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Thema Mensch und Umwelt

11. Jul. 17

Hitzewellen hat es in Deutschland immer schon gegeben – doch in Zeiten des Klimawandels kommen sie häufiger und heftiger. Die Tage, an denen sich Besucher an den Stränden drängen wie hier am Wannsee, nehmen zu.

Hurra, wir leben noch!

August 2066: Der Klimawandel hat Deutschland dramatisch verändert. In einer dreiteiligen Kurzgeschichte reist Energie-Winde in ein Land, das gelernt hat, mit der Erderwärmung zu leben

Das Weinbaugebiet Saale-Unstrut könnte zu einem Gewinner des Klimawandels werden. Steigende Temperaturen und mehr Sonnenschein verbessern die Qualität des Weins.

Von Sebastian Kretz

DASS ES EIN FEHLER gewesen sein könnte, von zu Hause wegzulaufen, dieser Gedanke kam Hannelore erst, als der Lastwagen, auf dessen Beifahrersitz sie saß, ins Schlingern geriet. Keine Sekunde später hatte der Fahrer jede Kontrolle verloren; das tonnenschwere Gespann raste auf die Leitplanke zu.

Gut zehn Stunden vorher war Hannelores Wunsch, Höhnstedt hinter sich zu lassen, noch schwammig gewesen. Ihr Heimatdorf war bundesweit bekannt als der Ort, der vom Klimawandel profitiert: als Musterbeispiel deutschen Anpassungsvermögens. Für ein 15 Jahre altes Mädchen aber, das von der Großstadt träumte, war kein öderer Ort denkbar.

Ihr Vater wünschte sich mehr Dankbarkeit. Seine Tochter hätte sich glücklich schätzen sollen, dass ihr Großvater es gewagt hatte, westlich von Halle Cabernet Sauvignon zu pflanzen, als Feinschmecker noch die Nase über Wein aus Sachsen-Anhalt rümpften. Inzwischen gewann der Noack’sche Grand Cru sogar Preise.

Sie könnte sich auch glücklich schätzen, dass sie in Deutschland lebte und nicht anderswo auf der Welt, wo Wüsten Städte auffraßen und Küsten im Meer versanken.

Aber darüber zuckte die 15-Jährige nur mit den Schultern. Sie wollte nur weg von dem einschnürenden Gemeinschaftsgefühl der Höhnstedter, ihren Arbeitseinsätzen und den Insektizidkanonen. Zufall hingegen war, dass ihr Verschwinden auf den 8. August 2066 fiel, den bisher heißesten Tag des Jahres und den 32. ohne Regen.

Noch sind viele Skigebiete in den Alpen schneesicher. Dass wie auf diesem Bild Bagger Kunstschnee heranschaffen müssen, kommt allerdings auch in großen Höhenlagen immer öfter vor.

Dank des dürrefesten Cabernet Sauvignon floriert das Weingut an der Saale. Doch Hannelore sehnt sich nach Großstadtleben

FINN NOACK ERZOG seine Tochter allein, so wie er auch das Weingut allein führte, seit kurz vor Hannelores erstem Geburtstag ihre Mutter und ihr Großvater bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Noack senior hatte das Weingut in hervorragendem Zustand hinterlassen. Als manchem Winzer im Westen nach den ersten verheerenden Dürren – damals begann man, von der „Neuen Zeit“ zu sprechen – der Riesling wegstarb, hatte der Alte auf Cabernet Sauvignon umgestellt. * 1

Deshalb konnten die Noacks ohne einen Blick auf den Kontostand ein Dutzend Freunde in eines der wenigen verbliebenen Wintersportgebiete der Alpen einladen und ihnen sogar die Skipässe spendieren. * 2

Deshalb aber war Finn Noack auch zu beschäftigt, um die Großstadtträume seiner Tochter überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Er war froh, wenn sie mit Ursula oder Renate, oder wer auch immer gerade ihre besten Freundinnen waren, jene altertümlichen 2-D-Filme schaute, die sie neuerdings so liebte.

