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Thema Mensch und Umwelt

18. Jan. 17

Windfarm am Fuße der Ngong-Berge in Kenia: Noch ist der Anteil erneuerbarer Energien in Afrika gering – doch er wächst schnell.

Stromschlag für Afrika

Äthiopien, Sambia, Kenia oder Botswana: Die Boomstaaten auf dem Kontinent lechzen nach neuen Energiequellen. Wie die Erneuerbaren davon profitieren

Strom für Mokolodi: Das Dorf nahe der botswanischen Hauptstadt Gaborone wird seit Kurzem mit Sonnenenergie versorgt – sofern die Anlage nicht gerade streikt.

Von Volker Kühn

Als Karen Giffard am Gemeindehaus von Mokolodi aus ihrem klimatisierten Jeep Wrangler steigt, empfangen sie die Mittagshitze und ein Wortschwall auf Setswana. „Wir hatten am Samstag beim Fest keinen Strom”, beschwert sich Chief Kgosi, der Vorsteher des Dorfs nahe der botswanischen Hauptstadt Gaborone, bei der Ingenieurin. Könne sie sich eigentlich vorstellen, wie peinlich das gewesen sei? Da feiert Botswana den 50. Jahrestag seiner Unabhängigkeit und der Chief von Mokolodi begrüßt seine Ehrengäste im Schein von Taschenlampen.

Giffard, Vorstand im noch jungen botswanischen Solarverband, flüchtet sich in den Schatten der vor dem Gemeindehaus stehenden Sonnenkollektoren und beschwichtigt Kgosi. Die gebürtige Südafrikanerin spricht nur wenig Setswana, aber ihre Beteuerung, der Strom werde bald wieder fließen, kommt an. Bei Pilotprojekten könne es schon mal Ausfälle geben, erklärt die Mittdreißigerin.

Denn genau das ist die Solaranlage in Mokolodi: ein Pilotprojekt. Ein erster Schritt beim Ausbau der Ökostromerzeugung in Botswana – und damit ein Teil der auch in Afrika begonnenen Energiewende. Bislang bezieht das Land im Süden des Kontinents, das um ein Drittel größer ist als Deutschland, aber nur zwei Millionen Einwohner hat, seine Energie fast komplett aus seinen gewaltigen Kohlevorkommen, die in zwei Kraftwerken verstromt werden. Auch der Nachbar Südafrika hilft aus, wenn er selbst nicht gerade unter Versorgungsengpässen leidet.

Doch der Energiebedarf Botswanas wächst rasant. Seit dem Jahr 2000 stieg der Anteil der ans Stromnetz angeschlossenen Haushalte laut Zahlen der Deutschen Industrie- und Handelskammer für das südliche Afrika von 22 auf 66 Prozent. Gleichzeitig boomt die Wirtschaft. Von einer kurzen Rezession nach der Finanzkrise abgesehen kletterte das Bruttoinlandsprodukt um bis zu neun Prozent pro Jahr. Botswana muss also dringend neue Energiequellen erschließen.

Gerade die Solarkraft könnte dabei eine große Rolle spielen. „Fast nirgendwo auf der Welt sind die Bedingungen dafür besser als hier”, sagt Solaringenieurin Giffard. Die Statistik gibt ihr recht: Im Schnitt brennt die Sonne an 320 wolkenlosen Tagen pro Jahr zehn Stunden lang vom Himmel.

Bauboom in Afrika: Wie hier an der Uferpromenade der angolanischen Hauptstadt Luanda wachsen überall auf dem Kontinent Türme aus Glas und Stahl in die Höhe. Mit dem Wirtschaftswachstum steigt der Energiebedarf.

Von Lagos bis Lusaka, von Kairo bis Kapstadt, immer mehr Afrikaner haben Strom. Die Wirtschaft wächst – und mit ihr der Energiebedarf

Und doch speist bislang nur ein Solarkraftwerk seinen Strom ins Netz ein: ein 1,3-Megawatt-Park in Phakalane bei Gaborone. Daneben gibt es kleine Anlagen wie in Mokolodi, die der lokalen Versorgung einzelner Gebäude dienen.

„Der Regierung geht es vor allem um Netzsicherheit und bezahlbare Preise für die ärmsten Teile der Bevölkerung”, erklärt Giffard. Die Kohle zeige seit Langem, dass sie beides liefern könne. Die junge Solarkraft habe deshalb einen schweren Stand.

In ihrer zum 50. Unabhängigkeitstag verabschiedeten „Vision 2036” bekennt sich die Regierung allerdings ausdrücklich dazu, auch die erneuerbaren Energien zu fördern. Schon um den wachsenden Bedarf zu befriedigen, scheint am Ausbau des Sektors kein Weg vorbeizuführen. Damit steht Botswana beispielhaft für viele der 54 Länder auf dem Kontinent. Afrika boomt – und lechzt nach Energie.

Ob im nigerianischen Lagos, in Angolas Hauptstadt Luanda oder im sambischen Lusaka – überall wird geschraubt und gehämmert, kreisen Baukräne, wachsen Türme aus Glas und Stahl in die Höhe. Von Kairo bis Kapstadt eröffnen glitzernde Einkaufspassagen, neue Highways und Bahnverbindungen durchschneiden den Kontinent, in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba hat jüngst die erste Metro Schwarzafrikas den Betrieb aufgenommen.

Das in den Medien allgegenwärtige Bild des Krisenkontinents, der seit Jahrzehnten in einer Agonie aus Hunger, Bürgerkriegen, Korruption und Epidemien verharrt, mag für einzelne Regionen und Zeiträume zutreffen – ganz Afrika hat es nie widergespiegelt. Zu vielschichtig ist dieser Kontinent von der zehnfachen Größe Westeuropas mit seinen rund 1,1 Milliarden Einwohnern, seinen 2000 Sprachen, unzähligen Ethnien, Kulturen und Religionen, als dass er sich in ein solches Klischee pressen ließe.

