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Thema Mensch und Umwelt

13. Jul. 17

Offshore-Windpark aus der Luft: Der Umbau der Stromversorgung hin zu erneuerbaren Energien zählt zu den größten Anstrengungen im Kampf gegen den Klimawandel.

Hurra, wir leben noch! Teil III

Hochwasser, Starkregen, Waldbrände: Der Klimawandel hat dramatische Folgen für das Deutschland des Jahres 2066. Aber die Menschen haben Antworten darauf gefunden.

Hubschrauber nehmen Wasser auf, um einen Waldbrand am Falkenberg in Bayern zu bekämpfen. Die Gefahr solcher Feuer wächst, wenn sich das Klima aufheizt. Die Behörden arbeiten deshalb an besseren Frühwarnsystemen.

Von Sebastian Kretz

FINN NOACK SCHRIE AUF, halb aus Ärger über seine Tochter, halb wegen der Schmerzen am kleinen Zeh, die ihm sein wutentbrannter Tritt gegen die Wand beschert hatte. Hannelore war weg! Sie hatte ihn vor den Höhnstedtern blamiert. Klar, wohin sie unterwegs war!

Noacks erster Gedanke war, am Flugplatz Halle ein Lufttaxi zu nehmen, um vor seiner Tochter nach Berlin zu gelangen und sie dort zu erwarten. Dann blickte er auf die Ortungs-App, die seit Hannelores Kindheit auf jede neue Datenbrille mitgewandert und nie deaktiviert worden war: Der Ortungspunkt blinkte auf der Höhe von Bitterfeld, mitten in einem dicken, roten Streifen: Stau. Wenn er über Landstraßen bis Dessau führe, müsste er die Elbbrücke beim Geisterdorf Vockerode etwa zeitgleich mit Hannelore erreichen. Dann brauchte er nur noch herauszufinden, in welchem Auto sie unterwegs war. * 9

Noack raste los. Die Batterie war nur zu einem Viertel geladen, aber notfalls könnte er sie an einem Elektrorelais gegen ein frisches Exemplar tauschen. Dass er eine Route östlich der Autobahn hätte wählen sollen, wurde Noack erst klar, als er beinahe in Dessau angelangt war: Zwischen den Feldern und der schwarzen Front des heraufziehenden Gewitters hingen Rauchschwaden vom Format eines Gebirges.

Wie konnte er den Waldbrand vergessen? Noch am Morgen hatte er im Radio von dem Feuer in der Mosigkauer Heide gehört. Die dortigen Wälder gehörten zu den wenigen verbliebenen reinen Kiefernforsten – Relikten aus der Alten Zeit, die besonders leicht brannten. Und den Forstschützern war es immer noch nicht gelungen, ein zuverlässig arbeitendes computergestütztes Käferwarnsystem zu installieren. Sämtliche Straßen, die zur Autobahnauffahrt führten, waren gesperrt. * 10

Noack würde einen Umweg fahren müssen, der ihn mindestens eine Dreiviertelstunde kostete.

Starkregen flutet über die Scheibe eines Autos in Brandenburg: Als Reaktion auf solche Extremwetterlagen werden vielerorts unter anderem die Abwasserkanäle erweitert.

Auf der A9 liegt Asphalt aus der Alten Zeit, nicht gemacht für extremes Wetter. „Müssen wir aufpassen“, sagt Jurek noch

JUREK BEHERRSCHTE die Kunst, derart genügsam zu schweigen, dass seine Beifahrerin trotz der Stille nicht das Gefühl hatte, reden zu müssen. Über der Fahrbahn, die vor ihnen lag, wirkte es, als sei die Nacht bereits hereingebrochen. Gewitterwolken hatten sich auf die Felder gewälzt, so tief, als drücke eine gewaltige Presse sie hinab. Wenig später landeten die ersten Tropfen auf der Windschutzscheibe. „Müssen wir aufpassen“, sagte Jurek. Während viele Autobahnen in den letzten Jahrzehnten mit sogenanntem Flüsterasphalt erneuert worden seien, der Aquaplaning verhindere, liege auf diesem Teil der A9 noch eine alte Deckschicht.

