Das Portal für Offshore-Windenergie

Thema Mensch und Umwelt

24. Nov. 15

Zwei Wochen Arbeit, eine Woche Freizeit: Service-Techniker wie Anna Jakobsson pendeln täglich zwischen Festland und Windpark hin und her. Doch sie schlafen dafür jede Nacht in ihren eigenen Betten.

Knochenjob oder Traumjob?

Fünf-Tage-Woche und feste Routinen sind in einem Offshore-Windpark undenkbar. Hier bestimmen Abenteuer und Nervenkitzel den Alltag. Die Dänin Anna Jakobsson kann sich nichts Besseres vorstellen.

Unterschiedliche Arbeitseinsätze auf dem Meer: Auf einem Installationsschiff sind die Arbeitszeiten unbeständig, da sie abhängig sind vom Wetter. Einzelkabinen sind eher selten.

Von Jarka Kubsova

Es ist noch nicht lange her, da saß Anne Jakobsson bei einem firmenweiten Treffen mit Kollegen zusammen und unterhielt sich über das Leben und Arbeiten auf den Installationsschiffen draußen im Meer.

Und dann stellte einer ihr diese Frage. „Anne, wäre das denn nicht auch was für dich?“

Anne Jakobsson, 37 Jahre alt, Windkrafttechnikerin bei DONG Energy in Dänemark, hatte sich bis dahin nicht wirklich mit dem Gedanken beschäftigt. Aber seit er ausgesprochen ist, lässt er sie nicht mehr los.

Sie liebt es ja da draußen. Hoch oben auf einer der Windturbinen zu stehen, ringsherum nur das Meer. „Das ist der allerbeste Arbeitsplatz, den ich mir vorstellen kann“, sagt sie.

Aber im Moment kehrt sie ihm nach jeder Schicht den Rücken. Anders als ihre Kollegen, die offshore auf Installationsschiffen untergebracht sind, pendelt Jakobsson zwischen Festland und Windpark hin und her.

Und trotzdem bestimmt dieser Job den Takt ihres Lebens wie kein anderer zuvor.

Dabei hat Jakobsson schon einiges erlebt. Sie war Aushilfslehrerin in Schweden, Barkeeperin in Schottland, Köchin in einem buddhistischen Zentrum in Großbritannien, sie half bei einem Wasserpumpenprojekt im Senegal. Selbstbestimmung war ihr immer wichtig, genauso wie Unabhängigkeit.

Und nun diktieren Wetter und Gezeiten ihr so manche Vorschrift.

Zwei Wochen Arbeit, eine Woche Freizeit: Service-Techniker wie Anna Jakobsson pendeln täglich zwischen Festland und Windpark hin und her. Doch sie schlafen dafür jede Nacht in ihren eigenen Betten.

Schon morgens fängt das an. Jakobssons Arbeitsplatz, die Nysted Wind Farm, liegt eine halbe Stunde Schifffahrt von Südküste der dänischen Insel Falster entfernt.

72 Windturbinen erzeugen dort rund 166 Megawatt Strom, Energie für mehr als 100.000 Haushalte.

Aber allein schon dorthin zu gelangen, ist keine Selbstverständlichkeit. Jeden Tag muss aufs Neue entschieden werden: Ist die See nicht zu rau, der Wind nicht zu stürmisch?

Nur wenn die Prognose laut Dänischem Wetterdienst passt, kann Jakobsson los. Dann steigt sie zusammen mit ihren Kollegen auf ein Schiff im Hafen von Gedser, dem südlichsten Zipfel Dänemarks, ein kleines Nest mit 800 Einwohnern.

An Bord ist sie noch immer so aufgeregt wie bei der ersten Fahrt. Was erwartet sie heute da draußen? Hält das Wetter? Was gibt es zu tun?

Jakobsson ist noch relativ neu dabei. Erst Anfang des Jahres hat sie ihr Studium zur Windkrafttechnikerin abgeschlossen.

Es war schon ihr zweites nach einem Abschluss in Raumfahrttechnik. Astronautin wollte sie nicht wirklich werden, ihr Antrieb war vielmehr der Wunsch nach Weite und Abenteuer. Von Beidem gibt es nun mehr als genug in ihrem Leben.

