Das Portal für Offshore-Windenergie

Thema Mensch und Umwelt

05. Jun. 18

Weiße Schweinswale sind extrem selten. Dieses Tier wurde 2015 im Großen Belt vor Dänemark gesichtet. In der Ostsee leben zwei Schweinswalpopulationen, die zusammen auf bis zu 20.000 Exemplare geschätzt werden.

„Schweinswale schwimmen munter durch die Parks“

Beim Bau der ersten deutschen Offshore-Windräder 2009 wurde wenig so kontrovers diskutiert wie die Folgen für die Umwelt. Heute bescheinigt ein Biologe der Branche große Fortschritte – und mahnt weitere Forschung an.

Windräder auf hoher See liefern sauberen Strom. Frei von Einflüssen auf die Umwelt sind sie aber nicht. Energie-Winde hat mit dem Biologen Georg Nehls über das Für und Wider gesprochen. Er ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens BioConsult SH in Husum. Die Firma erstellt als unabhängiger Dienstleister Umweltgutachten und entwickelt Konzepte, um Konflikte zwischen Mensch und Natur zu lösen.

Der Diplom-Biologe Dr. Georg Nehls ist Geschäftsführer von BioConsult SH. Die Firma mit Sitz im schleswig-holsteinischen Husum arbeitet als unabhängiges ökologisches Forschungs- und Beratungszentrum.

Herr Nehls, einerseits heißt es, Offshore-Windräder seien ein geschütztes Biotop für Meeresgetier, andererseits sind die Anlagen als Gänseschredder oder Schweinswalschreck verschrien. Was stimmt?
Nehls: Sagen wir mal so: Vom Grundsatz her ist beides richtig. Es gibt Arten, die profitieren, und es gibt welche, die leiden.

Was für Arten sind das jeweils?
Nehls: Fische etwa profitieren, weil es Fischereiverbote in den Windparks gibt. Auch benthische Lebewesen, also solche, die am Meeresboden leben, etwa Krebse und Hummer, besiedeln die neuen Lebensräume. Negative Auswirkungen beobachten wir hauptsächlich bei Meeressäugern und Vögeln.

Bleiben wir zunächst bei den Profiteuren. Was bietet ein Windpark diesen Tieren?
Nehls: Da es in den Parks keine Fischerei gibt, werden dort Flächen geschont. Die bodenberührende Schleppnetzfischerei hat in der Nordsee massive Auswirkungen. In den Windparks ist das verboten. Bereits heute ist ein Drittel der Nordsee als Meeresschutzgebiet ausgewiesen und es gibt zahlreiche Wünsche, die Fischerei dort einzuschränken. Wenn jetzt noch alle geplanten Windparks hinzukommen, ist die Hälfte der Nordsee gesperrt.

„Maßnahmen wie Blasenschleier zur Schallminderung sind sehr effektiv“ Georg Nehls über den Bau von Windradfundamenten

Und wie reagiert die Fischerei darauf?
Nehls: Es wird eng für die Fischer. In manchen Ländern, etwa in Großbritannien oder in den Niederlanden, wird bereits überlegt, ob man hier Naturschutzansprüche und Offshore-Windenergie kombinieren kann und Windparks dort errichtet, wo ein Fischereiausschluss für den Meeresschutz besonders wichtig ist. Ein interessanter Gedanke. Klar ist, die Tiere kommen gern in die Parks. Schweinswale, Robben und andere Tiere wissen: Dort gibt es ein reichhaltiges Nahrungsangebot. An manchen Fundamenten finden sich zehn Tonnen Muscheln – das zieht Tiere an.

Wie steht es denn um den Hummer in der Nordsee?
Nehls: Der profitiert von den künstlich geschaffenen Steinriffen an den Fundamenten. Im Windpark Riffgat wurden Tausende Tiere ausgewildert, die beobachtet man inzwischen auch in anderen Offshore-Parks. Ein schonender Fang könnte hier in Zukunft möglich werden.

Kommen wir zu den negativen Auswirkungen der Windparks, auch die gibt es ja.
Da muss man zwischen der Errichtungsphase und dem Betrieb trennen. Beim Rammen der Fundamente beobachteten wir in der Vergangenheit eine starke Störwirkung für den Schweinswal. Doch die Maßnahmen wie Blasenschleier zur Schallminderung et cetera sind sehr effektiv. Seither gibt es nur noch geringe Störungen.

Weiße Schweinswale sind extrem selten. Dieses Tier wurde 2015 im Großen Belt vor Dänemark gesichtet. In der Ostsee leben zwei Schweinswalpopulationen, die zusammen auf bis zu 20.000 Exemplare geschätzt werden.

