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Thema Mensch und Umwelt

07. Apr. 17

„Den Atomausstieg erlebe ich noch!“

In einer dreiteiligen Reihe stellt Energie-Winde Frauen vor, die ihr Leben der Energiewende gewidmet haben. Teil eins: Heide Schmidt-Schuh, leidenschaftliche Vorkämpferin für einen gesamtgesellschaftlichen Umbau.

Heide Schmidt-Schuh entdeckte ihr Herz für die Umwelt in den Siebzigern – durch eine Rede des Naturschützers Horst Stern.

„In einem früheren Leben habe ich Elektrotechnik studiert, Nachrichtentechnik, um ganz genau zu sein. Ich habe mich an der Uni München mit Forschungsarbeiten in der Medizin beschäftigt, unter anderem mit der automatischen Analyse des Elektroenzephalogramms bei behinderten Kindern. Eine spannende Zeit, die allerdings nicht allzu lang gedauert hat – ich bekam selbst Kinder und zog dann recht bald aufs Land, ins oberbayrische Haag.

Zu der Zeit war mein Mann, ein freiberuflicher Landschaftsarchitekt, Chefredakteur der Fachzeitschrift „Garten & Landschaft“. 1978 hat er mich mitgenommen zur Eröffnungsfeier des Nationalparks Berchtesgaden. Horst Stern [Mitbegründer des BUND – Anm. d. Red.] hat damals eine Rede gehalten. Er hat darin die ganze Umweltproblematik aufgerollt und gegenübergestellt, was eigentlich unternommen wird, um dem gerecht zu werden. Nämlich: nichts! Peanuts! Das war für mich ein Erweckungserlebnis und hat mich dazu bewegt, mich intensiv im BUND Naturschutz zu engagieren, dem ich zwei Jahre zuvor beigetreten war.

Die Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 hat Heide Schmidt-Schuh dazu bewegt, sich intensvis mit dem Themen Energieerzeugung zu beschäftigen.

Nach der Kernschmelze in Tschernobyl misst Heide Schmidt-Schuh auf eigene Faust mit einem Geigerzähler die Belastung

Ich habe dann relativ schnell erste Ämter übernommen, lokal eine Ortsgruppe gegründet, kleinere Projekte begleitet, Geld gesammelt. Ich wurde Kreisgruppenvorsitzende und kann mich noch genau erinnern: Ein paar Tage nach meiner Wahl passierte der Super-GAU in Tschernobyl. Ich war immer gegen Atomkraft, aber dass es mal wirklich knallt, das hätte ich nicht gedacht.

Am ersten Regentag nach dem Unfall war ich mit meinen Kindern im Englischen Garten in München. Das war schlimm, ich hatte wie viele andere auch Panik, bin aber auf meine ganz eigene Art damit umgegangen: Mit einem Geigerzähler bin ich zu unseren Bauern gefahren und habe versucht sie davon abzubringen, ihre Heuernte ohne Atemschutzmaske einzufahren. Von da an habe ich mich neben dem Atomausstieg mit Energiesparen, Energieeffizienz und erneuerbaren Energien befasst.

Nachdem mein Mann gestorben war, habe ich mein Engagement zurückgefahren und die Entwicklung der Umweltbewegung und der Erneuerbaren erst mal aus der Ferne verfolgt. Erst vor zehn Jahren bin ich wieder verstärkt aktiv geworden. Ich habemich intensiv in das Energiethema eingearbeitet und wurde unter anderem ins Sprecherteam der bayerischen Solarinitiativen gewählt.

Trotz aller Fortschritte in der Energiepolitik macht sich die 74-Jährige Sorgen: Die Drosselung des Ausbaus der Erneuerbaren gefährde das Erreichte.

Mit dem Atomausstieg ist die Energiewende für Heide Schmidt-Schuh noch nicht beendet. Der gesellschaftliche Umbau muss weitergehen

Ich war eigentlich recht zufrieden, mit dem, was erreicht wurde: Der Atomausstieg war unter Dach und Fach, das EEG lief – bis zur Wahl 2009 und der daraus resultierenden Laufzeitverlängerung, die nach Fukushima wieder zurückgenommen wurde. 2022 wird der Atomausstieg also vollzogen sein, das erlebe ich noch – ich habe mich nicht umsonst engagiert, dachte ich damals.

Habe ich mit meinem Engagement das erreicht, was ich erreichen wollte? Schwer zu sagen. Die politische Stimmung, das politische Handeln ist mit der Großen Koalition alles andere als in meinem Sinne – was die Erneuerbaren, was das EEG angeht, was die Kürzungen der Vergütungen angeht, die Deckelung und die Ausschreibungen von viel zu geringen Mengen an PV- und Windkraft-Anlagen. In Bayern wirkt sich zusätzlich das 10H-Gesetz [regelt den Mindestabstand von WIndrädern zu Wohnhäusern – Anm. d. Red.] katastrophal auf den Zubau von Windrädern aus.

Das Problem ist aber noch ein ganz anderes: Ich sehe die Energiewende als ein gesamtgesellschaftliches Projekt. Eines, in dem es nicht bloß darum geht, eine Energie durch eine andere zu ersetzen. Sondern darum, dass viele Bürger zu Energieproduzenten, neudeutsch „Prosumern“ werden. Das hatte eine ungeheure Dynamik, die aber mittlerweile fast zum Erliegen gekommen ist. Mit der Bürgerenergiewende, wie wir sie für notwendig halten, hat das überhaupt nichts mehr zu tun. Die Bürger müssen wieder mitgenommen werden, sonst klappt das hinten und vorn nicht!“

Aufgezeichnet von Timour Chafik

Volker Kühn
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