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Thema Mensch und Umwelt

10. Mai. 17

Fakten gegen Vorurteile

Populisten wie Donald Trump und Frauke Petry streuen Zweifel am Klimawandel. Wir erklären ihre Taktiken und entlarven ihre Vorurteile mit den Erkenntnissen des aktuellen Weltklimaberichts.

Von Julia Müller

Glaube ist ein großes Wort. Menschen glauben an Gott, an wahre Freundschaft, an die große Liebe. Mit Fakten ist dagegen schwer anzukommen. Welcher frisch Verliebte ließe sich schon von Scheidungsstatistiken beeindrucken? Populisten wie Donald Trump wissen um diese Macht. Wissenschaftliche Erkenntnisse, die nicht in ihr Weltbild passen, münzen sie einfach in eine Glaubensfrage um. Der amtierende US-Präsident erklärte schon vor seiner Wahl, er sei „kein großer Gläubiger“, was den Klimawandel angehe.

Das Klimahaus in Bremerhaven: Kein anderer Ort in Deutschland macht den Klimawandel so anschaulich wie das 2009 eröffnete Mitmachmuseum. Deshalb illustrieren wir diesen Artikel mit Ansichten des spektakulären Ausstellungshauses, das von außen an ein Schlauchboot erinnert.

Dass er solchen Bekenntnissen Taten folgen lässt, hat Trump unlängst bewiesen. Per Dekret will er den „Clean Power Plan“ von Barack Obama weitestgehend rückgängig machen. Der „Krieg gegen die Kohle“ in den USA sei damit beendet. Angesichts dieses Bruchs mit der Klimapolitik seines Vorgängers zeigen sich die Vereinten Nationen besorgt. Und Umweltschützer warnen, Trump gefährde „den Zustand der Welt“.

Mit Scott Pruitt steht zudem ein Klimawandelskeptiker an der Spitze der Umweltbehörde EPA. Pruitt verkündete jüngst in einem Interview mit dem Sender NBC, er glaube nicht, dass Kohlendioxid einer der Hauptverursacher der Erderwärmung sei, die wir erleben. Mit solchen Äußerungen stellen sich die Politiker gegen den nahezu einhelligen Konsens von Klimaforschern und Wissenschaftlern aus aller Welt. Simple Glaubensäußerungen sollen komplexe wissenschaftliche Belege aushebeln.

Nicht nur jenseits des Atlantiks haben die Leugner des Klimawandels Auftrieb. Auch in Deutschland übernehmen rechtspopulistische Akteure den Diskurs aus den USA. Frauke Petry etwa, AfD-Frontfrau und promovierte Chemikerin, glaubt nicht an den menschengemachten Klimawandel. Im Grundsatzprogramm der Partei, das im Frühjahr 2016 beschlossen wurde, heißt es zudem: „Das Klima wandelt sich, solange die Erde existiert. […] Seit die Erde eine Atmosphäre hat, gibt es Kalt- und Warmzeiten.“ Dabei wird suggeriert, dass der heutige Klimawandel natürliche Ursachen habe. Diese Linie vertreten auch AfD-Abgeordnete wie Ralf Borschke, der im Januar im Schweriner Landtag erklärte, die Annahme, dass der vom Menschen verursachte C02-Ausstoß zur Erderwärmung führe, sei „geballter Unfug“ und diene der „Panikmache“.

Im Klimahaus durchleben die Besucher eine Reise durch sämtliche Klimazonen der Erde – hier etwa durch den Dschungel Kameruns.

Pseudowissenschaftliche Vereine unterminieren das Vertrauen in anerkannte Institutionen – etwa in den Deutschen Wetterdienst

Gefüttert werden solche Aussagen durch Fake-News, also bewusst gestreute Unwahrheiten, die als seriöse Nachrichten ausgegeben werden. Wie erfolgreich sich irreführende Behauptungen über den Klimawandel im Netz verbreiten können, belegt ein Beispiel aus den USA. „Zehntausende Wissenschaftler verkünden, dass der Klimawandel ein Schwindel ist“ – so titelte die amerikanische Website Yournewswire.com im September vergangenen Jahres.

Weiter hieß es in dem Artikel, mehr als 30.000 Wissenschaftler hätten eine Petition unterschrieben, die den menschengemachten Klimawandel anzweifle. Dass diese sogenannte Oregon-Petition bereits 18 Jahre alt ist und nur ein Bruchteil der Unterzeichner tatsächlich einen wissenschaftlichen beziehungsweise klimawissenschaftlichen Hintergrund hat, bleibt unerwähnt. Mehr als eine halbe Million Mal wurde der Artikel, der mit Falschbehauptungen Stimmungsmache betreibt, bei Facebook geteilt, gelikt oder empfohlen. Richtigstellungen seriöser Medien erhielten lang nicht so viel Aufmerksamkeit.