Und im Betrieb?
Was den Schweinswal anbelangt haben wir mit dem Schalleintrag im Betrieb der Anlagen keine Probleme – Schweinswale schwimmen munter durch die Parks. Was die Vögel angeht, beobachten wir mitunter einen starken Einfluss. Die Sterntaucher etwa meiden die Parks großräumig. Wir nehmen an, dass es die optische Präsenz der Anlagen ist.

Wie kann man denn den Sterntaucher schützen?
Nehls: Die gute Nachricht zuerst: Bislang verzeichnen wir keine Abnahme des Sterntaucherbestands. Man kann den Tieren aber künftig entgegenkommen: Es gibt auch Bereiche in der nördlichen Nordsee, wo die Sterntaucher kaum vorkommen. Zudem kann man durch das Clustern von Windparks die sogenannten Randwirkungen reduzieren.

Das müssen sie genauer erklären.
Nehls: Da geht es um Störwirkungen, die teilweise kilometerweit über den Park hinausgehen. Unterm Strich sind wenige große Windparks daher besser, als viele kleine, zumindest in Bezug auf die Vögel. Auch eine Erweiterung bestehender Parks ist günstiger als die Erschließung neuer Standorte.

Wie unterscheiden sich denn die Auswirkungen in der Nord- und der Ostsee?
Nehls: Beide Meere sind ähnlich gut geeignet. In der Nordsee dreht sich vieles um den Schweinswal. Den gibt es in der Ostsee viel weniger. Überhaupt geht es im Ostseeraum weniger um ökologische Folgen, als um Konflikte mit dem Tourismus und dem Schiffsverkehr.

Im Mai hat der dänische Energiekonzern Ørsted im Offshore-Windpark Borkum-Riffgrund 2 die erste Acht-Megawatt-Turbine in der deutschen Nordsee errichtet. Solche besonders leistungsstarken Anlagen bieten aus Sicht von Georg Nehls Vorteile für die Umwelt.

Gibt es denn Unterschiede bei verschiedenen Anlagen- und Fundamenttypen?
Nehls: Minimale: Rammen muss man immer, selbst bei schwimmenden Fundamenten. Der Schallschutz gleicht die Unterschiede der einzelnen Fundamenttypen aneinander an. Was die Anlagen an sich angeht, zeichnet sich ab, dass Größe Vorteile birgt.

Wie das?
Nehls: Größerer Windkraftanlagen brauchen eben auch nur ein Fundament, also hat die Installation geringere Auswirkungen, wenn eine 6 MW Anlage zwei 3 MW-Anlagen ersetzt. Zudem haben größerer Anlagen einen höheren Durchlauf, das ist der Abstand zwischen Wasseroberfläche und Flügelspitze. Das ist besonderes für meist dicht über der Wasseroberfläche fliegenden Seevögel günstiger.

Sonnenaufgang im Offshore-Windpark: Die Beleuchtung der Anlagen in der Nacht könnte die Vogelwelt stören, sagt Georg Nehls. Deshalb wird darüber nachgedacht, um die Lichter nur einzuschalten, wenn Schiffe oder Flugzeuge in der Nähe sind.

Was weiß man denn bislang über die Kollision von Seevögeln mit Windrädern?
Nehls: Viel zu wenig. Die bleiben ja nicht unter der Anlage liegen, wie es onshore der Fall ist. Das macht es schwierig. Man vermutet aber, dass die Beleuchtung der Anlagen die Tiere anzieht. Das Phänomen kennt man von Hochseeschiffen und Leuchttürmen. Hier denkt man über die bedarfsgerechte Nachtkennzeichnung nach, wie man das an Land ja bereits praktiziert: Die Lichter gehen also nur an, wenn Schiffe oder Flugzeuge in der Nähe sind. Hier braucht es aber noch Forschung.

Jetzt haben wir uns auf Nord- und Ostsee konzentriert. Wie sieht es denn global mit der Umweltforschung aus?
Nehls: Deutschland hat sehr früh angefangen und hohe Umweltstandards festgelegt. Auch in den Niederlanden, Großbritannien und Dänemark gibt es intensive Untersuchungen. In den Vereinigten Staaten geht es ja erst langsam los. Aber auch dort trifft man sehr viele Vorsorgemaßnahmen.

Wie wichtig ist die Begleitforschung denn noch, inzwischen sind ja schon etliche Parks seit Jahren kommerziell in Betrieb?
Nehls: Möglichst viel zu wissen ist immer hilfreich – gerade bei neuen Entwicklungen wie der Offshore-Windenergie. Sich hinzustellen und zu sagen: Wir wissen schon alles, wäre vermessen. Vor Überraschungen ist man schließlich nie gefeit.

Die Fragen stellte Daniel Hautmann.

 

 

 

Volker Kühn
Artikel speichern gespeichert

Artikel zur Merkliste hinzugefügt