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Thema Mensch und Umwelt

02. Jun. 17

Das Vogonen-Problem

Markus Troja vermittelt in Konflikten aller Art. Besonders komplex sind Fälle aus der Energiewende, sagt der Mediator. Die Planer könnten oft geschickter vorgehen, um mehr Akzeptanz zu erreichen

Markus Troja ist Geschäftsführer von TGKS, einem bundesweit tätigen Büro für Mediation und Konfliktmanagement in Oldenburg. Er hat schon in vielen Auseinandersetzungen rund um öffentliche Projekte vermittelt, auch beim Ausbau von erneuerbaren Energien. Im Interview schildert der 49-Jährige, warum solche Konflikte oft hochkochen und wie sie sich entschärfen lassen, er entlarvt die vorgeschobenen Argumente der Streithähne und er erklärt, was einen Mediator von einem Schlichter unterscheidet.

„Wenn die Bevölkerung nicht mitgenommen wird, gefährdet das die Akzeptanz der Energiewende“, sagt der Mediator Markus Troja. Projektplaner sollten betroffene Bürger nicht mit fertigen Konzepten konfrontieren, sondern sie frühzeitig ergebnissoffen in die Planung einbeziehen.

Herr Troja, die Energiewende genießt in Umfragen großen Rückhalt in der Bevölkerung. Warum gehen trotzdem so viele Bürger gegen Windparks auf die Barrikaden?

Markus Troja: Kennen Sie „Per Anhalter durch die Galaxis“?

Klar. Ein Roman über einen Engländer, der durchs All reist, nachdem Außerirdische die Erde zerstört haben. Was hat das mit der Energiewende zu tun?

Troja: In dem Roman sprengen die Vogonen die Erde, weil sie einem geplanten Hyperraum-Express im Weg steht. Natürlich protestieren die Menschen dagegen, aber die Vogonen verweisen darauf, dass die Baupläne jahrelang auf Alpha Centauri auslagen und die Einspruchsfrist abgelaufen ist. Ganz ähnlich fühlt es sich für viele Menschen an, wenn in ihrer Nachbarschaft ein Windpark gebaut werden soll.

… dessen Baupläne ebenfalls lange öffentlich auslagen.

Troja: Richtig. Allerdings nehmen viele davon erst dann Notiz, wenn das Projekt schon weit fortgeschritten ist.

Also müsste ich als mündiger Bürger regelmäßig im Rathaus nachsehen, ob dort etwas ausliegt, das mich betrifft?

„Die Amerikaner nennen das einen „Dead Approach“: Decide, announce, defend“ Markus Troja

Troja: Besser noch wäre, wenn Politik und Verwaltungen bei Themen mit Konfliktpotenzial aktiv auf die Bürger zugingen. Leider passiert das viel zu selten. Statt in einem frühen Stadium ergebnisoffen über Pläne für Projekte wie eine Umgehungsstraße oder einen Windpark zu informieren, werden die Vorhaben durchgeplant und verkündet. Die Amerikaner nennen das einen „Dead Approach“: Decide, announce, defend.

Aber muss ich nicht erst einen konkreten Plan haben, bevor ich darüber diskutieren lassen kann?

Troja: Das ist eine verbreitete Denkweise in den Verwaltungen. Nach dem Motto: Nur wenn ich einen möglichst guten Plan habe, kann ich ihn auch gut verteidigen und am Ende durchsetzen. Allerdings steckt darin eine Menge Konfliktpotenzial. Denn wenn erst zu einem so späten Zeitpunkt ein öffentlicher Diskussionsprozess beginnt, haben die Planer schon so viel Gedankenschmalz, Herzblut und womöglich auch Geld in das Projekt gesteckt, dass sie nicht einfach davon abweichen und Alternativen in Betracht ziehen werden. Und die betroffenen Bürger fühlen sich überfahren. Sie bekommen das Gefühl, dass sie nur abnicken sollen, was bereits feststeht.

Ein Vorwurf, den man in Zusammenhang mit der Energiewende zuletzt öfter hört.

Troja: Zum Teil ist da auch etwas dran. Die Projektplaner haben sich in der Vergangenheit zu oft darauf verlassen, dass sie ihre Vorhaben auf juristischem Weg ohnehin durchsetzen würden. Wenn aber die Bevölkerung nicht mitgenommen wird, gefährdet das mittelfristig die Akzeptanz der Energiewende.

Trojas Büro TGKS in Oldenburg arbeitet in verschiedensten Konflikten, sei es in Unternehmen, in der Familie oder in Politik und Verwaltung. Streitigkeiten um erneuerbare Energien seien besonders komplex – weil sie so viele unterschiedliche Gruppen von Beteiligten betreffen.

Wie ließe sich der Prozess besser gestalten?

