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Thema Mensch und Umwelt

04. Mär. 16

Rückgrat der Windindustrie

Große Energiekonzerne dominieren das öffentliche Bild der Offshore-Windkraft. Dabei ist die Branche vielfach mittelständisch geprägt. Das neue EEG könnte die kleinen Firmen allerdings hart treffen.

Arbeiten in luftiger Höhe: Das inhabergeführte Unternehmen Briteline ist ein Spezialist für Datenübermittlung über Richtfunk und Glasfaserkabel. An Offshore-Windräder bringt das Unternehmen zum Beispiel Richtfunk-Antennen an, die bei der Kommunikation als Back-up fungieren.

Von Claus Hornung

Ein inhabergeführtes Geschäft zu betreiben – Björn Brünjes und Andreas Stellmann wissen, was das heißt. Es heißt zum Beispiel, bei Windstärke neun in Klettergeschirr am Turm einer Offshore-Windkraftanlage in der Nordsee zu hängen, um eine 60 Zentimeter lange Antenne anzubringen. Denn auch, wenn die Antenne klein ist, ohne sie läuft nichts.

Falls es Probleme mit einer Glasfaserleitung geben sollte, ist Richtfunk das Back-up für die Windparks. Sämtliche elektronische Daten der Windkraftanlagen werden dann über solche Antennen versendet. Allen voran die gerade produzierte Strommenge – die entscheidend dafür ist, ob die Anlage gedrosselt oder gar abgeschaltet werden muss.

Briteline, so der Name des Unternehmens von Brünjes und Stellmann, ist ein Spezialist für Datenübermittlung über Richtfunk und Glasfaserkabel – und ein Beispiel dafür, dass der weit verbreitete Eindruck falsch ist, dass die Offshore-Windkraft von großen Konzernen dominiert wird. Auch wenn diese die Parks planen und betreiben – an entscheidenden Stellen agieren kleine und mittelständische Unternehmen.

Exakte Angaben zu Unternehmensgrößen in der Branche gibt es nicht, aber nach einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums waren von den 18.700 Menschen, die im Jahr 2014 in der Offshore-Windkraft beschäftigt waren, allein 3300 in den Geschäftsfeldern Wartung und Betrieb tätig. „Gerade in diesem Bereich entstehen Aufgaben, die oft an kleine und mittelständische Unternehmen vergeben werden“, sagt Wolfram Axthelm, Pressesprecher des Bundesverbands Windenergie e.V..

Oft werden kleine Unternehmen für Spezialaufgaben herangezogen, für die große Unternehmen keine eigenen Fachleute haben, beispielsweise Taucher oder Industriekletterer, sagt Urs Wahl, Sprecher der Offshore-Windindustrie-Allianz OWIA, die vier norddeutsche Windindustrie-Netzwerke vertritt. „Solche Leute kann man sich nicht aus den Fingern saugen. Dienstleister, die solche Nischen besetzen, sind begehrt.“

Einige erweitern dabei Nischen, die sie zuvor bereits an Land besetzt hatten. So wie Briteline: Seit 1998 errichtet und betreibt das Bremer Unternehmen firmeninterne Telekommunikationsnetze. Inzwischen beschäftigen die Geschäftsführer Brünjes und Stellmann 24 Mitarbeiter, verlegen mit einer eigenen Tiefbau-Tochterfirma sogar Glasfaserleitungen und zählen mehr als 700 Firmen zu ihren Kunden, darunter den Flughafen Bremen, das Tiefkühlkostunternehmen Frosta und Eon.

Man könne niemanden gebrauchen, der nur am Schreibtisch sitzt. Bei Briteline sei jeder auch Handwerker, so Björn Brünjes. Der Briteline-Chef legt auch selbst Hand an und klettert auf Masten und Windkraftanlagen.

