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05. Apr. 17

Arbeitsplatz mit Perspektive: Die Aussicht von der Gondel eines Windrads macht den Job für Azubi Tjark Thade zu einem der schönsten der Welt.

Von null auf hundert in fünf Minuten

Ob Servicetechniker oder Mechatroniker: Jobs in der Windkraft sind für Berufseinsteiger attraktiv. Aber wie fühlt sich die Arbeit oben auf dem Turm an? Energie-Wende ist mit einem Azubi hinaufgeklettert.

Von Katharina Wolf

Tjark Thodes persönliche Bestleistung über 100 Meter liegt bei fünf Minuten. Langsam? Nein, denn es geht hier nicht um ein Rennen auf der Tartanbahn, sondern um 100 Meter an der Sprossenleiter auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz. Der 21-Jährige lernt Mechatroniker ADF SD, Fachrichtung Windenergie, bei der Deutschen Windtechnik. Ein Unternehmen, das Service und Wartung für die großen Maschinen übernimmt. Und da muss er hoch hinaus auf die Gondel einer Windenergieanlage, egal, ob sie nun auf 80, 100 oder sogar auf 150 Meter Höhe liegt.

„Manchmal gibt es einen Fahrstuhl“, sagt Thode, aber heute muss geklettert werden. Zwar ist in der zehn Jahre alten Windturbine, in der er mit seinem Kollegen Kamil Minich eine Routinewartung vornimmt, sogar ein Fahrstuhl eingebaut, aber der ist außer Betrieb. Also ist Arm- oder besser gesagt Beinschmalz gefragt: Sicher an der Leiter angegurtet, den Helm auf den Kopf, stemmt sich Thode mit dem Rücken gegen die Innenwand des Turms und beginnt den Aufstieg.

Vor dem Aufstieg kommt die Basisausbildung: Tjark Thode im Schulungszentrum der Deutschen Windtechnik in Viöl bei Husum.

Wer als Servicetechniker in die Windkraft will, sollte flexibel sein. Nur selten gleicht ein Arbeitstag dem anderen

Sein Tag hat allerdings schon früher begonnen. Um sieben Uhr haben er und Minich begonnen, den Auftrag vorzubereiten. Was ist zu tun, welches Werkzeug, welches Material müssen sie mitnehmen zum Windpark Bönen bei Unna? Eigentlich ist das nicht Thodes Beritt, er ist in Paderborn stationiert. Aber da ein Kollege krank ist und ein anderer Urlaub hat, ist er heute mit Minich unterwegs – Servicetechniker müssen flexibel sein.

Im Windpark angekommen, müssen sich die beiden beim Betreiber und der Hotline der Deutschen Windtechnik anmelden, damit klar ist, welche Turbine gleich vom Netz geht. Im Fuß des Turms ist die Anlagensteuerung untergebracht, im Menü schaltet Minich auf „Wartung“. Nun können die beiden oben sicher arbeiten, und Minich macht sich als erster an den Aufstieg, um den Kran für die in großen Taschen aus Lkw-Plane verstauten Werkzeuge und Materialien herabzulassen. Über das Funkgerät hält er Kontakt mit Thode.

„Die Arbeit macht viel Spaß, weil sie so abwechslungsreich ist“, berichtet Thode, der wie alle Mechatronik Azubis der Deutschen Windtechnik sein erstes Ausbildungsjahr in Viöl bei Husum im Schulungszentrum verbracht hat. Er ist eher zufällig auf die Ausbildungsmöglichkeit gestoßen: „Ich war schon immer an Technik interessiert“, erzählt der 21-Jährige, der nach der dem Realschulabschluss zunächst für anderthalb Jahre bei der Bundeswehr war. Auf einer Jobmesse hörte er dann vom Beruf des Servicetechnikers und war sich sofort sicher: „Das ist etwas für mich.“

„Wir versuchen, jeden Weg zu gehen, um an geeignete Azubis zu kommen“ Michael Glintenkamp, Recruiter

Die Beschäftigtenzahl in der Windkraft wächst: Eine gute Ausgangslage für angehende Mechatroniker

„Die Ausbildung dauert dreieinhalb Jahre. Die Auszubildenden lernen den Beruf des Mechatronikers, die Qualifikationen speziell für die Windenergie kommen noch oben drauf“, erklärt Michael Glintenkamp, zuständig für das Recruitment bei der Deutschen Windtechnik und deshalb auf vielen Jobmessen unterwegs. „Wir versuchen, jeden Weg zu gehen, um an geeignete Azubis zu kommen“, erklärt Glintenkamp.

