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Thema Mensch und Umwelt

19. Apr. 17

Politisch interessiert war Frauke Liesenborghs schon vorher, zur Umweltaktivistin wird sie aber erst durch die Atomkatastrophe von Tschernobyl.

„Die Bedrohung ist bei den Konservativen angekommen“

Frauke Liesenborghs streitet als Vorsitzende des Global Challenges Network für eine atomfreie, bessere Welt. Zum Abschluss unserer Reihe über Pionierinnen der Energiewende berichtet sie von ihrer Arbeit.

Politisch interessiert war Frauke Liesenborghs schon vorher, zur Umweltaktivistin wird sie aber erst durch die Atomkatastrophe von Tschernobyl.

„Wie ich die Achtziger, diese politisch wie umweltpolitisch hochaktive Zeit erlebt habe? Ich komme selbst aus einer SPD-Familie, Willy, Willy und so, und fand das damals alles wichtig und sympathisch. Aber wirklich berührt hat mich das nicht. Meine Eltern, die Kriegsgeneration, die waren natürlich strikt gegen Atomkraft. Ich hingegen war nie ein Aktivposten, war nie jemand, der auf dem Marktplatz stand und versucht hat, andere zu überreden.

Bis zu Tschernobyl und diesem Regentag im Mai: Meine Tochter, 1985 geboren, saß in ihrem Buggy, ein fünf Monate altes Baby und der Österreichische Rundfunk meldete, wie schnell die radioaktive Wolke zu uns nach Bayern zieht. Da wurde auch ich nervös, spätestens als in den Bioläden das große Hauen und Stechen begann – um die Gläser mit Babybrei, die vor dem Super-GAU abgefüllt wurden.

Mir hat das ziemlich schnell gelangt, ich habe das Kind gepackt und bin mit meinem R4 nach Südfrankreich zu meiner Freundin Dominique gefahren. Dominique, die mir doch allen Ernstes versucht hat klarzumachen, dass in Frankreich nichts zu befürchten sei! Irgendwie rührend. Klar hätte ich ihr gern geglaubt, aber vor allem wollte ich einfach raus aus diesem Stress, aus dieser verkrampften Hysterie. Auch, wenn die im Nachhinein mehr als gerechtfertigt war.

„Er war ein wunderbarer Mentor“, sagt Frauke Liesenborghs über Hans-Peter Dürr, den 2014 verstorbenen Gründer des Global Challenges Network, Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik und Träger des Alterativen Nobelpreises.

Frauke Liesenborghs arbeitet für Magazine wie die „Vogue“ und „GQ“, als die Anfrage kommt, die ihr Leben verändert

Ich bin Journalistin, ein Trüffelschwein, habe aber auch viel PR gemacht, für die „Vogue“ oder die „GQ“. Business nach Mailand zum Interview mit Armani – in diese Welt kam dann die Anfrage von Johannes Hengstenberg, der von 1987 bis 1990 zusammen mit Hans-Peter Dürr Mitgründer und Geschäftsführer von Global Challenges Network e.V. (GCN) war. Ob ich denn nicht die Öffentlichkeitsarbeit für den Verein übernehmen wolle, fragte er mich. Ich habe zugesagt und war dann recht bald mehr als eine ehrenamtliche Öffentlichkeitsarbeiterin. Ich war da, wo ich sein wollte, wurde eine Netzwerkerin, eine Schnittstelle.

Dadurch hat sich mir relativ schnell die naturwissenschaftliche Welt von Hans-Peter Dürr eröffnet, der für mich nicht weniger als ein Mentor war. Ein fordernder, ein wunderbarer Mentor! Am meisten habe ich die nächtlichen Telefonate mit ihm geliebt, sein privates Büro, dass er nachts ab halb eins geöffnet hat. Das waren oft lange Gespräche über Gott und die Welt.

In die Zeit fiel die Wende, ein für uns, für die ganze Umweltbewegung, einschneidendes Erlebnis. Ein Tritt vors Schienbein: Diskussionen zu Energiesparlampen? Im Osten saß man auf Abraumhalden oder in asbestverseuchten Plattenbauten, da gerieten vermeintlich lapidare Themen schon mal ins Hintertreffen. Das änderte sich dann wieder mit der Gründung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, mit dem Aufkommen der Nachhaltigkeitsthematik und dem Agenda-21-Beschluss 1992 in Rio, das Jahr in dem ich GCN-Geschäftsführerin wurde.

Der Atomausstieg war ein erste Schritt, meint Frauke Liesenborghs. Der nächste wäre eine Wende hin zu einem nachhaltigen Lebensstil in der ganzen Bevölkerung.

Merkels Reaktion auf Fukushima zeigt Liesenborghs: Jetz haben auch die Konservativen die Bedrohung erkannt

Und heute? Blicken wir erst einmal zurück auf den von Rot-Grün angestoßenen Atomausstieg – den ich von Rot-Grün aber ehrlich gesagt auch erwartet habe. Viel spannender und ein viel stärkeres Aha-Erlebnis war für mich die Reaktion von Angela Merkel nach Fukushima. Da war die Bedrohung doch tatsächlich dann auch bei den Konservativen angekommen.

Wohin sich seitdem die Energiewende entwickelt? Natürlich hin zu einer Wende weg von fossiler zu regenerativer Energie – aber auch mit solarbetriebener Maschinerie kann der Regenwald abgeholzt werden. Deshalb muss, damit die Wende gelingt, mit ihr auch immer ein Suffizienzdenken einhergehen. Ein Denken, das ich ehrlich gesagt bisher vor allem in tapferen Einzelideen und –initiativen sehe. Die Politik wie der Großteil der Bevölkerung hält sich dabei doch immer noch gern zurück: Hauptsache der eigene Lebensstil und die Möglichkeit von Wachstum ändern sich nicht. Ich nehme dabei alle aus, die es anders versuchen, die Beispiele setzen und gesetzt haben – und dabei allzu oft von der Realität längst wieder überholt wurden.“

Aufgezeichnet von Timour Chafik.

Volker Kühn
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