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Thema Mensch und Umwelt

07. Dez. 15

Hier geblieben

In strukturschwachen Regionen haben es junge Menschen schwer. In Ostfriesland ist das anders: Dort bietet die Offshore-Windkraft neue Jobs. Sehr zur Freude von Technikern wie Erik Köhler.

Grüne Wiesen, Äcker und dünn besiedelt - das ist charakteristisch für Ostfriesland. Viele Ostfriesen vermissen ihre Heimat, wenn sie aus Jobgründen in strukturstärkere Regionen ziehen. Mit der Windbranche in Norddeutschland eröffnen sich nun viele neue Möglichkeiten.

Von Jarka Kubsova

Erik Köhler hat ein Haus am Deich. Ganz ruhig ist es da, höchsten ein paar Vögel hört man mal, viel mehr nicht. Aber selbst die schlafen meist noch, wenn Köhlers Wecker in der Frühe klingelt. Manchmal ist das schon um zwei, drei Uhr morgens. Dann steigt Köhler ins Auto und fährt rund 20 Kilometer über menschenleere Straßen zum Firmensitz von Dong Energy, seinem Arbeitgeber, im nächsten größeren Ort Norden-Norddeich.

Köhler sagt, ein Arbeitsweg von dieser Länge sei für die meisten Menschen hier normal. Denn hier, das ist Ostfriesland: weite, flache Wiesen und Äcker, dünn besiedelt. Wer hier lebt und arbeitet, der muss die Gegend mögen, die weiten Wege, die Stille, manchmal sogar Ödnis. Das ist nicht für jeden was. Für Köhler aber schon. Er sagt: „Ich bin hier groß geworden. Ich bin Ostfriese mit Haut und Haaren.“

Er ist 37, in die Stadt hat es ihn nie gezogen. Er sei nun mal ein Landmensch und als solcher froh, dass er bleiben konnte, weil es hier Arbeit gibt. Das ist nicht selbstverständlich in eher strukturschwachen Gegenden. Gerade junge Leute zieht es von dort in die Städte zum Studium und Ausbildung.

„In Ostfriesland aber haben wir Glück“, sagt Köhler. „Gerade die Windenergie bietet hier viele Arbeitsplätze.“

Köhler ist eigentlich Landmaschinentechniker, aber er fing schon früh bei einer Windkraftsparte von Siemens an, onshore. 13 Jahre war er dort, dann wurden Stellen reduziert. Aber Köhler hatte schnell mehrere neue Angebote. Er hat sich dann für Dong entschieden. Auch weil der Standort in Norden-Norddeich für ihn gut passte.

Köhler hat ein Eigenheim, er hat Freunde und Familie. Letztere ist der wichtigste Grund für ihn, in der Gegend zu bleiben. Und dann mag er noch das Vertraute hier, dass jeder jeden kennt, die kurzen Schnacks am Gartenzaun oder wenn man weggeht, dass man eigentlich immer einen Bekannten trifft.

„In Ostfriesland“, sagt Köhler, „kennt man über drei Ecken eigentlich jeden.“

Erik Köhler liebt Ostfriesland, das weite Land und das Meer. Vielen seiner Bekannten und Freunde geht es ähnlich. Bei Dong Energy arbeiten viele Kollegen, die Erik Köhler seit Kindesbeinen an kennt. Die Windbranche ist ein Jobmotor.

Viele kommen als Quereinsteiger

So geht es ihm auch bei Dong Energy. Viele seiner Kollegen kannte er schon von früher, einen gar aus ganz frühen Kindertagen. Die Vertrautheit, der gleiche Zungenschlag mache einen Teil des guten Arbeitsklimas aus. „Die Gespräche sind locker, man hat ähnliche Themen“, sagt Köhler.

Dass Köhler in einem Team unter Bekannten gelandet ist, ist nicht nur Zufall. Die Windenergiebetreiber rekrutieren Mitarbeiter gern – manchmal sogar bevorzugt – aus der Region. „Die Leute, die aus der Gegend kommen, sind meistens zufriedener in ihrem Job“, sagt Christel Siebens, Teamleiterin bei Dong Energy in Norddeich und Chefin von Köhler.

Lesen Sie mehr über die Teamleiterin Christel Siebens im Artikel „Unter Männern".

Wer von weiter weg kommt und pendeln muss, schmeißt eher hin. Denn dann kann das Leben im Offshore-Rhythmus schnell zur Belastung werden. Servicetechniker wie Köhler arbeiten in der Regel zwei Wochen durch und haben dann eine Woche Pause.

Wer zusätzlich noch lange Wege nach Hause bestreiten muss, hat es schwer. „Ein Kollege pendelte von hier mach Stuttgart“, sagt Köhler. „Das war natürlich anstrengend.“

Für Einheimische aber bietet die Windenergie neue Möglichkeiten. Viele Windtechniker sind Quereinsteiger aus den unterschiedlichsten Handwerksberufen. „Wir haben zum Beispiel einige Elektriker und Mechaniker hier, die umgesattelt haben“, sagt Christel Siebens.

Während traditionelle Handwerksbetriebe weniger werden, sucht die Windkraft händeringend Personal, das zur Umqualifizierung bereit ist. So wird manche Landflucht verhindert.

Und Einheimischen ist vertraut, was manchem Zugezogenen fremd erscheint: Das Arbeiten im Rhythmus der Gezeiten. Köhler und seine Kollegen werden jeden Tag neu informiert, wann sie am nächsten Tag zum Windpark abfahren. „Wir sind da tideabhängig“, sagt Köhler. „Los geht es eben nur, wenn genug Wasser unterm Kiel ist.“ Und das ändert sich beinahe jeden Tag. „Das ist etwas, mit dem man hier groß wird“, sagt Köhler. Andere müssen sich daran erst gewöhnen.

Köhler selbst hat Zugezogene oder Pendler als Kollegen aber gern. „Dann hört man auch mal etwas andere Geschichten“, sagt er. Eine angenehme Abwechslung zum Plattdeutsch und den Vögeln frühmorgens am Deich.

Ricarda Schuller
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