Denn: Fachkräfte sind gefragt. Zwar sinken die Beschäftigungszahlen im Bereich der Erneuerbaren insgesamt, doch die Windkraft bildet eine Ausnahme. Die jungen Leute müssen einiges mitbringen: handwerkliches Geschick, technisches Verständnis, eine schnelle Auffassungsgabe, Höhentauglichkeit. Aber auch die sogenannten Softskills sind wichtig – vor allem Flexibilität, denn Servicetechniker sind viel unterwegs und nicht jeden Abend zuhause. Und weil die Techniker sich zu 100 Prozent aufeinander verlassen müssen, kommt es auch auf Teamfähigkeit und Zuverlässigkeit an.

Das gilt insbesondere für den Bereich Offshore, wo neben den technischen Fertigkeiten auch eine gewisse Widerstandsfähigkeit gegen Seekrankheit gefragt ist. Hier herrscht größerer Fachkräftemangel als an Land, denn der Ausbau der Offshore-Windenergie hat in den letzten Jahren an Fahrt aufgenommen und es braucht Fachkräfte, die sich um Service und Wartung kümmern. Beim Energieversorger und Offshore-Windpark-Betreiber EnBW werden deshalb Elektroniker für Betriebstechnik ausgebildet, die den Schwerpunkt der Praxisphasen im Windpark Baltic II verbringen. Noch sind die jungen Männer – Frauen gibt es noch keine – an Land in der Lehrwerkstatt in Rostock, um die Grundlagen des Berufs zu lernen.

Aber auch die EnBW lässt sich noch mehr als Weiterbildung einfallen, um an geeignete Fachkräfte zu kommen: „Wir haben drei Auszubildende aus Baden-Württemberg für 14 Tage im Praktikum in den Windpark Baltic II geschickt“, berichtet der Ausbildungsleiter Bernd Jedamzik. Ihr Projekt: Nicht nur mitarbeiten, sondern Fotos machen und Videos drehen, um den Kollegen ein anschauliches Bild von der Arbeit auf See zu vermitteln.

Sicher nach oben: Tjark Thode befestigt Säcke mit Werkzeug und Material an der Kette des Krans.

Draußen trommelt der Hagel auf das Gondeldach. Im Inneren sind die Azubis konzentriert bei der Arbeit

Einmal in einem Offshore-Windpark zu arbeiten, könnte sich auch Thode Thode vorstellen. Doch noch hat er festen Boden unter den Füßen. Sein Kollege Minich ist inzwischen oben angekommen und lässt den Kran herunter. Thode Thode befestigt die vier Säcke aus Lkw-Plane, den Werkzeugkoffer und einen Eimer sorgsam an der Kette und gibt per Funk durch, dass Minich den Kran wieder einholen kann. Nun selbst nach oben. „Gutes Kardio-Training“, sagt er und lacht.

