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Thema Mensch und Umwelt

04. Nov. 16

Pioniere der Energiewende: Teil 2

Michael Sailer, Jahrgang 1963, ist Geschäftsführer des Öko-Instituts und war unter anderem Mitglied der deutschen Reaktorsicherheitskommission. Er gilt als einer der profiliertesten Kritiker der Kernenergie.

Michael Sailer, Geschäftsführer des Öko-Instituts, wuchs in Worms auf – in unmittelbarer Nähe zum Atomkraftwerk Biblis. „Ich stamme aus einer Ingenieursfamilie und weiß daher recht genau, wie Technik funktioniert – und auch, dass sie mal nicht funktionieren kann.“

Von Timour Chafik

„Einen Großteil meiner Jugend habe ich in Worms und damit in unmittelbarer Nachbarschaft zum Atomkraftwerk Biblis verbracht. Nun stamme ich aus einer Ingenieursfamilie und weiß daher recht genau, wie Technik funktioniert – und auch, dass sie mal nicht funktionieren kann. Natürlich wurde damals von offizieller Seite immer darauf gepocht, dass bei der Kerntechnik ganz besondere Sicherheitsmaßnahmen greifen. Für mich war aber immer klar, dass genauso viele Fehler gemacht werden können wie bei anderen konventionellen Technologien auch.

Wenn man so erzogen wurde wie ich, dann will man die Dinge auch beim Namen nennen, will der fachlichen Wahrheit den nötigen Raum geben. Wir haben uns damals zum Ziel gesetzt, den Menschen klipp und klar zu erläutern, welche Gefahren bestehen um damit eine Diskussion in Gang zu setzen: Welche Risiken gibt es? Wollen wir sie wirklich eingehen? Lassen sie sich kontrollieren?”

Heute diskutiere ich direkt mit der Umweltministerin

Das ist eine Grundlinie, die ich auch heute noch, nach 40 Jahren, verfolge: Jeder sollte die Möglichkeit haben, auch über die Gefahren informiert zu sein. Sicher, die Wege sind heute kürzer und direkter, ich kann 2016 mit der Bundesumweltministerin direkt diskutieren, kann darlegen, wo welches Problem besteht und wie man es lösen könnte. 1980 war das schlicht undenkbar.

Er gilt als einer der profiliertesten Kritiker der Kernenergie in Deutschland: Sailer ist Diplom-Ingenieur für Technische Chemie und Sprecher der Geschäftsführung des Öko-Instituts e.V. sowie unter anderem Mitglied des Scientific & Technical Committee von EURATOM (STC) und der deutschen Reaktorsicherheitskommission (1999 bis 2014), deren Leitung er 2002 bis 2006 innehatte.

Das ist eine Grundlinie, die ich auch heute noch, nach 40 Jahren, verfolge: Jeder sollte die Möglichkeit haben, auch über die Gefahren informiert zu sein. Sicher, die Wege sind heute kürzer und direkter, ich kann 2016 mit der Bundesumweltministerin direkt diskutieren, kann darlegen, wo welches Problem besteht und wie man es lösen könnte. 1980 war das schlicht undenkbar.

Uns war aber schon damals klar, dass wir – wenn die Atomenergie für uns der falsche Weg ist – aufzeigen müssen, wie eine alternative Stromversorgung für ein Industrieland wie die BRD funktionieren kann. Mit dem Buch „Energiewende – Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran“ haben wir bewiesen, dass das ohne Kernenergie und fossile Energieträger möglich ist – und gleichzeitig auch den Begriff Energiewende geprägt.

Und heute? Wenn wir vom Jahr 1980 aus rechnen, dann sind wir heute ziemlich genau in der Halbzeitpause: Bis 2050 sind wir Kohle- und Kernenergie los. Dazu befinden wir uns gerade in einem fundamentalen wirtschaftlichen Umbruch, der vor allem zur Jahrtausendwende richtig Fahrt aufgenommen hat. Was ich in den 1980er und 1990er Jahren aber nie gedacht hätte: in dem Augenblick, in dem sich immer mehr Personen und Unternehmen finanziell zum Beispiel in der Windkraft engagieren, in diesem Moment kippt auch die politische Auffassung über die Parteigrenzen hinweg. Heute hat die Politik grundsätzlich ein Interesse daran, Bedingungen für den Wandel zu schaffen – auch wenn dabei Rückschläge nicht ausgeschlossen sind.

Ich weiß, wie Politik funktioniert. Und wie nicht.

Ich bin dabei immer Optimist und Pessimist gleichermaßen und habe für beide Fälle eine Variante. Ich bin kein Prophet, sondern will etwas verändert wissen und setze mir dafür sowohl ein Minimal- als auch ein Maximalziel. Andere, gerade im Bereich der erneuerbaren Energien und der Energiewende, sehen sich eher als Propheten und Prediger und ketten ihr Glück oder ihr Erfolgsgefühl nur an das Maximalziel. Werden dann nur 80 Prozent davon erreicht, dann herrscht Katerstimmung.

Woher sich bei mir dieser Realismus speist? Aus der Tatsache, dass ich seit langem in der Politik „verhaftet” bin und weiß, wann und warum Politiker Sachen forcieren und umsetzen – und wann nicht.

Larissa Dieckhoff
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