Mittelständler können flexibel reagieren

Sie schätzen schon lang die Angebote, mit denen sich Briteline seit 2012 anschickt, auch die Offshore-Windkraft zu erobern. Eines davon ist das breite Einsatzspektrum der Mitarbeiter. „Bei uns ist jeder auch ein Handwerker. Wir können niemand gebrauchen, der nur am Rechner sitzt“, sagt Brünjes. „Und ob Land oder Wasser unter einem ist, wenn man einen Mast hochklettert, macht das keinen Unterschied.“

Ein weiterer Vorteil der kleinen Firma ist ihre Flexibilität. Als ein Kunde fragte, ob Briteline zusätzlich zur Funkverbindung vom Windpark zur Küste noch 20 Kilometer weiterführende Kabel an Land verlegen und betreiben könne, erstellten die Geschäftsführer innerhalb von Tagen ein Angebot. Nach neun Monaten stand die Verbindung. Ihr Mitbewerber Telekom hätte nur mitgemacht, wenn mindestens drei weitere Kunden das Kabel genutzt hätten, sagt Brünjes. „Und letztlich hätte es dann wohl anderthalb Jahre gedauert. Wir haben einfach keinen so großen Wasserkopf.“

Auch im Gutachten- und Planungsbereich werden oft kleine und kleinste Firmen engagiert wie zum Beispiel das Hamburger Ingenieurbüro Desios. Ähnliches gilt für Unternehmen, die klassische Produkte und Dienstleistungen aus dem Schifffahrtsbereich anbieten. „Für Offshore-Windkraftanlagen braucht man ja einen Teil der maritimen Industrie: Häfen, Werften und Logistikdienstleister“, sagt Pressesprecher Axthelm.

Beispiele sind der Fährhafen Saßnitz, der einen eigenen Terminal für Zulieferungen an Windparks errichtet hat oder die Werft Nordic Yards mit Standorten in Wismar und Stralsund, die inzwischen auch Konverterplattformen baut.

Mehr zu der Werft Nordic Yards und den Konverterplattformen lesen Sie im Artikel "Gelbe Kisten im Hochhausformat".

„Die Masse der Dienstleister in diesem Bereich ist mittelständisch geprägt“, sagt Andree Iffländer, Vorsitzender des WindEnergy Network und Niederlassungsleiter des Projektentwicklers wpd offshore solutions in Rostock. Das hat entscheidende Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. „Gerade in strukturschwachen Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern sind hier neue Geschäftsfelder entstanden.“

Wolfram Axthelm, Sprecher des Bundesverbands Windenergie, sieht gerade kleinere Unternehmen durch das geplante EEG 2016 gefährdet. Nach Einführung des neuen EEG würden große Unternehmen erst einmal abwarten, bevor sie mittelständische Dienstleister beauftragen, so seine Sorge.

IG-Metall: 150.000 Jobs hängen an der Offshore-Windkraft

Aber nicht nur dort. „Die Wertschöpfungskette zieht sich bis weit ins Binnenland hinein“, sagt Heiko Messerschmidt, Pressesprecher der IG Metall Küste, und verweist beispielsweise auf die Dillinger Hütte aus dem Saarland, die Stahl für die die Errichtung von Windparks liefert. „Insgesamt hängen schätzungsweise 150.000 Arbeitsplätze an dieser Branche“, sagt Messerschmidt.

Deswegen stehen Vertreter der Branche neuen gesetzlichen Vorlagen kritisch gegenüber. So wie die sogenannte 45-Prozent-Klausel des Bundeswirtschaftsministeriums, nach der im Jahr 2025 der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion 40 bis 45 Prozent betragen soll, was dann als Obergrenze verstanden wird. „Da reden wir von einer faktischen Halbierung der Ausbauziele“, sagt Messerschmidt, „das wird vor allem die kleineren und mittleren Betriebe betreffen.“

Mehr zum Auf und Ab der Branche lesen Sie in unserem Artikel "Wellen-Geschäft".

Die Briteline-Chefs Brünjes und Stellmann sorgen sich zwar nicht um ihr eigenes Unternehmen, auch weil sie viele Kunden haben, die nicht aus der Offshore-Windkraft stammen. „Aber es haben einige in der Branche Angst, dass das Vieles blockiert“, sagt Brünjes. Und er hat Zweifel ob das angestrebte Ziel, die Preise für den Anlagenbau zu reduzieren, dadurch erreicht wird.

„Ich glaube, dass man da Kosten einspart, die an anderen Stellen wieder dazu kommen. Billig ist ja nicht immer das Beste“, sagt er – und erzählt von einem osteuropäischen Sub-Unternehmer, der bei einem Malereinsatz auf einer Anlage statt Karabiner-Haken Sicherungsringe aus zusammengebogenen Nägeln verwendete. „Damit möchte man nicht einen Mast hochklettern“, sagt Brünjes.

Er weiß nur zu gut, was das heißt, bei Windstärke neun draußen in der Nordsee.

Ricarda Schuller
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