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Thema Mensch und Umwelt

22. Nov. 14

18 hauptamtliche Mitarbeiter sowie Dutzende freiwillige Helfer, Praktikanten und Soziales-Jahr-Absolventen kümmern sich um die Seehunde.

Hausbesuch bei Heulern

Die Ostfriesen setzen darauf, dass Offshore-Wind Arbeitsplätze schafft - und nicht das empfindliche Wattenmeer schädigt

Jedes Jahr besuchen rund 250.000 Touristen die Sehhundstation von Dr. Peter Lienau.

136 - so viele verwaiste Jungtiere wurden in der Seehundstation Norddeich dieses Jahr vor dem Tod bewahrt. Wie die Tierschützer das machen und was die Bürger im hohen Norden Niedersachsens vom Bau von Offshore-Windparks halten, haben sie uns erzählt. Bei einem Ortstermin am Wattenmeer.

Dieser Wildbiologe ist kein zierlicher Typ. Stoppelbart, kräftige Statur, praktische Outdoor-Klamotten - kein Zweifel, Dr. Peter Lienau ist jemand, der zupackt. Das gilt besonders, wenn er ins Freigehege seiner Einrichtung, der Seehundstation Norddeich, spaziert. 67 weit aufgerissene Augenpaare verfolgen jeden Schritt Lienaus an diesem sonnigen Frühherbst-Tag. 67 ganz kleine und schon etwas ältere „Heuler“, die von dem Mann am Zaun ihrer aquatischen Gehege vor allem eins erwarten: Heringe!  „Halten Sie da bloß nicht die Hand hinein“, warnt Lienau vor seinen niedlich wirkenden Zöglingen mit den großen Kulleraugen. „Ansonsten müssten Sie wahrscheinlich mit einer gefährlichen Bissverletzung gleich zum Arzt.“

Das große Pool der Seehunde wird zur Kampfzone

Lienau ist es mit diesen Sätzen ernst. Wie ernst, zeigt sich Sekunden später: Lienau nimmt ein paar silbrig-glänzende Heringe aus dem Fischeimer - und schon verwandelt sich das beschaulich anzusehende Becken, in dem die Tiere mit dem weißen Fell bisher so anmutig herum getaucht sind, in eine Kampfzone: Wasser spritzt in hohen Bögen aus dem großen Pool, innen balgen sich die Seehund-Babys um die Fische. Sie schlagen mit den Flossen, jagen der Fresskonkurrenz mit blitzartigen Bewegungen so manchen Hering ab. Es ist ein Spektakel, das täglich morgens um elf sowie um drei Uhr nachmittags öffentlich ist - und viele Touristen anlockt. Sie schauen dem Treiben aus sicherer Distanz hinter den großen Fensterscheiben der Seehundstation zu. Und stören so auch nicht die geräuschempfindlichen und scheuen Tiere.

Seit 1971 existiert die Seehundstation. Seither wurden hier tausende „Heuler“, wie verwaiste Seehund-Babys wegen ihrer verzweifelt klingenden Schreie nach ihren Muttertieren genannt werden, aufgezogen. Insgesamt 136 waren es alleine dieses Jahr. Nach acht bis zehn Wochen werden sie ausgewildert - irgendwo an einem Strand oder einer Sandbank der Norddeich vorgelagerten Wattenmeer-Inseln Norderney und Juist. Dann sind sie auf sich selbst gestellt. Und Lienau und seine Mitarbeiter hoffen, dass die in sie gesteckte Arbeit nicht umsonst war. Und sie den Winter überstehen.

250.000 Touristen besuchen jährlich die Heuler

Das Engagement des Leiters der Seehundstation, seiner 18 hauptamtlichen Mitarbeiter sowie Dutzenden freiwilligen Helfer, Praktikanten und Soziales-Jahr-Absolventen ist populär: Die Station ist das Aushängeschild der Stadt Norden, zu der Norddeich und seine bekannte Mole gehören. Jedes Jahr besuchen rund 250.000 Touristen das Seehunde-Aufzuchtzentrum hinter dem Deich. Bilder mit den kulleräugigen Heulern schmücken die Fremdenverkehrsprospekte der rund 25.000 Einwohner zählenden Gemeinde.

