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Thema Mensch und Umwelt

19. Nov. 14

Notfallmaßnahmen schützen Leben auf hoher See

Die Arbeit in Offshore-Windparks birgt Risiken, erst recht durch die lange Entfernung zur Küste. Aber die Notfall-Rettungskette ist geschlossen, die Bergung und ärztliche Versorgung verletzter Menschen sichergestellt

Der Hubschrauber dreht noch eine Runde um die Umspannstation des Offshore-Windparks, dann versagt die Steuerung der Rotoren. Eine Landung auf dem Hubschrauberdeck der Station ist unmöglich. Der Pilot bereitet die Notwasserung vor.

Auf das Kommando „Brace-Brace-Brace“ hin nehmen die Passagiere auf ihren Sitzen die Notfallposition ein. Das Fluggerät knallt aufs Wasser und dreht sich nach wenigen Sekunden einmal um 180° – die Passagiere hängen nun kopfüber unter Wasser in ihren Gurtsystemen, von denen sie sich mit geschlossenen Augen befreien, die Seitenfenster mit dem Ellenbogen aufdrücken und sich durch das enge Fensterloch nach draußen winden. Zwei, drei Meter bis zur Oberfläche, ein tiefer Atemzug – dann warten auf den Rettungshubschrauber. Wer die Augen öffnet, hat verloren, denn mit offenen Augen verliert man die Orientierung im Innern der Kabine.

Sicherheitstraining mit Stress

Glücklicherweise handelt es sich hier nicht um einen Ernstfall sondern um eine Übung im Maritimen Sicherheits-Trainingszentrum in Elsfleth bei Bremen. Diese Sicherheitstrainings sind verbindlich für jeden, der auf einem Offshore-Windpark (OWP) arbeitet. Die Hubschrauberübung geht psychisch an die Grenze. Bei der gerade erlebten Übung gab es einen Abbrecher. Platzangst gab er als Grund an – eine verständliche Reaktion angesichts der festen Brustgurte, des Helms und der engen Kabine, die zudem noch umgekehrt unter Wasser liegt. Wer das Training abbricht, verliert seinen Arbeitsplatz auf See. „Die Abbrecherquote liegt aber bei unter einem Prozent“, sagt Projektleiter Stefan Hicke, „und die Abbrecher bekommen eine zweite oder dritte Chance. Davon geben dann 25 Prozent endgültig auf.“ Die Nachfrage ist etwas zurückgegangen. „Die Basisteams sind ausgebildet“, beschreibt Hicke die Lage. Er erwartet einen Schub an Auffrischern in den nächsten Jahren.

Notruf 112 – Kein Anschluss unter dieser Nummer

Die Selbstrettung und die Bergung von Verletzten sind nur die ersten Glieder einer Rettungskette. Der Teilnehmer einer Diskussionsrunde zum Thema Sicherheit auf den Offshore-Windpark-Baustellen kleidete die eigentliche Herausforderung in die Ansage: Wer bei einem Unfall hundert Kilometer vor der Küste den Notruf 112 wählt, sollte sich nicht wundern, wenn keiner kommt.

Das eingespielte Rettungssystem an Land mit seinem Nebeneinander an privaten und staatlichen Notfalleinrichtungen gibt es auf See nicht. Über die Notwendigkeit, die Rettungskette zu schließen, besteht Einigkeit. Dabei ist die Arbeit auf den in Betrieb gegangenen Offshore-Windparks nicht sonderlich unfallträchtig. In Ermangelung einer belastbaren Statistik der Unfälle hat man einen Anhaltspunkt bei der konventionellen Gas- und Ölförderung. Die liegt mit 35 Unfallverletzten je 1.000 Vollzeitbeschäftigten nicht viel höher als im Maschinenbau oder der Chemieindustrie mit 31 Unfallverletzten. In der Bauphase jedoch können die Unfallzahlen in die Höhe schnellen. Auf konventionellen Baustellen verunglücken immerhin 90 von 1.000 Beschäftigten.

Die Statistik lässt allerdings nur begrenzt Rückschlüsse auf die Schwierigkeit der Aufgabe zu. Zwei Umstände verschärfen die Lage auf See erheblich: Die Unfälle beim Bau der Offshore-Windpark führen oft zu Mehrfachverletzungen – zum Beispiel beim Absturz auf eine untere Ebene. Zweitens steht nach der Bergung des Verletzten aus der Unfallzone ein belastender Transport bevor.

Die rechtliche Lage der ganzen Sicherheitsarchitektur ist für einen Laien kaum zu durchschauen. Das liegt am rechtlichen Sonderstatus der Zone, in der die deutschen Offshore-Windparks gebaut werden und am fehlenden „Schifffahrtsbezug“ der Windräder. Erschwerend kam Kompetenzgerangel zwischen einigen Beteiligten hinzu. Trotzdem gelang das Schwierige. „Ja, wir haben eine geschlossene Rettungskette", bestätigt der Leiter des Havariekommandos Cuxhaven, Hans-Werner Monsees. Seine Organisation ist für komplexe Schadenslagen in der Nordsee zuständig, dieses Kriterium trifft in der Regel auf Offshore-Windparks nicht zu. Für Unfälle mit Verletzten sind die Betreiber der Offshore-Windparks verpflichtet, Notfallpläne zu entwickeln und entsprechend umzusetzen. Ob sie verpflichtet sind, den Verletzten an Land zu bringen oder aber der Transport in die staatliche Daseinsvorsorge gehört, ist laut Sicherheitsrahmenkonzept des Bundesverkehrsministeriums rechtlich nicht geklärt.

Der Hintergrund: Offshore-Windpark-Unfälle sind keine Seenotfälle, weil kein Schiff beteiligt ist. Und das Havariekommando ist nicht zuständig, weil bei einem Einzelfall keine komplexe Schadenslage vorliegt. Aber wer ist zuständig? Die Unternehmen haben dieses Problem pragmatisch gelöst und die Rettungs- und Transportmittel, über die sie nicht selbst verfügen, mit Verträgen an sich gebunden.

Allerdings nicht ganz: Das Havariekommando behält die Zuständigkeit für „komplexe Rettungslagen“. Gemeint sind damit schwierige Bergungen in großer Höhe oder schwere Verletzungen, die am Unfallort notärztliche Hilfe brauchen. Monsees hat für diese Rettungseinsätze sogenannte Notfallreaktions-Teams aufgestellt. Ein Hubschrauber befördert die Rettungsassistenten, Notarzt und Höhenretter zum Unglücksort. „Solche Kompetenzen sind am Personalmarkt einfach nicht einzukaufen – da muss der Staat eingreifen“, sagt Moonsees. Den Einsatz stellt das Havariekommando den Offshore-Windpark-Betreibern in Rechnung.

Das Kommando „Brace ...“ wird zwar weiterhin nicht nur im Training, sondern auch im Ernstfall zu hören sein. Nach jahrelangen Diskussionen kann die Rettungskette aber als geschlossen gelten. Die Chancen des Verunglückten, lebend oder ohne schwere Schäden davonzukommen, sind damit deutlich gestiegen.

Iris Franco Fratini
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