Das Portal für Offshore-Windenergie

Thema Mensch und Umwelt

11. Jun. 15

Die Kommissare Lürsen und Stedefreund führt es im aktuellen Tatort zur Offshore-Industrie.

Dallas in der Nordsee

Faktencheck beim Bremer Tatort: Ein Tatort ist kein Dokumentarfilm. Er lebt von Überspitzungen und Stereotypen und für den Spannungsbogen muss auch die Realität gelegentlich ein wenig zurechtgebogen werden.

Ein Aktivist wird erschossen, sein Freund verschwindet unter mysteriösen Umständen auf einem Windrad in der Nordsee. Skrupellose Hedgefonds-Manager drehen mit risikofreudigen Windpark-Betreibern undurchsichtige Finanzierungsrunden.

Über allem schweben dann auch noch ganze Vogelschwärme so lange, bis die Tiere von Rotorblättern erfasst werden und das Zeitliche segnen. Weiter mischen mit: Ein russischer Trödler, eine – fast – käufliche Geschäftsführerin einer Umweltorganisation und natürlich zwei Tatort-Kommissare, die sich durch ein Geflecht aus Verbrechen, Wirtschaft und Umweltschutz arbeiten. 

Der Bremer Tatort „Wer Wind erntet, sät Sturm“ (14. Juni, 20:15, ARD) zeigt eine Konstellation, bei der die Grenzen zwischen Opfer und Täter verschwimmen. „Wir wollten erreichen, dass man alle Figuren mit ihren Zweifeln und Brüchen kennen- und verstehen lernt“, erklärt Wilfried Huismann, neben Boris Dennular und Dirk Morgenstern einer der drei Drehbuchautoren. „So wird man durch die Protagonisten ganz gut in das Drama hineingezogen, auch weil scheinbar sicher Geglaubtes aus den Fugen gerät“.

Dass bei einem Tatort auch die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen können, aus dramaturgischen Gründen sogar verschwimmen müssen, das weiß auch Ronny Meyer.

Meyer ist Geschäftsführer des Netzwerks Windenergie-Agentur WAB und bundesweiter Ansprechpartner für die Offshore-Windindustrie. Und er ist ein guter Ansprechpartner für ein Factchecking zum Bremen-Tatort.

Herr Meyer, wie realistisch ist ein „Dallas an der Nordsee“?
Zunächst einmal ist das Thema „Offshore-Windenergie“ im „Tatort“ angekommen – als Tatort-Fan freut mich das natürlich, gleichwohl jeder Tatort eine fiktionale Geschichte erzählt, die dem Realitätscheck mal mehr, mal weniger standhält 

Und hält sie im Fall des aktuellen Bremen-Tatorts stand?
Es ist eine Herausforderung in 90 Minuten eine spannende Story zu erzählen, die den Zuschauer packt und mitnimmt. Klar, dass dabei nicht die komplette Breite der Offshore-Industrie dargestellt werden kann und dass die Charaktere sehr stark überzeichnet werden müssen.

In Summe wird im aktuellen Tatort aber stark übertrieben und die Offshore-Branche recht einseitig dargestellt – wer in der Offshore-Industrie arbeitet und den Kontakt zu Investoren, Naturschützern oder Turbinenherstellern pflegt, dem fällt das natürlich sehr viel stärker auf und der kann mit der Darstellung der Branche und der Branchenakteure nicht einverstanden sein.

Warum nicht?
Weil zum Beispiel ein sehr einseitiges Bild eines rein profitorientierten Investors gezeichnet wird. In der Realität tätigen Akteure wie kleine Stadtwerke, Private-Equity-Gesellschaften oder auch Pensionsfonds Investitionen in der Offshore-Windkraft.

Aber natürlich sind die Autoren frei in der Art, wie sie die Geschichte erzählen wollen. Sie müssen dabei Rollen zuweisen um eine entsprechende Dramaturgie zu schaffen und auch aufrechtzuerhalten. Denn was die „Krimitauglichkeit“ angeht ist die Offshore-Industrie erst einmal recht langweilig, daher muss man sich zwangsläufig ein stückweit von der Realität entfernen.

Wie weit?
Zu Filmbeginn wird beschrieben wie ein Vogelschwarm von den blinkenden Anlagen auf hoher See angezogen wird. Das ist aus unserer Sicht und unter normalen Bedingungen relativ weit weg von den realen Gegebenheiten.