Doch Peter Lienau ist die Gefahr der Doppelbödigkeit seiner Arbeit durchaus bewusst. Denn die Existenz der Seehundstation bringt erst viele Menschen - vor allem Touristen - auf die Idee, Seehund-Babys als verlassene Heuler zu melden. Und sie damit womöglich erst dazu zu machen. „An Fronleichnam hatten wir gut 200 Anrufe, die 17 Tiere betrafen“, erzählt Lienau. Der Boom bei vermeintlichen Heuler-Funden fällt zusammen mit Tagen, an denen besonders viele Menschen Ausflüge ans Wattenmeer unternehmen. Die Zahl der Fehlalarme ist hoch.
Das Beispiel illustriert: Tourismus und Naturschutz an der norddeutschen Küste stehen mitunter in einem eigenartigen, teils heiklen Verhältnis zueinander. Es ist ein bisschen so wie mit den Offshore-Windparks, die weit draußen auf hoher See vor Norderney, Juist und Borkum bereits entstanden sind, sich in Bau befinden, oder deren Errichtung absehbar ist: Bard 1, Alpha Ventus, Riffgat, Borkum Riffgrund, Gode Wind 1, Gode Wind 2 - sechs Parks mit insgesamt 296 Windkraftwerken, deren Nennleistung in einigen Jahren ausreichen wird, zwei Atomkraftwerke an Land zu ersetzen. Auch diese Parks bergen vielleicht Gefahren für die Natur. Aber auch Chancen, und das nicht nur für die Umwelt.

„Wir waren immer Technologie-Verlierer. Jetzt ist es mal anders herum.“, so beschreibt Erster Stadtrat Bernd Eilers die neue Entwicklung in Norden-Norddeich.

Im Rathaus herrscht Freude über neue Arbeitsplätze

Norden, Marktplatz. Das Rotbraun der historischen Klinkerbauten im Stadtzentrum wirkt heimelig in der Nachmittagssonne. Feierabendstimmung. Gelassen schlendern die Menschen über den Platz, machen in der nahegelegenen Einkaufsstraße noch letzte Besorgungen für zu Hause. Oben, im ersten Stock des schmucken Rathauses, hat Hans-Bernd Eilers den Konferenztisch seines Büros festlich herrichten lassen. „Willkommen zur ostfriesischen Tee-Zeremonie!“, begrüßt der Erste Stadtrat und Verwaltungschef der Gemeinde seine Besucher.

Über das Fachsimpeln zum Tee, die spezielle Sahne, die bei Ostfrieslands Spezialität immer oben schwimmen muss, kommt Eilers schnell zum Kern des Gesprächs: Seiner große Freude darüber, dass sich im strukturschwachen Ostfriesland endlich wirtschaftlich wieder etwas bewegt. „Wir hatten hier einmal eine Eisenhütte, die Schnapsbrennerei Doornkaat, die deutsche Seefunkstelle Norddeich Radio und ein Callcenter der Telekom. Das ist alles weg!“, klagt Eilers. Mehr als 1.000 Stellen sind seit den achtziger Jahren verloren gegangen. Nun aber, sagt er, ändere sich das. „Wir waren immer Technologie-Verlierer. Jetzt ist es mal anders herum.“

Grund für die Euphorie im Rathaus ist Dong Energy. Der dänische Energiekonzern (der energie-winde.de betreibt) hat 2011 entschieden, die Betriebsführungszentrale für seine Offshore-Windparks vor den ostfriesischen Inseln in Norddeich anzusiedeln. Direkt an der Mole, auf einer kleinen exponierten Landzunge, wird dazu gerade das Betriebsgebäude errichtet, ein flacher, moderner Bau mit einer „tollen Architektur“ (Eilers). 130 Arbeitsplätze werden hier am Ende entstehen. 130 dringend benötigte Jobs mit langfristiger Beschäftigungsperspektive. Der dänische Konzern habe zudem von Anfang an verstanden, „dass sie auf die Menschen Rücksicht nehmen müssten“, erklärt der Erste Stadtrat. Die Bürger würden frühzeitig informiert, „mitgenommen“, Verbesserungsvorschläge aufgenommen und auch umgesetzt. So bleibe nun der bei Einheimischen und Touristen beliebte Fußweg rund um das neue Betriebszentrum von Dong für Spaziergänger offen.