Eine weitere Strategie ist, das Vertrauen in wissenschaftliche Institutionen zu unterminieren. Gerade in den USA ist die Debatte geprägt von gegenseitigen Lügenvorwürfen. Gleichzeitig betreiben die Leugner des Klimawandels eine Art Mimikry, indem sie wissenschaftliche Institutionen imitieren. Den Erkenntnissen des Weltklimarats setzen sie eigene Studien entgegen.

Auch in Deutschland sind derartige Versuche zu beobachten. Das Europäische Institut für Klima & Energie e.V., kurz EIKE, mit Sitz in Jena gibt sich nicht zuletzt durch seine Namenswahl einen wissenschaftlichen Anstrich. Tatsächlich handelt es sich aber nicht um ein Forschungsinstitut, sondern um einen Verein. In der Selbstdarstellung heißt es, man habe sich im Jahr 2007 gegründet, um Klima- und Energiefakten ideologiefrei darzustellen. In zahlreichen Artikeln stellen Autoren die Erderwärmung infrage – und werfen beispielsweise dem Deutschen Wetterdienst vor, „voll auf den Klimawandelhype ausgerichtet“ zu sein.

Die Reise beginnt in der Schweiz und führt entlang des achten Längengrads Ost gen Süden – bis in die bitterkalte Antarktis. Anschließend folgen die Besucher dem 172 Grad westlicher Länge wieder nach Norden.

Wie begegnet man Menschen, die auf komplexe Fragen vereinfachende Antworten geben? Mit einer geballten Dosis Fakten

Häufig bedienen sich die Leugner des Klimawandels Methoden, die typisch für Populisten sind: Sie geben vereinfachende Antworten auf komplexe Fragestellungen. Genau das macht es laut dem Politologen und Bildungswissenschaftler Klaus-Peter Hufer so schwer, gegen ihre Parolen zu argumentieren [Link zum Interview folgt]. Umso wichtiger ist es, den Vorurteilen der Klimaskeptiker mit Fakten zu begegnen.

Eine solide Grundlage dafür bilden die Berichte des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Dieser sogenannte Weltklimarat ist ein zwischenstaatlicher Ausschuss der Vereinten Nationen. Unter seinem Dach kommen internationale Wissenschaftler regelmäßig zusammen, um gemeinsam den Stand der Klimaforschung zu analysieren und einen umfassenden Überblick über ihre Disziplin zu erarbeiten. Zuletzt erschien 2013 und 2014 in mehreren Schritten ihr fünfter Sachstandsbericht zur Klimawissenschaft. Das Werk ist mehrere Tausend Seiten dick und beleuchtet wissenschaftliche, technische und sozioökonomische Aspekte.

Kernbotschaft des Berichts: Der Klimawandel schreitet voran, und er ist anthropogen verursacht, also menschengemacht.

Auf Sardinien erleben die Besucher die Welt in der Ameisenperspektive: Zwischen meterhohen Grashalmen liegt eine rostige Getränkedose von der Größe eines ganzen Zimmers

Was die Forscher über den Klimawandel wissen:

-          Das Klimasystem erwärmt sich ohne Zweifel. Die Temperaturen der Atmosphäre und der Ozeane haben deutlich zugenommen, die Schnee- und Eismengen sind zurückgegangen, der Meeresspiegel ist gestiegen.

-          Viele der klimatischen Veränderungen seit den 1950er-Jahren sind in den vorangegangenen Jahrzehnten bis Jahrtausenden so nie aufgetreten.

-          Die langsamere Erwärmung der Atmosphäre seit 1998 geht auf kurzfristige und natürliche Klimaschwankungen zurück. Die Klimaforscher waren zunächst von einer Erwärmung um 0,12 Grad Celsius pro Jahrzehnt ausgegangen, tatsächlich gab es nur eine Erwärmung um 0,05 Grad pro Dekade. Dies bedeutet aber kein Ende des Klimawandels.

Die Ursachen des Klimawandels:

-          Dass der menschliche Einfluss die Hauptursache für die beobachtete Erwärmung seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist, gilt laut IPCC als „äußerst wahrscheinlich“. Diese Formulierung verwenden Wissenschaftler bei einer Wahrscheinlichkeit von 95 bis 100 Prozent.

