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02. Jun. 16

Bevor ein Windpark in den Betrieb gehen kann, muss er alle vorgeschriebenen Prüfsiegel haben. Das ist vergleichbar mit Autos, die ohne HU-Plakete nicht auf die Straße dürfen.

Mit Brief und Siegel

Sicherheit steht im Vordergrund. Ein Offshore-Windpark muss daher verschiedenste Richtlinien erfüllen. Ob alles seine Richtigkeit hat, prüfen unabhängige Zertifizierer. Allerdings ist das aufwendig und nicht ganz billig.

Bevor ein Windpark in den Betrieb gehen kann, muss er alle vorgeschriebenen Prüfsiegel haben. Das ist vergleichbar mit Autos, die ohne HU-Plakete nicht auf die Straße dürfen.

Von Katharina Wolf

Fakt ist: Ohne Zertifizierung geht auch in der Windbranche nicht viel. Der Grund ist einfach. Ebenso wie ein Auto nicht im Straßenverkehr ohne HU-Plakette unterwegs sein darf, dürfen Windenergieanlagen nicht errichtet werden, wenn sie nicht die vorgeschriebenen Prüfsiegel haben.

Schließlich muss ausgeschlossen werden, dass die Anlage zusammenbricht, etwa weil der Turm nicht stabil genug ist, um das Maschinenhaus und die Rotorblätter zu tragen. „Zertifizierung ist notwendig, um das Vertrauen in das Produkt zu stützen und das Risiko zu begrenzen“, fasst Kim Mørk, Executive Vice President of Renewables Certification beim DNV GL, dem nach eigenen Angaben größten Zertifizierer für Offshore-Windparks, zusammen.

Die wichtigsten Zertifizierungen
Mittlerweile gibt es eine schier unbegrenzte Zahl an Zertifizierungen. Die wichtigsten sind die Typenzertifizierung, die Zertifizierung der Netzeigenschaften und die Projektzertifizierung, die allerdings nur bei Offshore-Windparks vorgeschrieben ist.

Die Typenzertifizierung gilt den technischen Eigenschaften einer Windenergieanlage. Sie bestätigt, dass die Anlage und ihre Komponenten, zum Beispiel der Turm oder die Rotorblätter, alle vorgeschriebenen Normen und Richtlinien erfüllen und für eine bestimmte Windklasse geeignet sind. „Dabei sehen wir die Baupläne der Anlagen ein und beurteilen, ob die Anlage den Vorschriften entspricht“, erläutert Rainer Klosse von der WindGuard Certification. Der Aufwand hängt auch davon ab, wie gut die Unterlagen sind, die bei den Prüfern eingereicht werden. Außerdem wird die Fertigung inspiziert.

Bei der Netzzertifizierung geht es um die Frage, ob die Windenergieanlage selbst, aber auch der konkrete Windpark die Netzanschlussrichtlinien einhält. „Die Netzstabilität ist das höchste Gut“, betont Klosse. Bei korrekter Betriebsweise können Windparks zur Spannung und Frequenzhaltung des Netzes beitragen, insbesondere dann, wenn es um die Ausbreitung von Folgen eines Kurzschlusses im Netz geht.

Hier sind drei Dokumente wichtig: Mit dem Einheitenzertifikat belegt der Hersteller der Anlage universell für verschiedenste Netzanschlüsse, dass seine Maschine alle wichtigen Eigenschaften mitbringt. Das Anlagenzertifikat, das der Betreiber des Windparks beibringen muss, beweist, dass der komplette Park so geplant ist, dass er seinen Strom korrekt einspeist, sich bei Netzfehlern den Richtlinien entsprechend verhält und nicht durch sein Verhalten für einen Stromausfall sorgt. In der abschließenden Konformitätserklärung wird nach der Inbetriebnahme abgenommen, ob das Vorhaben endgültig korrekt umgesetzt wurde.

Im Bild der englische Windpark Walney. Bei der Zertifizierung von Windparks gibt es große Unterschiede zwischen den Ländern. In Großbritannien müssen erfahrene Projektierer weniger Unterlagen einreichen als Neueinsteiger.