Zeichen des Aufschwungs: In Addis Abeba hat 2015 die erste Metro südlich der Sahara ihren Betrieb aufgenommen. Äthiopien ist der Wachstumsstar unter den 54 Ländern des Kontinents.

Windparks in Südafrika, Solarkraft in Marokko, ein Riesenstaudamm am Blauen Nil: Ökostrom flutet die Stromnetze des Kontinents

Vor allem China hat den Boom befeuert und maßgeblich dazu beigetragen, dass in vielen Ländern eine konsumorientierte Mittelschicht entsteht. Auch wenn der soziale Aufstieg in Afrikas Löwenstaaten langsamer geht als bei Asiens Tigern – der Trend scheint vielerorts nachhaltig zu sein. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass einige afrikanische Länder zu sehr auf den Handelspartner China gesetzt haben und vom Schwächeln der chinesischen Wirtschaft entsprechend hart getroffen werden.

Kongo, Elfenbeinküste, Tansania, Mosambik: Auf der Liste der wachstumsstärksten Länder weltweit belegt Afrika Spitzenplätze – wenn auch auf einem niedrigen Gesamtniveau. Allen voran geht ein Land, das in Europa noch immer mit Hungerbäuchen und Dürrekatastrophen verbunden wird: Äthiopien. Seit 2003 legt die Wirtschaft des ostafrikanischen Landes zwischen acht und 13 Prozent im Jahr zu. Auch seine Pläne für den Energiesektor sind beeindruckend.

Äthiopien will sich zu einem Industriestaat entwickeln, der seinen Strom komplett aus erneuerbaren Quellen bezieht. Dazu hat das autoritäre Regime eines der größten Staudammprojekte der Welt begonnen, den Great Ethopian Renaissance Dam. Der von den Nachbarländern argwöhnisch beäugte Megabau soll die 95 Millionen Äthiopier in ein neues Zeitalter katapultieren. Auf gut 240 Kilometern Länge wird er den Blauen Nil aufstauen, bis eine Wasserfläche von der dreifachen Größe des Bodensees entstanden ist. Die Turbinen sollen dreimal so viel Strom erzeugen wie der berühmte Assuanstaudamm in Ägypten. Auch Geothermie, Wind und Solarkraft gehören zum ehrgeizigen Ökostromprogramm des Landes.

Andere Länder gehen in eine ähnliche Richtung, etwa Marokko, wo das Desertec-Projekt weiterlebt, oder Südafrika, dessen Modell zur Förderung von Wind- und Solarkraft als vorbildlich gilt.

Ökostrom fürs Zeltcamp: Thompson Seboni (links) und Segametsi Monnamorwa von Wilderness Safaris präsentieren den Generator, der eine Luxuslodge im Okavango-Delta mit sauberer Energie versorgt.

Energiewende im Busch: Im Luxuscamp am Okavango-Delta haben Solarpanele den Dieselgenerator ersetzt

Verglichen damit steht Botswana noch ganz am Anfang seiner Energiewende. Und doch wird gerade hier deutlich, warum es so wichtig ist, Energie nachhaltig zu gewinnen und das Klima zu schützen. Denn in dem dünn besiedelten Land liegt eines der faszinierendsten Naturparadiese des Planeten: das Okavango-Delta.

Der Nationalpark von der Größe Hessens ist die Heimat unzähliger bedrohter Tier- und Pflanzenarten – und der Arbeitsplatz von Thompson Seboni. Er leitet die Chitabe-Lodge, ein luxuriöses Zeltcamp inmitten des Deltas, in das zwar wenige, dafür aber umso zahlungskräftigere Touristen aus aller Welt zur Fotosafari kommen. Weil die exklusive Kundschaft auch im Busch nicht auf Annehmlichkeiten wie warme Duschen oder einen Fön verzichten will, muss das Fünf-Sterne-Camp für seine bis zu 30 Gäste und die 60 Mitarbeiter Strom erzeugen. Ursprünglich übernahm das ein Dieselgenerator. Doch dessen Brummen ist verstummt, seit im Januar 2016 eine Solaranlage mit einer Leistung von 75 Kilowatt installiert wurde.

„Früher mussten wir fast 5000 Liter Diesel im Monat auf Geländewagen stundenlang über die Pisten im Delta transportieren”, erklärt Campleiter Seboni. „Das war nicht nur umständlich, sondern auch gefährlich für die Umwelt.” Inzwischen brauche man nur noch einen Bruchteil davon. Nur wenn der Ladestand der Batterien unter einen gewissen Punkt sinkt, springt der Generator für kurze Zeit an, um ein vollständiges Entladen zu verhindern und die Akkus zu schonen.

Wilderness Safaris, der Betreiber von Chitabe, stellt auch seine übrigen Camps in Botswana und anderen Ländern auf erneuerbare Energien um. „Gleichzeitig trainieren wir unsere Mitarbeiter, um den Energieverbrauch zu reduzieren”, sagt Segametsi Monnamorwa, die im Öko-Tourismus-Management des Safariunternehmens arbeitet. Die Solaranlage in Chitabe läuft bislang reibungslos. Nur manchmal hat Thompson Seboni ein Problem damit. „Gestern Morgen war ein Löwenrudel hier im Camp”, erzählt er. „Da musste ich auf meine übliche Inspektionsrunde zu den Batterien verzichten.”

Larissa Dieckhoff
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