-          Die Freisetzung von Treibhausgasen, insbesondere Kohlendioxid, verursacht die Erwärmung. Die C02-Konzentration in der Atmosphäre war in den zurückliegenden 800.000 Jahren nie höher als heute.

-          Der Ausstoß von Treibhausgasen ist trotz der Klimaschutzbemühungen der vergangenen Jahre enorm gestiegen. Zwischen 2000 und 2010 waren die Emissionen von Treibhausgasen so hoch wie nie zuvor.

Wenn die Emissionsrate unverändert bleibt, gibt die Menschheit schon bis Mitte dieses Jahrhunderts so viel Kohlendioxid in die Atmosphäre ab, dass die international vereinbarte Zwei-Grad-Grenze der Erderhitzung überschritten wird.

Die Wissens- und Erlebniswelt erstreckt sich über rund 18.800 Quadratmeter und zieht jedes Jahr mehr als 450.000 Besucher an.

Die Folgen des Klimawandels:

-          Klimaänderungen haben in den vergangenen Jahrzehnten auf allen Kontinenten und in den Ozeanen weitreichende Folgen für Mensch und Natur mit sich gebracht.

-          Ökosysteme wie die Arktis oder Warmwasserkorallenriffe sind schon heute vom Klimawandel bedroht.

-          In vielen Regionen der Erde haben veränderte Niederschläge oder Schnee- und Eisschmelzen die Qualität und Quantität des verfügbaren Wassers beeinträchtigt.

Die Szenarien des Weltklimarats

Die Wissenschaftler des IPCC haben sich auch damit beschäftigt, welche Risiken und Folgen der Klimawandel in Zukunft mit sich bringen kann. Dafür bezogen sie sich auf vier verschiedene Szenarien, die die Entwicklungen von Treibhausgasen und Aerosolen in der Atmosphäre prognostizieren sollen. Diese Szenarien fallen sehr unterschiedlich aus, je nach der angenommen sozioökonomischen Entwicklung und zukünftigen Maßnahmen in der Klimapolitik.

-          Fest steht: Anhaltende Treibhausgasemissionen werden eine weitere Erwärmung und langfristige Veränderungen in allen Bereichen des Klimasystems bewirken.

-          Schreitet der Klimawandel weiter voran, wird es immer schwieriger, wirksame Gegenmaßnahmen im Klimaschutz zu ergreifen. Gleichzeitig erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für schwerwiegende, tief greifende und irreversible Folgen für Menschen, Arten und Ökosysteme.

 

Einer der schönsten Säle im Klimahaus ist Samoa gewidmet. Die Besucher erleben hier Südseeflair – und werden zugleich daran erinnert, dass der Klimawandel viele Kleinstinseln in den Ozeanen bedroht.

-          Es ist praktisch sicher, dass es mehr Hitzeextreme geben wird, sehr wahrscheinlich werden Hitzewellen häufiger und länger andauern.

-          Während des 21. Jahrhunderts wird der Meeresspiegel je nach Zunahme der Treibhausgaskonzentration um etwa 20 bis 80 Zentimeter zusätzlich steigen. Es gilt als fast sicher, dass sich der Meeresspiegel auch nach 2100 weiter erhöhen wird.

-          Wenn die Treibhausgasemissionen nicht sinken, wird das Eis der Arktis wahrscheinlich schon vor Mitte dieses Jahrhunderts jeweils zum Ende des Sommers geschmolzen sein.

-          Geht die Erwärmung weiter, schmilzt mit großer Sicherheit das Festlandeis in Grönland.

-          In nur einer der Simulationen bekommt die Menschheit den Klimawandel noch in diesem Jahrhundert einigermaßen in den Griff – aber nur mithilfe eines sehr ambitionierten Klimaschutzplans. In dem Szenario geht man davon aus, dass die Erderwärmung bis zum Zeitraum 2081 bis 2100 um ein weiteres Grad Celsius ansteigt. Demzufolge ließe sich die international vereinbarte Zwei-Grad-Grenze noch einhalten.

-          Ein Szenario, das praktisch keinen Klimaschutz und ungebremste Emissionen vorsieht, legt nahe, dass es wahrscheinlich zu einer Erderwärmung von mehr als zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter kommen wird. Es könnten aber auch mehr als fünf Grad sein.

In allen vom IPCC untersuchten Szenarien wird deutlich, dass eine Einhaltung der Zwei-Grad-Grenze nur durch erheblich weniger Treibhausgasemissionen erreicht werden kann. Die jetzigen Pläne werden dafür nicht ausreichend sein.

Volker Kühn
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