Besonderheiten für Offshore-Projekte

Für die Errichtung von Offshore-Windparks in der deutschen Ausschließlichen Wirtschaftzone (AWZ) ist eine Projektzertifizierung entsprechend der Standards des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) erforderlich. Diese dient dazu, die Erfüllung der Seeanlagenverordnung nachzuweisen.

Hier muss noch einiges mehr auf den Prüfstand als an Land: Design und Fundament der Windenergieanlagen, Transport, Installation, Inbetriebnahme und sogar der Rückbau müssen vorab vorgelegt und bestätigt werden. Das Sicherheitskonzept wird ebenso geprüft wie die Qualifikation der Arbeiter. „Ein Grund für diese zusätzlichen Auflagen liegt an den schwierigeren Bedingungen offshore: größere Turbinen, tiefes Wasser, schwierige Erreichbarkeit“, erläutert Kim Mørk vom DNV GL. Außerdem mangele es in Deutschland auch noch an Erfahrung mit der Offshore-Windenergie, so dass Zertifikate auch für Banken, Versicherungen und Investoren eine große Bedeutung hätten.

Wie ist es anderswo?
Anders in Großbritannien: Dort gibt es keine definierten Zertifizierungsvorschriften, so dass erfahrene Projektierer mit weniger Unterlagen bauen dürften als Neueinsteiger, berichtet Mørk. In Frankreich ist man derzeit dabei, eigene Richtlinien zu erstellen. „Dort will man sich an die strikten deutschen Standards anlehnen“, sagt Dr. Christian Bühring, Certification Manager Offshore beim Projektentwickler wpd.

In Dänemark wiederum gibt es Vorgaben, die genau vorschreiben, was wie und wann zu prüfen ist. „Anders als bei uns hat dann der Zertifizierer das letzte Wort - bei uns kann das BSH nochmal nachprüfen – und das passiert dann auch“, berichtet Bühring. Die Notwendigkeit von Zertifizierungen stellt er aber nicht in Frage: „Als Betreiber haben wir zusätzliche Sicherheit durch die unabhängige Prüfung.“

Unabhängig und vertrauenswürdig
Auf ihre Unabhängigkeit legen die Zertifizierer großen Wert. Denn um ihre Arbeit gründlich zu erledigen, müssen sie Herstellern und Betreibern ziemlich nahe kommen und haben zum Teil auch Einblicke in Betriebsgeheimnisse. „Umso wichtiger ist, dass wir jeden Anschein von Einflussnahme vermeiden“, betont Rainer Klosse von der WindGuard Certification.

Schweigeverpflichtungen sind deshalb Teil der mit Herstellern abgeschlossenen Verträge. Auch müssen die Abteilungen, die sich mit Zertifizierung beschäftigen, strikt getrennt von den anderen Geschäftsfeldern der Firmen arbeiten, die oft noch Beratung oder andere Dienstleistungen anbieten. So ist auch der Zugang zum Bürotrakt der Zertifizierer beim DNV GL oder der WindGuard Certification nur mit einer speziellen Schlüsselkarte möglich – und die haben nur die dort Beschäftigten. Auch persönliche Verbindungen müssen offen gelegt werden. „Die Branche ist klein. Wenn jemand beispielsweise einen Freund oder einen Verwandten bei einem Hersteller hat, kann er dessen Anlagen nicht überprüfen“, erklärt Rainer Klosse.

Und natürlich werden auch die Zertifizierer geprüft. Denn: Zertifizieren darf in Deutschland nur, wer bei der Deutschen Akkreditierungsstelle (DAkkS) registriert wird. Die DAkkS fordert dann regelmäßig Nachweise an, die die kontinuierliche fachliche Weiterbildung und die Einhaltung von Standards im Qualitätsmanagement belegen.

Einmal im Jahr werden die akkreditierten Büros zudem überprüft und können - im schlimmsten Fall - ihre Zulassung verlieren. Zudem überwacht ein Lenkungsausschuss die Arbeit. In diesem sitzen Branchen-Vertreter, die üblicherweise als Kunden der Zertifizierer gelten: Hersteller, Netzbetreiber, Planer. „Wer sich benachteiligt fühlt, kann den Lenkungsausschuss anrufen, der die Vorwürfe prüft und das Unternehmen auch bei der DAkkS melden kann“, so Klosse.