Oben angekommen ist die Höhe kaum spürbar an einem windstillen Tag wie diesem. Warm ist es durch die Abwärme des Generators, der Trafo brummt. Und die Hydraulik des Azimutantriebs, der dafür sorgt, dass die Gondel in der richtigen Position gehalten wird, gibt regelmäßig ein dunkles Dröhnen von sich, fast wie ein Nebelhorn. Doch bevor Thode das Relais der Hydraulik austauscht, ist noch Zeit für einen kurzen Blick nach draußen durch eine Luke im Gondeldach. „Bei Sonne ist das der schönste Arbeitsplatz der Welt“, schwärmt Thode, der die Höhe liebt. „Nachdem ich das erste Mal oben war, wollte ich immer wieder hoch.“

Doch jetzt ist Arbeit angesagt. Minich hat bereits den Schaltschrank ausgeschaltet. Der Azubi kann das Relais austauschen. Minich erklärt die Abfolge – „erst den Schütz, dann das Relais“ – und geht weiter nach hinten, um die Backup-Batterie der Befeuerung auszuwechseln. Nachts müssen Windenergieanlagen rot leuchten, damit kein Flugzeug oder Hubschrauber sie übersehen kann. Konzentriert arbeiten die Männer, während draußen ein Hagelschauer laut auf das Dach der Gondel trommelt. „Hier oben ist vor allem die Elektronik wichtig“, sagt Minich, der selbst vor acht Jahren als Elektriker und Quereinsteiger aus Polen in die Windbranche fand.

Arbeitsplatz mit Perspektive: Die Aussicht von der Gondel eines Windrads macht den Job für Azubi Tjark Thade zu einem der schönsten der Welt.

Die Energiewende schafft viele neue Berufsfelder. Doch das hat sich noch nicht bis zu allen potenziellen Azubis herumgesprochen

„Quereinsteiger wird es aber in Zukunft immer weniger geben“, sagt Krischan Ostenrath vom Wissenschaftsladen Bonn, der sich in den unterschiedlichsten Studien mit der Arbeitsmarktsituation im Bereich erneuerbare Energien beschäftigt hat. Die Ansprüche an die Qualifikation der Beschäftigten seien zu hoch. „Die Berufe sind unter Jugendlichen aber kaum bekannt“, klagt er. Das kann Thode bestätigen: „Wenn ich jemandem sage, was ich beruflich mache, haben die wenigsten eine Vorstellung davon, was das ist.“

Da aber viele junge Leute der Energiewende positiv gegenüberstehen und ihnen bei der Berufswahl das Thema Nachhaltigkeit wichtig ist, hat der Wissenschaftsladen Bonn ein Informationsportal gestartet, das über die unterschiedlichsten Berufe in der Energiewende informiert – vom Planer über Techniker bis zum Sanitärfachmann sind Informationen und Videos auf www.energiewende-schaffen.de zu finden. „Dass handwerkliche Berufe wie Anlagenmechaniker auch etwas mit der Energiewende zu tun haben können, wissen die jungen Leute nicht.“ Dabei ist das Image der Branche für Jugendliche attraktiv. „Zukunftsfähigkeit ist ihnen wichtig“, betont Ostenrath.

„Ich will einen Teil zum Atomausstieg beitragen“ Tjark Thode, Azubi

Auszubildende müssen technisches Geschick und elektronisches Fachwissen mitbringen. Aber auch Saubermachen gehört zum Job

Auch Thode hat das Image der Windenergie angesprochen. „Ich wollte einen Teil zum Atomausstieg beitragen“, sagt er und hat mittlerweile Relais und Schütz wieder eingebaut. Minich überprüft, ob alles richtig ist, dann geht es weiter. Zwei Tage werden sie an der Windenergieanlage zu tun haben, die erst vor einer Woche zehn Jahre alt geworden ist und laut Anlagenbuch fast 34 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugt hat. Neben den Prüfungen der Elektronik, von Ölständen und Backup-Systemen heißt das auch: saubermachen. „Wenn irgendwo ein Ölfleck ist, kann das gefährlich werden“, sagt Minich.

Am Nachmittag ist Feierabend. Thode und Minich räumen das Werkzeug zusammen, alles muss wieder nach unten. „Natürlich könnte man auch etwas oben lassen“, erklärt Thode. „Aber wenn dann ein Störfall an einer anderen Anlage auftritt, kann man nicht erst hierher fahren und das Werkzeug holen.“ Das dauert zu lange, selbst wenn man den Aufstieg in fünf Minuten schafft.

Volker Kühn
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