Das Portal für Offshore-Windenergie

Thema Mensch und Umwelt

25. Aug. 15

Seid ihr Manns genug?

Die raue Arbeit in einem Offshore-Windpark ist ein Knochenjob – den auch immer mehr Frauen erledigen. Spezielle Trainings bereiten sie auf die körperlichen Belastungen vor.

Betriebsärzte kontrollieren die Fitness derjenigen, die offshore gehen. Dabei überprüfen sie zum Beispiel den Gleichgewichtssinn, Sehkraft und Hörfähigkeit. Herz und Kreislauf werden in Ruhe und unter Stress untersucht sowie die Lungenfunktion überprüft.

Von Jarka Kubsova

Vor dem Betriebsarzt sind alle gleich. Egal ob Mann oder Frau, wer draußen, offshore, an den Windturbinen und Plattformen arbeiten will, der muss absolut topfit sein.

In kaum einem anderen Beruf prüfen Betriebsärzte den Gesundheitszustand der Mitarbeiter so genau. Schließlich sind die Menschen in den Windparks extremen Bedingungen und Gefahren ausgesetzt. Bis zu 100 Meter kann eine Turbine hoch sein.

Der Bau und die Wartung sind Schwerstarbeit, manchmal müssen sich die Mitarbeiter sogar von einem Hubschrauber abseilen. Dazu kommen das Arbeiten im Freien bei Wind und Wetter sowie lange Schichtdienste – ohne körperliche Grundfitness schafft das keiner.

Um sicherzustellen, dass alle Arbeitnehmer, die offshore eingesetzt werden sollen, mit diesen Bedingungen zurechtkommen, muss das jeweilige Unternehmen ein Sicherheits- und Schutzkonzept erstellen und dessen Einhaltung überwachen.

Unter anderem gehört dazu eine Tauglichkeitsuntersuchung durch Arbeitsmediziner oder – bei Windparks im Ausland – auch durch Ärzte mit spezieller Zulassung.

Bei Unfällen auf See ist der Weg in die Klinik weit. Umso wichtiger ist es, Offshore-Mitarbeiter auf Ernstfälle vorzubereiten

Sie überprüfen zum Beispiel den Gleichgewichtssinn, Sehkraft und Hörfähigkeit. Herz und Kreislauf werden in Ruhe und unter Stress untersucht sowie die Lungenfunktion überprüft.

Wer all das einmal überstanden hat, kann sich trotzdem nicht zurücklehnen. Er muss auf seine Fitness achten, denn die Check-ups werden in regelmäßigen Abständen wiederholt. So soll das Erkrankungs- und Unfallrisiko so niedrig wie möglich gehalten werden.

Denn ein Notfall auf hoher See ist meist gefährlicher als an Land. Da rufen die Menschen 112. Aber auf hoher See? 30 Kilometer oder noch weiter von der Küste entfernt? Das nächste Rettungsboot ist mitunter eine Stunde weit weg und auch der Helikopter nicht sofort zur Stelle. In lebensbedrohlichen Situationen geht so wertvolle Zeit verloren, bis Sanitäter und Ärzte eintreffen.

Deshalb müssen Offshore-Mitarbeiter nicht nur genau wissen, wie sie weder sich noch andere gefährden. Sondern sie müssen im Notfall auch selbst zuverlässig erste Hilfe leisten können – in allen erdenklichen Situationen.

In den Trainings lernen die Teilnehmer, ihre Grenzen zu verschieben. Körperlich, vor allem aber auch geistig

Vor dem ersten Einsatz üben sie das in einer ganzen Reihe von Trainings. Im Sea Survival zum Beispiel, wo unter anderem im Becken eine Evakuierung nachgestellt wird. Die künftigen Offshorer lernen, wie man bei Dunkelheit, Regen und Gewitter in eine Rettungsinsel steigt, wie man sicher vom Schiff aufs Dock oder von Schiff zu Schiff kommt und welche Symptome jemand zeigt, der unterkühlt ist.

Bei Working-at-Heights-Training müssen sie sich auf einer Höhe von mindestens 6,75 Metern aus dem Geschirr ausklinken, sich aus mehr als 20 Metern Höhe abseilen oder einen Kollegen aus der Leiter retten.

Bei Fire Awareness werden Brände gelöscht und man krabbelt aus einem rauchverquollenen Raum – allein und in der Gruppe, mit den Händen an den Knöcheln des Kollegen vor sich, was koordinativ schon ohne Atem- und Sichteinschränkung nicht leicht ist.

Diese Trainings, ein Erste-Hilfe-Kurs und einer zu den Arbeitsprozessen auf Windturbinen sind Pflichtmodule ohne die niemand auch nur an Bord eines Basisschiffes gelassen wird, geschweige denn auf die Turbine.

Die Inhalte dieser sogenannten Basic Safety Trainings hat die Global Wind Organisation (GWO) festgelegt. Sie ist eine Non-Profit-Organisation bestehend aus Windturbinenbetreibern und -herstellern, deren Ziel es ist, ein gefahrenfreies Arbeitsumfeld und gemeingültige Standards für die Branche zu schaffen.

Für Mitarbeiter, die auch mal schnell mit dem Hubschrauber auf die Plattform geflogen werden müssen, können die Firmen zusätzliche Trainings buchen, in denen man, angeschnallt in einer winzigen Helikopterkapsel, in ein Becken hinuntergelassen wird, wo man sich unter Wasser erst aus dem Gurt, dann aus der Kabine befreien muss. Und zwar mit geschlossenen Augen – schließlich sieht man im Salzwasser oder in der Dunkelheit eines Unwetters nichts.

Es sind Übungen, die einige Selbstüberwindung kosten und die meisten Teilnehmer an der einen oder anderen Stelle an ihr persönliches Limit bringen. Doch genau darum geht es. Denn zu erfahren, wie weit man seine körperliche und vor allem geistige Grenze verschieben kann, macht gelassener für den Notfall. Und stolz – ganz unabhängig vom Geschlecht.

Iris Franco Fratini
Artikel speichern gespeichert

Artikel zur Merkliste hinzugefügt