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Thema Mensch und Umwelt

15. Dez. 16

Der Mann mit dem „Stromrebell-Gen“. Sladek gründete mit seiner Frau die Elektrizitätswerke Schönau Vertriebs GmbH, die für eine klimafreundliche und atomstromlose Energieversorgung eintritt.

Pioniere der Energiewende: Teil 3

Michael Sladek ist ein Spätzünder – aber wenn er zündet, dann richtig: Durch ihn wurde die Stadt Schönau im Schwarzwald die erste Gemeinde, die völlig unabhängig von der Erzeugung von Atomstrom ist.

Sladek 1993 im Kreise seiner Familie. Für ihn war der Reaktorunfall von Tschernobyl der Weckruf zum Widerstand gegen die Atomenergie. Von links nach rechts: Info Braun, Ursula Sladek, Wolf-Dieter Drescher, Rolf Wetzel, Maria Berner, Thilo Braun

„Um ehrlich zu sein: Ich bin eigentlich gar kein Pionier, ich bin ein Spätzünder. Der Reaktorunfall 1986 in Tschernobyl – das war für mich das Entscheidende, war mein „Damaskus-Erlebnis”. Die politisch aufgeladene Zeit in den 1970ern, die Anti-Atomkraft-Bewegung – klar, die habe ich wahrgenommen, habe den Hut vor den Menschen gezogen, die sich engagiert haben und die politischen Entwicklungen natürlich verfolgt. Aber mich irgendwo angekettet? Habe ich nie.

Dann kam der April 1986. Ich erinnere mich heute noch daran, wie uns die ersten Meldungen aus Schweden erreicht haben und mir bewusst wurde, was da alles an Konsequenzen auf uns zukommt. Ich bin Mediziner, ich weiß, was Radioaktivität bedeutet und was sie anrichten kann. Da war einerseits dieses Gefühl, Verantwortung für die eigenen Kinder tragen zu müssen. Da war aber auch auf der anderen Seite dieses Ohnmachtsgefühl. Und Wut. Keine Angst. Da war einfach nur eine Sauwut.

Arzt, Umweltaktivist und Ökostrom-Unternehmer. Michael Sladek entwickelte nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl ein System zur Erzeugung elektrischen Stroms, das ganz ohne die Energie aus einem Kernkraftwerk auskommt. Und das mit Erfolg: Die Stadt Schönau im Schwarzwald ist mittlerweile völlig unabhängig von Atomstrom.

Wenn wir uns nicht auflehnen – wer dann?

Ich finde nur: Mit Wut und Ohnmacht lässt sich nicht gut leben. Man sollte anfangen, einen Weg aus der Ohnmacht zu finden, eine eigene Aktivität entwickeln. Das ist eine Triebfeder, die damals gespannt wurde und mich bis heute in Bewegung hält: Wenn wir uns nicht auflehnen, in dem System und mit all den Optionen zur Auflehnung, die uns unser System bietet – ja, dann weiß ich nicht, wer sich sonst auflehnen sollte.

1986 dachte ich noch, dass die Politik nach Tschernobyl schon erkennen wird, dass sie mit der Atomenergie auf das falsche Pferd setzt. Darum habe ich mich in einem ersten Schritt gar nicht politisch engagiert, sondern über die Kirche. Aber auch da war für mich schnell klar, dass sich nur sehr langsam und zäh etwas ändern wird. Überhaupt: Die Kirche zu ändern ist wahrscheinlich noch schwieriger als politische Strukturen umzubauen.

Doch da lag und liegt auch heute noch der Kern meines Engagements: Demos, Veranstaltungen, Diskussionen - mir war früh klar, dass das nicht reichen wird, sondern dass wir die Strukturfrage klären müssen: Auf welchen Strukturen basiert denn überhaupt eine Technologie wie die Atomkraft? Was sind die Machtfragen, die dahinterstecken? Wie kann man diese Strukturen verändern? Oder: Lassen sich zentralistische Systeme kippen?

Die Frage „Kernenergie oder Ökostrom?“ ist für Sladek auch eine Entscheidung für die Gesundheit seiner Mitmenschen. „Ich bin Mediziner, ich weiß, was Radioaktivität bedeutet und was sie anrichten kann. Da war dieses Gefühl, Verantwortung für die eigenen Kinder tragen zu müssen.“

Wir waren schon mal weiter als heute

Damals habe ich mich dafür eingesetzt, eine enkeltaugliche Energieversorgung aufzubauen, führe aber heute wieder manchmal Debatten, von denen ich eigentlich dachte, dass wir sie schon zu Genüge geführt haben. Auch wenn ich Ende der 80er nicht gedacht habe, dass wir heute da stehen wo wir stehen: Wir waren schon mal weiter als heute, es wurde einiges zurückgedreht.

Dazu muss mein eigenes „Stromrebell-Gen“ aktiviert und immer wieder befeuert werden. Und dazu braucht es immer wieder kleinere oder – noch besser – größere Erfolge. Denn wer nie Erfolg hat, der wird es schwer haben, sich immer wieder aufs Neue zu motivieren. Aber genau das ist das Entscheidende: Sich immer wieder vor Augen zu führen, warum und wofür man aktiv geworden ist. Die Vision setzt die eigene Gestaltungskraft frei, von der ich überzeugt bin, dass sie jeder in sich trägt. Allein die Zugänge zu ihr müssen geschaffen werden. Über Empathie, Widerstandkraft und darüber, sich nicht immer nur auf sich selbst zurückziehen. Denn das, das wäre ein „Lebendig-begraben-Sein“.

Larissa Dieckhoff
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