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Thema Mensch und Umwelt

02. Jul. 15

Schlummernde Kompromisse

Befürwortern und Gegnern der Offshore-Windenergie suchen in Mecklenburg-Vorpommern nach Kompromissen.

Eine Kultur des Mitmachens und Dagegen-seins: Ob Stuttgart 21, Stromtrassen oder Windkraftanlagen vor der Ostseeküste.

Auch wenn die Grabenkämpfe zwischen Befürwortern und Gegnern der Offshore-Windenergie heftig ausgefochten werden: Zwischen den unterschiedlichsten Lagern gibt es durchaus auch Gemeinsamkeiten.

Um die zu finden gilt vor allem: Zuhören und Reden lassen. Oder anders ausgedrückt: „It’s the communication, stupid!“

Man muss beide Seiten sehen, hören, aussprechen lassen. Auch die, die vorrechnet, wie hoch die Investitionsverluste sein werden, wenn große Teile der Windkrafteignungsgebiete gestrichen werden.

Oder die, die vorrechnet, welche Arbeitsmarkteffekte die Windkraft nach sich ziehen kann. In ihrer „Ist-Analyse zu Arbeitsplätzen und zur Wertschöpfung im Sektor Erneuerbarer Energien“ hat die Universität Rostock festgestellt: „Der Sektor Windenergie ist der einzige Bereich innerhalb der Erneuerbaren Energien, in dem die Herstellung von Anlagen und technischen Komponenten in Mecklenburg-Vorpommern, über Einzelunternehmen hinaus, eine bedeutsame Wertschöpfungsaktivität darstellt“.

Die Hersteller von Windkraftanlagen und Komponenten sowie deren Zulieferer würden bereits zu etwa einem Viertel aller erfassten Arbeitsplätze im „Sektor Erneuerbare“ beitragen, heißt es weiter.

Für die Befürworter des Ausbaus eine Steilvorlage: „Wer sich also aus bloßem Eigeninteresse dermaßen gegen die Entwicklung der Windkraft und damit einer echten wirtschaftlichen Chance in Mecklenburg-Vorpommern stemmt, muss sich letztendlich den Vorwurf gefallen lassen, den bedauerlichen Einkommensabstand zu anderen Teilen Deutschlands auf Dauer und zu Lasten vieler Menschen zementieren zu wollen“, ließ noch Ende März der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Jochen Schulte, verlautbaren – gute zwei Wochen bevor Mecklenburg-Vorpommerns Energieminister Christian Pegel (auch SPD) die Planungen für die Offshore-Windenergie deutlich zurückgefahren hat. Eine Partei, zwei Strategien.

Wer sich aber zwischen den Lagern bewegt und genau hinhört, der erkennt lagerübergreifende Gemeinsamkeiten, ja, beinahe eine vernunftgeleitete Kompromissbereitschaft.

„Lasst uns eine offene, faire Diskussion führen. Lasst uns erst einmal überlegen, wie die heute bereits für den Bau genehmigten Flächen ausgestattet und angebunden werden können. Lasst uns dann Regionen finden, wo die Anlagen nicht stören und keinen negativen Einfluss auf die Wirtschaft vor Ort haben“, sagt Hotelier Jens Nissen aus Kühlungsborn.

„Was die öffentliche Wahrnehmung betrifft hat jeder Einzelne von uns wie auch die gesamte Branche noch nicht verstanden, dass wir die Menschen auch auf emotionale Weise mitnehmen können und müssen“, sagt Andree Iffländer, Verbandsvorsitzender der WindEnergy Network e.V.. „Denn ohne die Menschen wird es nicht gehen – da haben wir als Techniker oft noch nicht die richtige Sprache gefunden“.

„Was die öffentliche Wahrnehmung betrifft hat jeder Einzelne von uns wie auch die gesamte Branche noch nicht verstanden, dass wir die Menschen auch auf emotionale Weise mitnehmen können und müssen“, glaubt Andree Iffländer, Verbandsvorsitzender der WindEnergy Network e.V.. „Denn ohne die Menschen wird es nicht gehen”.

Eine Kultur des Mitmachens und Dagegen-seins

Ob Stuttgart 21, Stromtrassen oder Windkraftanlagen vor der Ostseeküste – es scheint, als hätte der Bürger das für die Demokratie so wichtige faire Streiten verlernt.

Er wird zum Wutbürger stilisiert, der sich sowohl in einer Mitmachkultur als auch in einer Kultur des Dagegen-seins zuhause fühlt. „Menschen sind vielfältige Wesen, und sie optimieren sich gerne: Manchmal sind wir eben gerne „gegen alles“, und manchmal sind wir Ja-Sager“, sagt dazu der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx.

„Das Internet begünstigt zwischen diesen beiden Zuständen eine schwindelerregende Turbulenz, eine Beschleunigung der Extreme, und eine Achtlosigkeit: immer schneller wird hin- und hergewechselt. Wir sind gegen das, wofür wir gerade einmal ausnahmsweise nicht „Gefällt mir“ geklickt haben.“

Dabei, so Horx, sei das Dagegen-sein nicht per se schlecht, im Gegenteil: „Die Negation hat immer auch einen produktiven Aspekt, weil sie letztlich eine Alternative im Denken und Handeln schafft. Ein Dagegensein führt immer auch zu einer Debatte, bei der sich – so dachte man im Hegelschen und später Adornoschen Sinne – langfristig das bessere Argument durchsetzt.“

Theoretisch. denn, so Horx weiter, in der modernen medialen Erregungsdemokratie gelte dieses Gesetz so nicht mehr, das Contra sei heute zum großen Opportunismus geworden. „So findet heute so gut wie jeder „die Politiker“ grundsätzlich korrupt, unfähig und ignorant. Dahinter steht ein riesengroßer Narzissmus: Man möchte die eigenen Interessen unbedingt sofort umgesetzt und „verstanden bekommen“.

Sich zurücknehmen und Zeit gönnen, das täte der Erregungsgesellschaft – oder wie Horx sie nennt: der „Skandalokratie“ – ganz gut.

Denn gerade dann, wenn ein Kompromiss fast aussichtslos erscheint, schlummert er doch irgendwo in den streitenden Parteien.

Er muss nur erkannt werden, man muss ihn suchen und finden wollen. Dann, so Horx, findet die Gesellschaft immerzu tastend, irrend, doch ihren Weg. „Und vielleicht sollten wir die ständige Aufgeregtheit auch als das deuten, was sie mehr als alles andere ist: Geräusch. Lärm. Pures Getöse.“

Iris Franco Fratini
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