Troja: Indem Politik und Verwaltungen externe Moderatoren und Konfliktberater einschalten. Ich bin überzeugt davon, dass die Projekte auf diese Weise auf mehr Rückhalt stoßen. In den Verwaltungen gibt es eine große Fachkompetenz, was Planung und Genehmigung von Bauvorhaben angeht. Eine Kompetenz in professionellem Konfliktmanagement und der Gestaltung von Dialogprozessen gibt es dagegen nicht und das ist auch nicht die Rolle der Verwaltung. Vorhabenträger und Verwaltungen haben zudem ein Glaubwürdigkeitsproblem – man nimmt ihnen nicht so einfach ab, offen über etwas diskutieren zu lassen, was sie vorher selbst für gut befunden haben. Sie befinden sich in einem Rollenkonflikt.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie als Mediator in Auseinandersetzungen um Energiewendeprojekte hinzugezogen werden?

Troja: Zuerst führen wir eine ganze Reihe von Vorgesprächen. Es ist wichtig, alle entscheidenden Gruppierungen zu identifizieren. Das sind nicht immer nur die Hauptkontrahenten, die sich klar für oder gegen ein Projekt ausgesprochen haben. Daneben gibt es oft viele weiter Betroffene, die noch unentschieden sind oder gemäßigtere Positionen als die beiden Extreme vertreten. Es ist wichtig, all diese Gruppen an einen Tisch zu bringen.

Und dann?

„Windgegner entdecken ihr Herz für eine Art, die sie vorher gar nicht kannten“ Markus Troja

Troja: … beginnt die Hauptphase der Mediation. Dabei werden zuerst die Grundregeln festgelegt. Wie wird diskutiert? In welchen Konstellationen und in welchem Turnus setzt man sich zusammen? Außerdem sorgen wir für etwas, das wir Informationsausgleich und Interessenklärung nennen: Die Beteiligten sollen ihre genaue Motivation erklären. In einem Streit um Windparks zum Beispiel schildern die Gegner, warum genau sie ein Windrad an einer bestimmten Stelle ablehnen. Manchmal treten dabei Beweggründe zutage, die anfangs nicht sichtbar waren, aber für eine spätere Lösungssuche wichtig sein können.

Sind die Streitparteien dabei aus Ihrer Sicht immer ehrlich?

Troja: Nein, es gibt auch vorgeschobene Argumente. Da entdecken Windkraftgegner plötzlich ihr Herz für eine gefährdete Art, die sie vorher vermutlich gar nicht kannten. Oder Befürworter argumentieren leidenschaftlich mit dem Klimaschutz, erzählen aber in der Pause von ihren nächsten Fernreisen, bei denen der CO2-Ausstoß offensichtlich keine Rolle spielt. In der Regel kann in diesen Runden aber ein gewisses Vertrauen geschaffen werden – das Gefühl, nicht belogen zu werden. Wer die tieferliegenden Beweggründe dafür erkennt, warum die Gegenseite für bestimmte Positionen eintritt, ist eher zur Kooperation bereit.

Und dann beginnt die Lösungssuche?

„Im Idealfall verhindert die Mediation, dass Interessengegensätze zu echten Feindschaften werden“, sagt Markus Troja. Voraussetzung dafür ist allerdings ein gewisses Maß an Kompromissbereitschaft auf allen Seiten.

Troja: Ja. Es geht darum, möglichst viele Handlungsoptionen aufzuzeigen und Kompromisse auszuloten. Nicht immer kommt dabei eine Win-Win-Lösung heraus, dazu sind die Interessenlagen gerade bei Konflikten rund um die Energiewende zu vielschichtig. Manchmal gibt es auch trotz eines Mediationsergebnisses von einer Seite eine juristische Klage – dann aber zumindest auf einem anderen Niveau der inhaltlichen Auseinandersetzung. Es ist dann klar, dass sich die Klage nicht persönlich gegen die andere Partei richtet, sondern dass in der Sache gestritten wird. Im Idealfall verhindert die Mediation, dass Interessengegensätze zu echten Feindschaften werden.

Wenn sich die Konfliktparteien nicht einigen – treffen Sie dann die Entscheidung?

Troja: Nein, das ist nicht meine Aufgabe als Mediator. Ich bin ja kein Schlichter, der am Ende einen Schiedsspruch trifft. Mein Job ist es, die Parteien in die Lage zu versetzen, einen Ausgleich untereinander zu finden.

Was können die Gründe dafür sein, dass eine Mediation scheitert?

Troja: Vor allem mangelnde Kompromissbereitschaft – was auch immer im Einzelnen die Ursachen dafür sind. Um noch einmal mit einem Roman zu kommen: Kennen Sie „Unterleuten“ von Juli Zeh? Darin geht es um Pläne für einen Windpark, die eine Dorfgemeinschaft in Brandenburg spalten. Es gibt eine ganze Reihe von Konflikten an der Oberfläche, Natur- und Landschaftsschutz zum Beispiel. Aber im Verlauf der Geschichte kommt heraus, dass die Windräder nur das neuste Schlachtfeld eines Konflikts der Hauptfiguren sind, der viele Jahrzehnte zurückreicht. Auch so etwas gibt es in der Realität: dass Beweggründe den Prozess dominieren, die mit dem eigentlichen Streitfall überhaupt nichts zu tun haben.

Die Fragen stellte Volker Kühn.

Volker Kühn
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