Maite Basurto, Chief Technology Officer beim Anlagenhersteller Adwen, kritisiert, dass das deutsche Zertifizierungsverfahren sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, was einen Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit hat.

Wer macht die Regeln?

Eine weitere Aufgabe der Zertifizierer ist die Mitarbeit an Normen und Richtlinien, nach denen Windenergieanlagen oder Netzverträglichkeit geprüft werden. Gefragt ist dabei vor allem ihre fachliche Expertise, wenn es darum geht, wie gemessen und geprüft werden sollte.

„Die Normungsgremien sind gleichmäßig mit Vertretern verschiedener Interessengruppen besetzt. Der Arbeitskreis zur FGW TR 8  - einer Richtlinie zur Zertifizierung der elektrischen Eigenschaften, an der wir aktiv mitarbeiten - setzt sich zu je einem Viertel aus Vertretern der Anlagenhersteller, der Projektplaner, der Netzbetreiber sowie der Zertifizierungsstellen und Prüflabore zusammen“, berichtet Klosse.

Aber haben die Zertifizierer nicht so auch großen Einfluss auf die Normen, nach denen sie selbst am Ende prüfen sollen? Diesen Vorwurf weist Klosse zurück: „Die konkreten Netzanschlussregeln kommen schließlich von den Netzbetreibern, darauf haben wir keinen Einfluss.“

Im Bereich der Typenzertifizierung von Windenergieanlagen sei es traditionell etwas anders, räumt er ein, da hier mangels externer Alternativen zu Beginn der professionellen Windenergie die großen Zertifizierer verstärkt selbst aktiv geworden seien - etwa bei den so genannten GL Richtlinien, die vom Germanischen Lloyd erarbeitet wurden. „Aber auch hier gibt es inzwischen international harmonisierte Richtlinien, etwa von der IEC, die diese alten ,Hausverfahren‘ immer stärker verdrängen.“

Und die Kosten?
„Die Zertifizierung eines Offshore-Projektes kostet vielleicht ein bis zwei Millionen Euro - bei einer Gesamtinvestition von mehr als einer Milliarde ist das aber nur der Bruchteil eines Prozents“, betont Kim Mørk. „Und wie alle in der Offshore-Branche arbeiten wir daran, die Kosten zu senken.“

So koste ein Projekt-Zertifikat nur noch bis zu ein Drittel dessen, was noch vor drei Jahren fällig war, da der Markt weiter gereift sei. Und auch Rainer Klosse betont: „Die Zertifizierung ist immer billiger als ein Fehler, der dann womöglich einen flächenweiten Netzausfall auslöst.“

„Die Kosten erscheinen erstmal gering angesichts der Gesamtinvestition“, argumentiert Christian Bühring von wpd. „Aber es sind eben Kosten, die dazukommen und deren direkter Mehrwert nur schwer bezifferbar ist.“
Doch noch andere Dinge treiben die Kunden der Zertifizierer um, etwa die Länge der Verfahren. „Die Zeitpläne, die wir einhalten müssen, haben direkte Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit der Windparks, die wir nach einem langen Verfahren in Deutschland errichten können – zumindest im Vergleich zu anderen europäischen und nicht-europäischen Märkten“, sagt Maite Basurto, Chief Technology Officer beim Anlagenhersteller Adwen.

Auch Diskussionen um vermeintliche Details können große Auswirkungen haben: „Wenn in der Design-Phase des Fundamentes der Zertifizierer anderer Ansicht ist als der Konstrukteur, hat das nicht nur Auswirkungen auf den Zeitplan“, sagt Christian Bühring. Es könne auch dazu führen, dass ein anderer, teurer Stahl eingesetzt werden müsse - bei mehreren tausend Tonnen Stahl, die verbaut werden, kann das schnell ins Geld gehen.

„Dann muss man sich auf einen Kompromiss einigen, bei dem meist der Zertifizierer seine Position durchsetzt“, so Bühring. Allerdings hätten sie auch gute Argumente und viel Erfahrung. Und auch Adwen-Technik Chefin Basurto sagt: „Die Zertifizierer haben das adäquate Fachwissen und sind darauf bedacht, dieses den Veränderungen der Branchenbedürfnisse und somit auch der Produktentwicklung anzupassen.“

Ricarda Schuller
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