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Thema Mensch und Umwelt

18. Jan. 16

Sea Survival in Bremerhaven: Proben für den Ernstfall

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Ausrüstungscheck: Sicherheitsanzug, Helm und Rettungsweste sind im Sea-Survival-Training bei Falck Safety Services in Bremerhaven genauso obligatorisch wie ein Klettergeschirr mit Tragegurt. Wer von einem Boot auf ein Windrad übersteigt, hakt sich damit in die Leiter ein. Nachdem alle Kursteilnehmer ausgerüstet sind, …
… geht es aufs Wasser. Im Hafenbecken wartet bereits ein signalfarbenes Trainingsboot mit zwei Ausbildern für die sechs Männer, die heute am Kurs teilnehmen. Die meisten von ihnen sind Wiederholungstäter: Sie haben in der Vergangenheit ähnliche Kurse absolviert und müssen nun ihre Kenntnisse auffrischen, weil ihre Trainingszertifikate abgelaufen sind.
Das Ausbildungszentrum am Handelshafen: Hier unterrichtet Falck pro Jahr gut 2700 Teilnehmer, vor allem aus der Offshore-Windkraft und der Öl- und Gasindustrie. Die Kursanforderungen unterscheiden sich, obwohl beide Branchen in einem ähnlichen Umfeld arbeiten. Das sogenannte Freifallboot in der Bildmitte kommt unter anderem auf Bohrinseln zum Einsatz: Damit kann sich die Besatzung im Notfall über ein Gleitgerüst ins Meer fallen lassen.
Die erste Übung: Der Ausbilder von Falck hat das Boot vorsichtig mit dem Bug gegen eine stählerne Leiter gesteuert und hält es stabil in der Position, indem er viel Schub gibt. Die Kursteilnehmer müssen nun nacheinander den Überstieg proben. Für die nötige Sicherheit …
… sorgen dabei die Gurte, mit denen sie sich am Gerüst einhaken. Heute ist die Übung ein Kinderspiel: Das Hafenwasser ist glatt wie ein Ententeich – kein Vergleich zu den oft hohen Wellen in der Nord- oder Ostsee. Schnell sind alle einmal hoch- und wieder hinuntergeklettert.
Für den zweiten Teil des Trainings geht es hinaus in die Mitte des Hafenbeckens. Diese Übung verspricht einen deutlich höheren Adrenalinpegel als der Überstieg auf die Leiter – vor allem für einen der Teilnehmer, der sich zuvor freiwillig gemeldet hat.
Er muss bei voller Fahrt von Bord springen und sich anschließend von den anderen retten lassen. Für diesen Sprung gibt es allerdings Abzüge in der B-Note: Die Arme hätten vor der Rettungsweste verschränkt werden müssen.
Die Rettungsweste hat sich beim Sturz ins Hafenbecken automatisch aufgeblasen. Weil auch der warme, wasserdichte Überlebensanzug einen starken Auftrieb besitzt, dümpelt der Verunglückte auf dem Wasser wie eine Quietscheente in der Badewanne. Mit gekreuzten Beinen wartet er auf Rettung.
Die größte Schwierigkeit für die Besatzung an Bord besteht darin, den Mann im Wasser nicht aus den Augen zu verlieren. Bei voller Fahrt liegen schnell Dutzende Meter zwischen ihm und dem Boot, selbst im ruhigen Hafenwasser wird der Verunglückte so rasch zu einem kleinen Punkt auf den Wellen, kaum von einer schwimmenden Möwe zu unterscheiden. Einer der Kursteilnehmer weist daher so lang mit ausgestrecktem Arm auf das Opfer, bis der Steuermann ihn sicher identifiziert hat.
Beim Opfer angekommen, bringen die Kursteilnehmer eine an der Bordwand befestigte breite Rettungsleiter aus, deren Ende sie mit einem Tau festhalten. Vorsichtig ziehen sie seinen Oberkörper über die Leiter. Er selbst hilft nicht mit – in dieser Übung simuliert er einen Bewusstlosen. Dann kommt der entscheidende Part.
Mit ruhigem gleichmäßigem Zug holen die Männer die Rettungsleiter ein – und rollen das Opfer so die Bordwand hoch bis ins Innere des Bootes. Einer der Kursteilnehmer achtet darauf, dass der Gerettete dabei nirgendwo mit dem Kopf anstößt.
Geschafft! Auf der Rückfahrt zum Trainingszentrum bespricht der Ausbilder mit den Teilnehmern den Ablauf der Rettung. Was war gut? Was muss besser werden? Zu dem Zeitpunkt ahnen sie nicht, dass eine entscheidende Lektion noch auf sie wartet.
Denn erst mal sind sie vollauf damit beschäftigt, die Rettungsleiter wieder einzurollen. Das erweist sich als Wissenschaft für sich und beschäftigt zwischendurch den kompletten Kurs. Trotzdem muss es am Ende einer der Ausbilder richten. Dann bittet er die Teilnehmer, noch einmal durchzuzählen. Und plötzlich fällt ihnen auf, …
… dass ihr eben erst geretteter Kollege fehlt. Wie mit den Ausbildern zuvor vereinbart, ist er während der allgemeinen Aufregung um die Rettungsleiter erneut von Bord gesprungen – ohne dass es irgendjemand bemerkt hätte. Es ist klar, was die Ausbilder damit zeigen wollen: Bei einem Offshore-Einsatz darf die Konzentration niemals nachlassen. Jeder sollte stets ein Auge auf sich und seine Kollegen haben.
Immerhin ist die Rettungsübung inzwischen Routine. Das Opfer ist in dieser Übung bei Bewusstsein und kann bäuchlings über die Reling gezogen werden. Die Rettungsleiter kommt zur allgemeinen Erleichterung nicht noch einmal zum Einsatz.
Geschafft – diesmal wirklich! Das Boot fährt zurück zum Trainingszentrum. Für das freiwillige Opfer war es eine vergleichsweise entspannte Übung. Ihm ist nur ein wenig warm geworden in seinem dicken Überlebensanzug.

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