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Thema Mensch und Umwelt

23. Mär. 18

Vertrautes Gesicht: Schon 1994 erklärt Gunther Tiersch den ZDF-Zuschauern, mit welchem Wetter sie am kommenden Tag zu rechnen haben. Die Meteorologie hat seitdem rasante Fortschritte gemacht – aber auch die Präsentation des Wetters im Fernsehen hat sich gewaltig verändert.

Wie wird der Sommer 2018, Herr Tiersch?

Er ist einer der bekanntesten Meteorologen des Landes: Gunther Tiersch bringt den ZDF-Zuschauern seit 1994 das Wetter ins Wohnzimmer. Energie-Winde hat ihn gefragt, wie sich Klima und Wetter in unseren Breiten verändern

Herr Tiersch, weit verbreitet ist die Ansicht, dass der letzte Sommer gar kein richtiger Sommer war. Teilen Sie diese Meinung?
Gunther Tiersch: Da würde ich schon differenzieren. Ich ganz persönlich habe den letzten Sommer hier in der Mainzer Gegend zum Beispiel als recht angenehm empfunden. Normalerweise fällt hier sehr wenig Niederschlag über den Sommer. Letztes Jahr gab es im Sommer aber immer wieder innerhalb eines Tages teils kräftigen Regen, manchmal bis zu 50 Liter pro Quadratmeter. Das hat dazu geführt, dass es sehr schön grün war.

Vertrautes Gesicht: Schon 1994 erklärt Gunther Tiersch den ZDF-Zuschauern, mit welchem Wetter sie am kommenden Tag zu rechnen haben. Die Meteorologie hat seitdem rasante Fortschritte gemacht – aber auch die Präsentation des Wetters im Fernsehen hat sich gewaltig verändert.

Der Sommer war aber allgemein – sagen wir mal – sehr unterschiedlich. In Norddeutschland war er nicht so bemerkenswert, es war eher kühl und nass. Ganz anders in Süddeutschland, wo es eher warm war, teilweise aber auch durchsetzt mit nassen Perioden. Für ganz Deutschland lässt sich pauschal also nicht sagen, dass es kein richtiger Sommer war. Die Sommer in Deutschland waren schon immer sehr abwechslungsreich, zumindest wenn wir uns die letzten 50 Jahre anschauen. Der Norden hatte 2017 einfach Pech, die Verteilung der unterschiedlichen Wetterlagen hat sich ungleich auf Deutschland verteilt.

Haben extreme Wetterlagen wie Hitze, starke Niederschläge oder Stürme tatsächlich zugenommen? Oder wird in den Medien nur mehr darüber berichtet, wodurch dann auch das Bild des schlechten Sommers entsteht?
Tiersch: Ich bin sogar der Meinung, dass eigentlich noch viel mehr Wetter in den Nachrichten kommen müsste. Denn Wetter ist in vielen Ausprägungen bedrohlich, jedes Gewitter kann gefährlich sein. Die Medien berichten aber, um es überspitzt zu sagen, immer nur dann von Wetterextremen, wenn etwas wirklich Schlimmes passiert ist, es zum Beispiel Tote gab.

Gefragter Experte: In der Talkshow seines ZDF-Kollegen Markus Lanz erläutert Gunther Tiersch 2016, warum es in Deutschland immer häufiger zu Unwettern kommt. Das Schmelzen der Polkappen verändert die globalen Luftströmungen – auch hierzulande, sagt der Meteorologe.

Extreme Wetterlagen haben aber tatsächlich zugenommen, was jedoch nicht bedeutet, dass wir jetzt ständig Hitze oder starke Niederschläge haben. Aber wenn wir extremes Wetter haben, dann sind die Spitzen dieser extremen Auswirkungen noch ein bisschen extremer als früher. Wenn wir also Hitzewellen haben, dann sind die teilweise noch ein bisschen heißer als noch vor 20, 30 Jahren. Und wenn wir Starkregenereignisse haben, dann gibt es teilweise über einige Tage hinweg sehr viel Regen oder auch innerhalb eines einzigen Tages Rekordregenmengen wie zum Beispiel letztes Jahr in Berlin. Wetterextreme wie Hitze oder Starkregen werden wohl auch zukünftig immer häufiger auftreten.

