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Thema Mensch und Umwelt

11. Apr. 17

Im baden-württembergischen Mutlangen sind noch bis 1990 Atomraketen stationiert. Ulla Klotz landet wegen ihrer Protestaktionen mehrfach vor Gericht.

„Wir haben frischen Wind in die Republik gebracht“

Ulla Klotz engagiert sich seit drei Jahrzehnten gegen die militärische und zivile Nutzung der Atomkraft. In Teil zwei unserer dreiteiligen Reihe über Pionierinnen der Energiewende erzählt sie, wie sie dazu kam.

Ulla Klotz beginnt ihr Engagement am Muttertag 1987: beim Protest gegen die Stationierung von Pershing-II-Raketen auf der dortigen Nato-Basis.

„Anti-Atomkraft, das war für mich schon immer ein Thema. Eines, das ich zunächst aus der Ferne, aber interessiert verfolgt habe. Bis zum 26. April 1986, dem Tag des Super-GAUs in Tschernobyl. Das war der konkrete Auslöser für mein eigenes Handeln, aber ich brauchte noch ungefähr ein Jahr, bis ich tatsächlich gesagt habe: Ich warte nicht mehr. Ich gehe selber raus. Ich war da wie ein reifer Apfel, der vom Baum gefallen ist.

Ziemlich genau ein Jahr nach Tschernobyl, zum Muttertag 1987, bin ich dann zum ersten Mal nach Mutlangen gefahren. Das kleine Mutlangen, das zu einem der Zentren des Nato-Doppelbeschlusses und des Protests gegen Atomraketen wurde. Eine hiesige Elterninitiative hat mich dazu bewegt, an den Protesten teilzunehmen. Auch weil mir schon früh klar war, dass die militärische und zivile Nutzung der Atomkraft nicht voneinander zu trennen sind. Ich habe mich dann der Gruppierung „Ziviler Ungehorsam bis zur Abrüstung“ angeschlossen, die unter anderem das Ziel verfolgte, das Ausfahren der dort stationierten Atomraketen zu blockieren. In dem Moment wurde mir klar: Das ist genau mein Platz am Muttertag.

Mit erneuerbaren Energien kommt Ulla Klotz eher zufällig in Berührung, als sie sich über ein Blockheizkraftwerk für ihr Elternhaus informiert. Das Thema lässt sie nicht mehr los.

Ihr Widerstand gegen Atomraketen bringt ihr Verurteilungen ein. Aber das hält Ulla Klotz nicht ab

„Ziviler Ungehorsam“ – in der Praxis hieß das: Raketen beim Ausfahren aus dem Depot zu hindern, sich ihnen mit dem eigenen Körper entgegenstellen. Damals wurde das mit dem Paragrafen 240, „Nötigung mit verwerflicher Gewalt“, geahndet und hatte etliche Prozesse und Verurteilungen zur Folge. Auch für mich. Aber für mich gehörte das zum Experimentieren dazu. Denn auch Widerstand muss geübt werden!

Ich kann nicht von heute auf morgen meine Prinzipien leben. Das gilt für mein Engagement in der Anti-Atomkraftbewegung ebenso wie in meinem ganz privaten Engagement in Sachen erneuerbare Energien. Zu den Erneuerbaren bin ich im Übrigen eher zufällig gekommen als ich mich für unser Elternhaus in Sachen Kraft-Wärme-Kopplung und Blockheizkraftwerke schlau gemacht und gemerkt habe: Ich kann damit selber Strom erzeugen, und zwar auf eine Art und Weise, die ich vertreten kann und die zu mir passt.

Im baden-württembergischen Mutlangen sind noch bis 1990 Atomraketen stationiert. Ulla Klotz landet wegen ihrer Protestaktionen mehrfach vor Gericht.

Der Umbau der Gesellschaft muss Schritt für Schritt erfolgen, glaubt Ulla Klotz. Er ist ein langfristiges Projekt

Ob Anti-Atomkraft oder regenerative Energien: Ich mache immer nur das, was ich kann, nehme immer einen Schritt nach dem anderen in Angriff. Das komplette System umkrempeln und dann schauen, wie sich darauf neu aufbauen lässt? Nein, das liegt mir nicht. Mir liegt es, klar zu definieren, wo ich im System stehe und welche Rolle ich darin einnehmen kann.

Dazu gehört auch, nicht immer nur dem schnellen, ersten Erfolg hinterherzuhecheln, denn der ist ja nicht nur von mir abhängig. Vielmehr war und ist der ständige Kontakt zu Gleichgesinnten, der direkte Austausch für mich wie auch für den Erfolg der Erneuerbaren wichtig. Nur so können sich all die kleinen Strömungen links und rechts kanalisieren und zu einem großen Fluss anschwellen.

Für mich war daher der größte Erfolg der Energiewende auch die Wirkung außerhalb unserer Grenzen. Wir als anerkanntes Industrieland, wir haben es einfach in Angriff genommen, haben es einfach gemacht.

Mit dem Atomausstieg und dem Erneuerbare-Energien-Gesetz hat Deutschland ein Signal in die Welt gesendet, auf das Ulla Klotz stolz ist: Auch in einem Industrieland ist der Umbau zu schaffen.

Auch wenn das durch die Novellierung des EEG kräftig ausgebremst wurde, wehte durch das rot-grüne Fenster von 1998 bis 2005 doch einiges an frischem Wind über die Republik und weit darüber hinaus. Das war ein klarer, ein konkreter Erfolg für mich: Der Vorrang erneuerbarer Energien im Netz hat es zum ersten Mal ermöglicht, dass nicht nur Überzeugungstäter aktiv wurden, sondern die Energiewende auch für die breite Masse greifbar und machbar wurde. Das waren Beweise, die nicht mehr widerlegbar waren und sind.“

Aufgezeichnet von Timour Chafik.

Volker Kühn
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