Die Landwirtschaft passt sich seit jeher an das Klima an, sei es durch Bewässerungsanlagen wie hier in Niedersachsen, sei es durch den Anbau anderer Pflanzensorten.

Als die Flüsse nicht mehr verlässlich Wasser führen, werden die letzten Kraftwerke abgeschaltet: Sie lassen sich nicht mehr kühlen

HANNELORE WUSSTE NICHT genau, was sie suchte, nur, was sie nicht wollte: im effizient organisierten Höhnstedt leben, in einer Gemeinschaft, die jederzeit Aufopferung verlangte.

Ihren Lebensstil hatten die Dorfbewohner einer Kombination aus konsequenter Bürgerbeteiligung und dem beherzten Einsatz von Zukunftstechnologien zu verdanken. In den frühen Zwanzigerjahren hatten die Höhnstedter überraschend für einen Austritt aus der Einheitsgemeinde Salzatal gestimmt.

Dann überzeugte der Bürgermeister den Ort in einem mühsamen Runder-Tisch-Verfahren, dem Bau einer Stromtrasse durch den Ort zuzustimmen. Später beschlossen die Höhnstedter, überall Solarzellen zu montieren, gemeinsam in Windkraft und Biogas zu investieren. Die Medien sprachen vom „Höhnstedter Modell“.

Als in den Dreißigerjahren die Pegelstände der Flüsse so unberechenbar wurden, dass sich die letzten Kraftwerke nicht mehr kühlen ließen und abgeschaltet werden mussten, speiste Höhnstedt bereits sechsmal mehr Energie ins Netz ein, als der Ort verbrauchte. * 3

Die Mitglieder der örtlichen Agrargenossenschaft handelten mit den Herstellern von Saatgut und landwirtschaftlichen Maschinen ein Fördermodell aus, das ihnen half, sich an die Neue Zeit anzupassen. Nach einigen Jahren pflanzten sie auf ihren Feldern Hartweizen, Soja, Hirse und andere hitzebeständige Sorten, schafften moderne Bewässerungsanlagen an und entwickelten eine Ernteausfallversicherung, die sie vor den Folgen der immer häufigeren Dürren schützte. * 4

Hitzewellen hat es in Deutschland immer schon gegeben – doch in Zeiten des Klimawandels kommen sie häufiger und heftiger. Die Tage, an denen sich Besucher an den Stränden drängen wie hier am Wannsee, nehmen zu.

Von der klimagerechten neuen Welt fühlt sich Hannelore eingezwängt. Ihr Vater hat dafür kein Verständnis

VOR EINIGEN MONATEN hatte Hannelore sich den Neomillennikern angeschlossen, einer Strömung von Eskapisten, in deren 2050 veröffentlichtem Manifest die Effizienz der Neuen Zeit als „einengend und ästhetisch unzumutbar“ abgelehnt wurde. Die Neomillenniker tauschten übrig gebliebene Euromünzen, trafen sich zu Ausfahrten in Autos mit Verbrennungsmotoren und ließen sich von den hohen Bußgeldern nicht abhalten, in der Öffentlichkeit Zigaretten zu rauchen.

Radikale Neomillenniker lehnten es sogar ab, Ostsee-Sardellen zu essen. Sie bestellten stattdessen bei norwegischen Feinkosthändlern Kabeljau, der, seit ihn die steigenden Wassertemperaturen ins kältere Nordmeer trieben, beinahe unbezahlbar geworden war. * 5

Als Hannelore eines Abends ihrem Vater entgegenschleuderte, sie würde jederzeit die Windmühlenparks gegen Landschaften voll qualmender Schornsteine eintauschen, verlor dieser die Beherrschung: Ob sie vielleicht wolle, dass die Erde sich um weitere zwei Grad aufheize; wegen Leuten wie ihr sei die ganze Anpassung überhaupt erst nötig geworden!