Woran liegt das?
Tiersch: Das hängt auch damit zusammen, dass sich mit den Klimaveränderungen der letzten 30 Jahre ganze Zirkulations-, also Luftströmungen geändert haben. Normalerweise haben wir in Deutschland im Sommer überwiegend Westwinde, die abwechslungsreiches Wetter mit sich bringen. Aber durch das Abtauen des arktischen Eises verändert sich plötzlich diese Westwindzone: die Temperaturgegensätze zwischen unseren und den arktischen Breiten werden geringer und dadurch schwächt auch die Westwindzone ab. Wir haben jetzt immer häufiger Süd- und Südwest- oder Nord- und Nordwest-Strömungen. Alles, was von Norden kommt, ist meist kälter, alles aus dem Süden eher wärmer.

Seine erste Karriere: Bevor Gunther Tiersch Meteorologe wird, ist er als Steuermann des Deutschland-Achters ein erfolgreicher Ruderer. Bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko holt sein Team Gold. Vier Jahre später trägt er bei der Eröffnungsfeier der Spiele in München die Olympische Fahne ins Stadion (Dritter von links).

Und die Südwest-Strömungen bringen wärmere, aber auch feuchtere Luft nach Deutschland. So kommt es dann vor allem auch zu gehäuften Starkregenereignissen und zu Hitzewellen.

Ist das auch der Grund dafür, dass man im Norden eher das Gefühl hatte, es war ein kalter Sommer, im Süden hingegen ein sehr warmer und nasser?
Tiersch: Das kann damit zusammenhängen und die Luftströmungen haben sicherlich etwas damit zu tun. Diese Trennung im letzten Sommer war aber eher ein besonderes Phänomen. Normalerweise ist es so, dass diese Wetterlagen dann in ganz Deutschland so auftreten. Im letzten Jahr hatten wir zwar eine typische Westwindlage mit einem Azorenhoch, das sich auf Mitteleuropa auswirkt.

Die Westwindlage breitete sich aber vor allem bis nach Norddeutschland aus. Dort zogen immer wieder Tiefdruckgebiete durch, die den Regen und das etwas kühlere Wetter mitgebracht haben. Der Süden profitierte unterdessen vom Hochdruckgebiet aus der Mittelmeerregion. Dort wird der Klimawandel zwangsläufig dazu führen, dass es noch trockener wird als es jetzt schon ist. Mit der Folge, dass es auch in Mitteleuropa insgesamt trockener wird. Im Norden werden die Dürreperioden nicht so heftig werden.

Auch wenn sich 2017 ein anderer Eindruck aufgedrängt hat: „Tendenziell wird der Sommer in Deutschland immer trockener“, sagt Gunther Tiersch. Gleichzeitig können Extremwetterereignisse mit Starkregen und Gewitter häufiger auftreten.

Worauf müssen wir uns hierzulande in Zukunft also einstellen?
Tiersch: Zusammengefasst wird sich die Variabilität der Wettererscheinungen in Deutschland vergrößern. Besonders der Wechsel zwischen den verschiedenen Wetterlagen wird viel schneller von statten gehen. Das heißt, von einer warmen, nassen Südwestströmung geraten wir plötzlich in eine etwas kühlere Nordwestströmung, die ganz anderes Wetter mit sich bringt. Damit kommen dann auch die extremen Wetterlagen, also stärkere Gewitter mit teilweise heftigen Niederschlägen und starken Stürmen, aber auch mehr Hitzewellen.

Tendenziell wird der Sommer in Deutschland aber immer trockener und wärmer, natürlich nicht gleichmäßig in jedem Jahr. Es wird auch immer mal wieder ein kühler oder feuchter Sommer dazwischen sein. Im Winter hingegen werden die Niederschläge eher etwas zunehmen. Das haben wir jetzt im Dezember und Januar schon erlebt: So grau, trüb und nass war bisher kaum ein Winter.

Was heißt das für den Sommer 2018 in Deutschland: Badehose oder Regenschirm?
Tiersch: Verbindlich kann ich natürlich keine Vorhersage treffen, ich habe aber eine Vermutung: Es wird wieder ein wärmerer Sommer als letztes Jahr. Zwar kein Rekordsommer – das geben die jetzigen Bedingungen im Winter und die Veränderungen in anderen Teilen der Erde nicht her – aber sicherlich ein relativ warmer Sommer, der sich in die letzten 15 bis 20 Jahre einreihen wird. Das glaube ich schon. Ich glaube aber nicht, dass er extrem viel Regen bringen wird. Eher, dass wir auch mal ein, zwei Hitzewellen haben werden, entsprechend der allgemeinen Tendenz zu wärmerem und trockenerem Wetter. Heißt also: Eher die Badehose einpacken.

Die Frage stellte Mareike Redder.

Volker Kühn
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