Der dänische Offshore-Windpark Nysted liegt eine halbe Stunde Schifffahrt von der Südküste der dänischen Insel Falster entfernt. 72 Windkraftanlagen produzieren Strom für rund 100.000 Haushalte.

Zwei Wochen Arbeit, eine Woche frei

Derzeit ist Jakobsson Springerin: Sie vertritt Kollegen die krank oder im Urlaub sind, fast jeden Tag muss sie sich auf einen neuen Teampartner einstellen.

Zusammen warten sie die Windräder, meist ein Techniker und ein Elektriker zusammen, zwei Menschen allein mit den tonnenschweren Maschinenteilen.

Elf Stunden sind sie mindestens im Dienst, in der Regel von sieben Uhr morgens bis sechs Uhr abends. Zwei Wochen am Stück geht das so, dann haben sie eine Woche Pause.

Das Leben jenseits des üblichen Rhythmus aus Werktagen und freien Wochenenden fällt Jakobsson nicht schwer. Im Gegenteil: Die langen Auszeiten nutzt sie für Reisen und Wanderungen. „Ich liebe das, und es ist super, dass mir die Zeit dazu bleibt“, sagt sie.

So unabhängig wie sie sind allerdings nicht alle ihre Kollegen. Die meisten haben eine Familie in Gedser oder Umgebung.

Doch das Leben als Offshore-Pendler scheint damit zu vereinbaren zu sein. „Klar, in den Arbeitswochen sind die Väter wenig zuhause“, sagt Jakobsson. „Aber in der freien Woche wird dann alles nachgeholt.“

Immerhin schlafen sie jede Nacht in den eigenen Betten.

Wenn Jakobsson sich für das richtige Offshore-Leben entscheiden sollte, auf das der Kollege sie kürzlich angesprochen hat, dann würde eines der Errichterschiffe für Wochen ihr Zuhause werden. Eine dieser Plattformen, die speziell für den Aufbau von Offshore-Windenergieanlagen entwickelt wurden.

Sie bieten eine feste, sichere Unterkunft zwischen den Windkrafttürmen, aber oft sind sie eng und unkomfortabel. Nach der Schicht quetschen sich die Arbeiter zum Schlafen in winzige Kammern mit Doppelstockbetten, die von den Wänden geklappt werden.

Die kleinsten Errichterschiffe haben 20 bis 30 Schlafplätze, große bis zu 100. Einzelkabinen sind begehrt, aber kaum vorhanden.

Die Schichtarbeit nimmt hier nochmal heftigere Ausmaße an. Ein Offshore-Team arbeitet in zwei Einheiten à zwölf Stunden – egal ob Feiertag oder Wochenende – immer zwei Wochen lang, dann gibt es zwei Wochen Pause.

Manche kapseln sich während der Offshore-Zeiten fast komplett von ihrem Landleben ab. Andere versuchen es von Bord aus am Laufen zu halten. Aber das ist schwer.

Telefon- und Onlineverbindungen sind oft instabil, oder man muss sie sich mit anderen Schiffen teilen. Manchmal drängen sich Dutzende Kollegen an einem bestimmten Fleckchen an Bord zusammen, weil genau dort gerade der beste Wlan-Empfang ist.

Nach zwölf Stunden körperlicher und geistiger Schwerstarbeit beschränken sich die meisten aber ohnehin auf ein kurzes „Hallo, es gibt mich noch“. Man will einfach nur noch schlafen oder einen Film gucken.

Service-Technikerin Anna Jakobsson hat schon vieles erlebt: Aushilfslehrerin in Schweden, Barkeeperin in Schottland, Köchin in einem buddhistischen Zentrum in Großbritannien, sie half bei einem Wasserpumpenprojekt im Senegal und hat ein abgeschlossenes Studium in Raumfahrttechnik.

Bei schlechtem Wetter droht Lagerkoller

Jakobsson kennt diese Art der Erschöpfung. Und trotzdem rafft sie sich nach dem Dienst oft noch auf und trifft ihre Kollegen in privater Runde. Mal grillen sie zusammen, mal gehen sie ins Kino oder sie sitzen auf einen Absacker zusammen.

