Stadt ein paar Fährminuten vorgelagert ist. „Man sieht mal ein Hochwasser und alle schreien nach schnellem Handeln, aber die echte Gefahr – dass der Wasserspiegel langsam steigt und wir immer höhere und immer mehr Hochwasser haben – das lässt sich nur aus Statistiken herauslesen“, sagt er, während er in seinem Cappuccino rührt: „Das ist das Subtile am Klimawandel.“

Der Markusplatz kniehoch oder höher unter Wasser, das Blubbern aus den Regenkanälen ab 70 Zentimetern Wasserstand oder das Salzwasser, das in das Atrium des Doms fließt und gnadenlos am Marmor, den Bronzetüren und dem Ziegelgemäuer ätzt – die Bilder sind bekannt und, um ehrlich zu sein, gehören sie inzwischen irgendwie zum Image der Lagunenstadt dazu. Wenn die nächste Flut droht, dann finden Gummistiefel bei den Touristen reißenden Absatz und selbst den Buchladen namens „Libreria Acqua Alta“, die Hochwasserbücherei, kennen viele.

Ja, Venedig hat schon immer mit und neben dem Wasser gelebt. Mehr noch: Ohne das Wasser gäbe es die Stadt gar nicht. Wäre sie nicht als Insel angelegt und somit durch das Wasser geschützt worden, die verschiedensten Mächte, die unterschiedlichsten Heere hätten sie seit ihrem Bestehen eingenommen, geplündert, zerstört und wieder neu aufgebaut.

„Die Frage ist nicht, ob Venedig untergeht – sondern wann“: Interview mit dem Ozeanographen Georg Umgiesser

„Die Frage ist nicht, ob Venedig untergeht – sondern wann“

Hat die Stadt eine Zukunft? Interview mit dem Ozeanographen Georg Umgiesser

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=n63igkuN9ck

Zurück zum Artikel

Seit Jahren arbeitet Venedig am Projekt MOSE. 2018 soll die Sturmflutsperre endlich einsatzbereit sein. Sie wird dringend gebraucht

Heute ist das Wasser Zerstörer wie Ernährer einer Stadt, die am Tourismustropf hängt wie nur wenige auf der Welt. 60.000 Einwohner im historischen Zentrum, 30 Millionen Touristen im Jahr: „Venedig weiß, dass es wichtig ist mit dem Wasser zu leben“, sagt Umgiesser. „Spricht man mit einem Venezianer dann hört man natürlich immer: Wir müssen Venedig retten. Nur ist nicht klar, welches Venedig er meint – die Stadt? Oder die Lagune?“

Für Umgiesser muss mit dem Klimawandel und dem daraus resultierenden steigenden Wasserspiegel eine klare Entscheidung getroffen werden: „Venedig retten heißt: Die Lagune zumachen!“

Zumachen, ja. Aber nicht ganz. Nur dann, wenn nötig. So sehen das viele Verantwortliche in Venedig wie in ganz Italien und nennen das dann MOSE. Das steht für „Modulo Sperimentale Elettromeccanico“, ein Hochwasserschutzprojekt, eine Sturmflutsperre, an der seit 2003 gebaut wird und die nach zahlreichen Verzögerungen 2018 in Betrieb genommen werden soll: An den drei Öffnungen der Lagune von Venedig installiert, sollen bewegliche Fluttore das historische Zentrum der Stadt schützen.

Wird bei Sturmfluten die Hochwassermarke von 110 Zentimetern überschritten, dann werden die Lagunenzufahrten über aufschwimmende Barrieren geschlossen. Die Fluttore funktionieren dabei ähnlich dem Prinzip der Tore großer Schiffsdocks. Liegen sie in am Meeresboden verbauten Schächten, dann sind sie mit Wasser gefüllt und werden zum Aufrichten mit Pressluft gefüllt. Das Wasser wird quasi geteilt, der Prophet Moses lässt grüßen: der niedrigere Wasserspiegel ist auf der Lagunen-, der höhere auf der Adriaseite.

Venedigs Gebäude sind dem Wasser ständig ausgesetzt. Es gluckert an den Fassaden entlang, schwappt gegen Bronzetüren und ätzt am Marmor.

Das Projekt teilt das Meer – und erhitzt die Gemüter: Kritiker halten es für überdimensioniert und schädlich für die Natur

Einmal fertig gestellt und betriebsbereit teilt MOSE aber nicht nur das Meer in zwei Hälften, das Projekt erhitzt und entzweit schon seit Jahrzehnten die Gemüter: „Die 550 Quadratkilometer große, einzigartige Naturlandschaft der Lagune mit ihren Salzwiesen, Röhrichten, Sümpfen, Schilfgürteln, Brutgebieten von Vögeln und Fischgründen muss erhalten bleiben. Dies ist nur möglich durch einen natürlichen Tidenhub“, sagen Umweltschützer.