Für Helmut Fischer-Joost, Grünen-Fraktionsvorsitzender in Norden, sind die Windkraftanlagen vor der Küste das kleinere Übel: „Von den Windrädern so weit draußen kriegt man ja hier gar nichts mit.“

Hubschrauber werden in Norddeich nicht abheben

Tatsächlich muss man schon lange suchen in Norden, bis man jemand findet, der die Offshore-Windparks nicht ganz so rosig sieht wie die Verantwortlichen im Rathaus. Helmut Fischer-Joost ist so jemand, Fraktionschef der Grünen im Nordener Stadtrat. „Wir haben uns vehement dagegen gewehrt, dass auf dem Betriebsgelände in Norddeich-Mole auch Hubschrauber landen und starten sollen. Zum Glück ist Dong Energy davon wieder abgekommen.“

Fischer-Joost ist ein Urgestein der Grünen im hohen Norden. Der Verwaltungsangestellte hat zu Hause Bio-Limonade und frische Äpfel auf den Tisch gestellt - frisch gepflückt von den Bäumen gleich hinten im Ökogarten seines Einfamilienheims. Die nötigen Stromtrassen zu den Offshore-Windparks müssten immerhin durchs Wattenmeer verlegt werden, fährt er fort. „Das ist ein Nationalpark. Da sollte grundsätzlich jede Störung vermieden werden.“

Dong Energy hat 2011 entschieden, die Betriebsführungszentrale für seine deutschen Offshore-Windparks in Norddeich anzusiedeln.

„Von den Windrädern so weit draußen kriegt man ja hier gar nichts mit“

Bislang, bestätigt Fischer-Joost, rege sich wenig Widerstand gegen die Kraftwerke auf hoher See. Das könne sich aber ändern, wenn da draußen, fünfzig bis hundert Kilometer vor der Küste, plötzlich einmal 2.000 Windkraftwerke stehen sollten. „Dann werden wir auch hier an Land ganz andere Umspannwerke benötigen.“ Was drastische Eingriffe in die Landschaft bedeute. Von denen, weiß der Grüne, haben seine Mitbürger genug: Der ganze Landkreis ist schließlich längst gespickt mit Windparks. Überall drehen sich riesige Rotoren. Es gebe inzwischen zu viel Onshore-Windkraft-Anlagen, sagt Fischer-Joost: „Die Touristen finden das gut. Bei den Einheimischen hält sich die Begeisterung in Grenzen.“ Da seien die Windkraftanlagen vor der Küste für viele Ostfriesen das kleinere Übel: „Von den Windrädern so weit draußen kriegt man ja hier gar nichts mit.“ Aber so ganz Kontra steht auch der Grüne nicht den Offshore-Parks gegenüber. Die, räumt er ein, brächten andererseits die Energiewende voran.

Vorsichtig und zugleich neugierig - so sind die Umweltschützer an der Küste, wenn es um Offshore-Windkraft geht. Und auch pragmatisch: „Die Naturschützer sind alle zerrissen“, hat Peter Lienau von der Seehundstation beobachtet. „Denen geht die Verspargelung der Landschaft mit Windrädern zu weit. Deshalb sind sie froh, wenn es zur Entlastung Windparks auf hoher See gibt.“

Nur eine Sache fürchten der Seehundstations-Chef Lienau wie der Grüne Helmut Fischer-Joost wirklich: Dass es einmal zu einer Havarie eines großen Schiffes in der Nähe der Offshore-Windparks kommen könnte. Die Vorstellung, dass ein Tanker oder ein Chemikalien-Frachter in der Deutschen Bucht führungslos in einen Windpark kracht, ist nicht nur für die Naturschützer ein Albtraum. Es ist ein Szenario, für das Betreiber und die Behörden gerüstet sein müssen. Mit aller deutschen Gründlichkeit.

Iris Franco Fratini
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