Dann verschwimmen die Grenzen zwischen Privatleben und Beruf. Für Jakobsson ist das eine wichtige Wechselwirkung: Nur wer gut eingespielt ist, funktioniere auch draußen als Team.

„Es ist wichtig, dass man dem jeweiligen Kollegen absolut vertraut“, sagt sie. Dieses Vertrauen entstehe auch über den engen Kontakt jenseits des Beruflichen. „Wir müssen einfach Teamplayer sein“, sagt Jakobsson.

Für die Teams auf den Errichterschiffen gilt das erst recht. Wenn Jakobsson und ihre Kollegen mal nicht rausfahren dürfen, weil Wind und Wetter es nicht zulassen, dann können sie sich Aufgaben an Land widmen.

Werkzeug sortieren, Dichtungsgummi schneiden. Das ist zwar etwas stumpfsinnig, aber immerhin eine Art der Beschäftigung.

Die Kollegen dagegen, die wochenlang draußen sind, überfällt in solchen Phasen schnell der Lagerkoller.

Manchmal sind alle startklar, müssen aber trotzdem tagelang untätig ausharren, bis das Wetter sich bessert. Da kann die Stimmung kippen – und keiner hat die Möglichkeiten, auszuweichen.

Geht die Arbeit dann wieder los, ist der ohnehin schon hohe Zeitdruck umso größer. Das kann stressen.

Manchen ist das alles zu viel. Zu viel Unberechenbarkeit, zu viel Unbeständigkeit. Manche Anfänger in der Branche schmeißen schnell hin.

Für Jakobsson aber ist diese Arbeit trotz aller Unwägbarkeiten – oder gerade deswegen – ein Traumjob. „Jeder Tag stellt einen vor eine neue Herausforderung. Ich finde das einfach großartig“, sagt sie.

Es klingt, als hätte sie nach all den Stationen in ihrem Leben endlich ihren Platz gefunden. „Ich wollte immer mit meinen Händen arbeiten, aber dabei auch meinen Kopf gebrauchen“, sagt sie. „Das kann ich hier.“

Manchmal vielleicht sogar mehr, als sie am Anfang gedacht hätte. Die Windkraft hat ihre Art zu arbeiten verändert, sie ist präziser und umsichtiger geworden. In ihren früheren Jobs war Jakobsson es gewohnt, zu improvisieren.

„Wenn man in der Bar einen Drink verschüttet, wischt man ihn halt auf und macht weiter“, sagt sie. Jetzt fragt sie lieber zweimal nach bevor sie eine Schraube löst oder ein Kabel umsteckt. Sie macht ihre Arbeit etwas langsamer, dafür aber richtig.

Denn da gibt es eben diesen Riesenunterschied zum Arbeiten an Land: Dort kann man jemanden dazuholen, wenn man nicht weiter weiß. Auf See ist maximal ein Kollege da. Ersatzteil vergessen? Dann verzögert sich die Reparatur um einen kompletten Tag. Mindestens.

„Ich gehe alles immer mehrmals durch“, sagt Jakobsson. Nicht genau zu arbeiten ist eine Blöße, die man sich offshore nicht geben darf. Denn in 70 Metern Höhe, mit 40 Meter langen Rotorblättern vor der Nase, kann schon eine kleine Unaufmerksamkeit, eine herumkullernde Schraube, dramatische Folgen haben.

Andersherum ist es großartig ist, wenn alles reibungslos klappt. Dann haben Jakobsson und ihre Kollegen dieses Hochgefühl, technische Pionierarbeit geleistet zu haben. Und dabei auch noch Teil einer guten Sache zu sein, an einem der abenteuerlichsten Arbeitsplätze der Welt.

Würde sie auf einem der Errichterschiffe über Wochen leben und arbeiten, gäbe es wohl noch mehr von diesen Momenten. Trotz aller Widrigkeiten. Trotz der Unplanbarkeit.

Langfristig, sagt Jakobsson, kann sie sich wirklich gut vorstellen, dorthin zu gehen.

Iris Franco Fratini
Artikel speichern gespeichert

Artikel zur Merkliste hinzugefügt