Aber für den Plot ist ein konstruierter Konflikt „Offshore-Industrie vs. Naturschutz“ sicher hilfreich. In der Realität legt die Offshore-Industrie aber bereits in Planung, Bauphase wie auch im Betrieb großen Wert auf ein umfangreiches Umweltmonitoring.

Das Vögel schwarmweise in die Anlagen fliegen und dann geschreddert werden konnten wir bisher nicht beobachten.

Machen wir einen kurzen Punkt-für-Punkt Realitäts-Check: „So ein Windpark kostet 1,5 Milliarden Euro“, sagt an einer Stelle die Umweltschützerin zur Tatort-Kommissarin. Realistisch?
Ein Standardwindpark hat ein solches Volumen an Investitionskosten, ja.

Zu Beginn des Drehbuchs hebelt ein Darsteller die Tür eines Rotorturmes gewaltsam auf. Realistisch?
Eher nicht. Es gibt eine Seeraumüberwachung, die Windparks werden per Kamera kontrolliert und wer sich ihnen mit einem Schiff nähert, der wird auch wahrgenommen.

Zudem nutzt der Protagonist ein Festrumpfschlauchboot – was in der Praxis nicht besonders schlau wäre: Kaum jemand fährt von Bremerhaven oder Hamburg 80 Kilometer mit einem Schlauchboot raus auf die Nordsee.

Die Kommissare ermitteln zudem fleißig auf den Anlagen. Realistisch?
Nein. Wer eine Anlage betreten möchte, der braucht schon allein für den Überstieg vom Boot ein Sicherheitstraining.

Sollte tatsächlich einmal auf einer Anlage ermittelt werden, dann gäbe es vermutlich Ausnahmeregelungen, zum Beispiel für die Spurensicherung. Aber mal eben so den Kommissar hochschicken ist ehrlich gesagt nicht möglich.

Aber: Der Tatort ist eben eine gut konstruierte, fiktionale Story und keine Doku. Insofern kann und soll er auch nicht zu 100 Prozent realistisch sein.

Das Gespräch führte Timour Chafik

Die kritischsten Punkte im Schnellcheck:

  • Zugvögel verenden schwarmweise durch Vogelschlag        

    Dafür liegen keinerlei Hinweise vor, obwohl die Einflüsse von Offshore-Windkraftanlagen engmaschig beobachtet und aufgezeichnet werden müssen. Daher ist von derart umfassenden Auswirkungen auf die Vogelwelt nicht auszugehen.

  • Offshore-Windparks werden von Hedgefonds finanziert

    Die meisten Offshore-Windparks werden von Konsortien finanziert, an denen sich Banken, Stadtwerke oder die großen Energieversorger beteiligen. Hedgefonds sind in den seltensten Fällen direkt beteiligt.
  • Schweinswale kommen durch den Bau von Offshore-Windanlagen ums Leben

    Bei den Rammarbeiten der Fundamente der Windenergieanlagen entsteht Schall, der so aufgefangen werden muss, dass die Tierwelt nicht negativ beeinflusst wird. Alle Windparkbauer sind verpflichtet einen Grenzwert von 160 Dezibel einzuhalten um die Schweinswale und andere Meerestiere zu schonen. Die Einhaltung dieses Grenzwertes wird über Messprotokolle überwacht. Und: Schon vor Baubeginn gibt es ein so genanntes "Scheuchsignal", um die in der Umgebeung lebenden Wale zu verscheuchen. Darüber hinaus wird während des Baus eine Wand aus Luftblasen um die Baustelle gelegt um so die Schallausbreitung unter Wasser zu verhindern.

  • Offshore-Windanlagen werden von einzelnen Unternehmern betrieben

    Selten. In der Regel werden die Parks von Stadtwerken oder großen Stromkonzerne betrieben, die in kommunaler Hand oder in der Hand institutioneller Anleger sind.

  • Offshore-Windparks erfordern Investitionen in Höhe von 1,5 Mrd. Euro

    Die Kosten schwanken je nach Größe und Entfernung zur Küste, ein Investitionsvolumen von 1,5 Mrd. Euro ist aber für einen Offshore-Windpark durchaus realistisch.

Iris Franco Fratini
Artikel speichern gespeichert

Artikel zur Merkliste hinzugefügt