Irgendwann ist es so weit: Hannelore erträgt es im mustergültigen Höhnstedt nicht mehr und nimmt Reißaus. Ihr Ziel: das wilde Berlin! Was sie auf ihrer Reise durch das vom Klimawandel geprägte Land erlebt, lesen Sie im zweiten Teil unserer Kurzgeschichte „Hurra, wir leben noch!“

 

Anmerkungen

* 1 Schon heute gedeihen schwere rote Rebsorten wie Cabernet Sauvignon oder Merlot auf deutschen Weinhängen, sie machen aber nur einen geringen Anteil des Weinbaus aus. Nimmt in den kommenden Jahrzehnten die Zahl an Hitzetagen und tropischen Nächten weiter zu, könnten insbesondere sonnige Südlagen zu warm für hitzeempfindliche Sorten wie den Riesling werden, prognostiziert das Deutsche Weininstitut, ein Vermarktungsbüro der deutschen Weinwirtschaft. Schon jetzt profitieren außerdem die nördlichsten deutschen Gebiete wie etwa die Mansfelder Seen bei Höhnstedt – ihr Wein dürfte künftig besser werden.

* 2 Wissenschaftler des Schweizer Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) optimieren das „Snow Farming“: Sie tragen große Schneemengen zusammen und bedecken sie etwa mit Sägemehl und einer reflektierenden weißen Folie. Bei guten Bedingungen „übersommern“ auf diese Weise vier Fünftel des geschützten Schnees. Fabian Wolfsperger vom SLF rechnet damit, dass nach 2050 zwar in Lagen über 2000 Meter noch Schnee fallen wird und etwa Skisprungturniere auf Naturschnee möglich bleiben werden. Die Zeit des Wintersports als – einigermaßen erschwingliches – Massenphänomen werde aber wohl bald vorübergehen.

* 3 Bereits Mitte der 1990er Jahre begannen die Einwohner Wildpoldrieds im Allgäu, die Stromversorgung ihres Dorfs auf erneuerbare Energien umzustellen, so wie die Höhnstedter in unserem fiktiven Beispiel. Dabei wurden sie vom Wirtschaftsministerium, von Hochschulen und Unternehmen unterstützt, die den groß angelegten Versuch nutzen, um Modelle einer autarken, dezentralen Energieversorgung zu erforschen.

* 4 Falls es gelingt, den CO2-Ausstoß spürbar zu verringern, wird die Erdtemperatur bis 2040 im Schnitt um zwei Grad Celsius steigen. Für die deutsche Landwirtschaft könnte das bedeuten, dass Sorten, die an ein kühles, feuchtes Klima angepasst sind (etwa Roggen, Winterweizen), weniger gut gedeihen. Dafür dürften künftig Pflanzen, die bisher nur weiter südlich angebaut wurden, auch in Deutschland zu voller Reife gelangen. Auf längere Trockenperioden ist die Landwirtschaft heute vielerorts nicht vorbereitet. Landwirte sollten künftig ihre Felder stärker beregnen und entsprechende Anlagen installieren, auch wenn es teuer ist. Denkbar wäre auch, dass Staat und Versicherungen gemeinsam mit den Landwirtschaftsverbänden Policen entwickeln, um Ernteausfälle, etwa durch Schädlingsbefall, zu mildern.

* 5 Schon heute erwärmt sich das Wasser der Nordsee immer früher im Jahr. Um zu laichen, braucht der Kabeljau jedoch niedrige Temperaturen von vier bis sechs Grad Celsius, dann schlüpfen die Larven zwei bis vier Wochen später. Falls dies wegen der Erwärmung zu früh im Jahr erfolgt, finden sie nicht genug Nahrung und verhungern. Fische aus wärmeren Meeren, etwa die Streifenbarbe, werden bald in der Nordsee überwintern können. Südlich von Helgoland werden regelmäßig laichende Sardellen beobachtet. In den Niederlanden gibt es bereits Fischer, die gezielt Kalmare fischen. Bei einer anhaltenden Erwärmung des Klimas ist damit zu rechnen, dass diese Arten sich weiter nach Norden ausbreiten.

Volker Kühn
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