„Da Fluten mit einer immensen Höhe nur zweimal pro Jahrhundert vorkommen, ist das Projekt vollkommen überdimensioniert. Zu den 4,5 Milliarden Euro Baukosten kommen jährliche Unterhaltungs- und Betriebskosten von etwa acht bis zwanzig Millionen Euro“, sagen Aktivisten.

„Aus Erfahrung wissen wir: Ändert sich bei Modellrechnungen zu solch komplexen Zusammenhängen eine einzige Größe nur ein wenig – zum Beispiel die Höhe des Meeresspiegels oder die Stärke von Meeresströmungen –, dann können sich auch die Ergebnisse der Modellrechnungen drastisch verändern. Erstellte Prognosen werden dann plötzlich falsch, geplante Anlagen erweisen sich als zu klein oder zu groß“, sagen Bauingenieure.

Erst nachts, wenn die Touristenströme die Stadt verlassen haben, offenbart Venedig dem Besucher seinen wahren Charme.

Das Dafür-Lager kontert: „Die großen Hochwasserschutztore sollen nur bei Bedarf verwendet werden, wir schätzen 10- bis 20-mal pro Jahr“, sagt die Wasserbehörde der Stadt Venedig. „Das System ist nicht für herkömmliche Fluten, sondern für Sturmfluten mit Zerstörungscharakter entwickelt worden. Es bietet eine langfristige Garantie für Hochwasserschutz“. Oder: „Ich gebe Kritikern dahingehend Recht, dass einzelne Tore eventuell über 300-mal pro Jahr geschlossen sein werden, aber niemals alle Tore im System. Nur wenn der Wasserstand über 1,10 Meter steigt, werden alle Tore geschlossen. Der Wasseraustausch wird nicht beeinträchtigt, denn sobald sich das Wasser bei Ebbe wieder zurückzieht, werden die Tore wieder auf den Meeresboden abgesenkt“, sagt ein am Projekt beteiligter Bauingenieur.

„Das MOSE-Projekt muss umgesetzt werden, damit unsere Besucher jeden Tag trockenen Fußes die Stadt genießen können", so ein Sprecher von Hotel- und Gastronomiebetrieben in Venedig. „Das heißt, Venedig muss so bleiben, wie es schon immer war. Es darf nicht immer häufiger überflutet werden.“

Die Venezianer sind seit Jahrhunderten gewohnt mit „nassen Füßen zu leben“. Doch der Klimawandel verschärft das Problem.

Kann MOSE die Stadt wirklich schützen? Umgiesser bezweifelt das. Langfristig müsse die Lagune wohl geschlossen werden

Unschwer erkennbar, zu welchem Lager sich der Ozeanograph Umgiesser zugehörig fühlt: „Man hat den MOSE nicht gebaut, weil man den durch den Klimawandel verursachten Meeresspiegelanstieg im Blick hatte“, sagt er. „Dazu hätte man erst einmal eine vernünftige Prognose machen müssen; die Klimawandelkomponente wurde aber lediglich mit 20 Zentimetern für 100 Jahre einkalkuliert – völlig unterhalb aller Möglichkeiten!“

Sein Ansatz wäre ohnehin ein weitaus einfacherer gewesen: „Containerschiffe“, sagt er. „Die Schiffe rausfahren, mit Wasser füllen bis sie zu Boden sinken und wenn das Hochwasser abgezogen ist: Wasser wieder rauspumpen und in die Schiffe in den Hafen zur Wartung schicken“.

Sicher, sagt er, das wäre experimenteller, einfacher, weniger spektakulär aber auch weitaus günstiger. Dafür hätte man dann die Kanalisation in Venedig sanieren und ausbauen können, als Vorgriff auf einen weit radikaleren Schritt: „Schließen. Die Lagune schließen und zur Süßwasserlagune umwidmen“. Das, so Umgiesser, erfordert allerdings eine lange Vorplanung, ein modernes Abwassersystem bis hin zu einem Offshore-Hafen vor der Lagunenbarriere. „Jetzt hat sich Venedig nun einmal für den MOSE entschieden, die anderen Ideen waren wohl nicht sexy genug“.

Ob sexy oder nicht: Gebürtige Venezianer scheinen beim Thema Hochwasser ohnehin recht gelassen. Noch. Wer sich umhört, der hört oft Sätze wie diese: „Wir bringen unsere Sachen einfach in höhere Stockwerke, um sie zu schützen“. Man lebe in Venedig seit Jahrhunderten ganz gut mit „nassen Füßen“.

Volker Kühn
Artikel speichern gespeichert

Artikel zur Merkliste hinzugefügt