„Normalerweise du rutscht nicht“, sagte er, „aber hier ist anders.“ * 11

Bald prasselte der Regen schwer herab. Warum Jurek auf der Elbbrücke bei Vockerode die Kontrolle verliert, weiß Hannelore nicht. Später erinnert sie sich nur an einzelne, flackernde Bilder: wie der Lastwagen die Bodenhaftung verliert. Wie die Zugmaschine sich querstellt. Wie sie gegen den Anhänger prallt, quer über die Fahrbahn rutscht. Die Leitplanke durchbricht, von der Rampe kippt, auf der Seite zum Liegen kommt.

Hochwasser im sächsischen Meißen 2013: Die Begradigung von Strömen wie der Elbe hat die Gefahr solcher Katastrophen erhöht. In manchen Regionen sollen die Flüsse ihre alten Überschwemmungsgebiete zurückerhalten.

Hannelore blickt auf eine Landschaft wie aus einem der Endzeitfilme der Neunzigerjahre, die sie so gern sieht

JUREK WAR TOT. Hannelore hatte Schrammen und Beulen: Sie wand sich aus dem Seitenfenster, sprang von der Fahrerkabine und rannte, bis das Stechen in ihrer Lunge sie zwang, anzuhalten. Als sie über die verregnete Landschaft blickte, fühlte sie sich, als sei sie in einen der Endzeitfilme aus den 1990er-Jahren geraten, die sie so gern sah. Die Elbe war weit über die Ufer getreten, ihr trübes Wasser umspülte die Mauern, die einmal Vockerode gewesen waren: die löchrigen Ziegeldächer, die fensterlosen Plattenbauten, das alte Braunkohlekraftwerk; Mahnmale der Alten Zeit.

Sie erinnerte sich, dass bei Vockerode eine der größten Überschwemmungsflächen der Elbe lag – das Lieblingsbeispiel ihrer Erdkundelehrerin, wenn diese ausführte, dass der Mensch gelernt habe, der Natur ihre unberechenbaren Bahnen zuzugestehen. Die neuen Auen hatten die zerstörerische Kraft der zunehmend häufigen Hochwasser gemildert. * 12

Vockerode hätte ohnehin aufgegeben werden müssen. In den Dreißigerjahren hatten die letzten Elementarschadenversicherungen aufgehört, Policen für stark hochwassergefährdete Orte anzubieten. Auch an Rhein, Donau oder Inn waren gefährdete Siedlungen für immer verlassen worden. * 13

Offshore-Windpark aus der Luft: Der Umbau der Stromversorgung hin zu erneuerbaren Energien zählt zu den größten Anstrengungen im Kampf gegen den Klimawandel.

Erst jetzt wird Hannelore klar, wie die Welt aussähe, wenn die Generationen zuvor nicht entschlossen gehandelt hätten

Hannelore hatte das untergegangene Berlin finden wollen und war im untergegangenen Vockerode gelandet. Sie legte die Stirn auf die Knie und weinte.

FINN NOACK FAND seine Tochter in der Abenddämmerung auf einem Findling sitzend, tränenverschmiert. Während sie schweigend durch die Dunkelheit fuhren, wurde Hannelore klar, dass sie nie wirklich darüber nachgedacht hatte, was es bedeutete, in der Neuen Zeit zu leben. Erst an diesem Abend hatte sie eine Ahnung davon bekommen, wie Deutschland aussähe, wäre die Generation ihrer Großeltern tatenlos geblieben.

Anmerkungen

* 9 Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt arbeitet an einem viersitzigen, mit Batterien und Brennstoffzellen betriebenen Hybridflugzeug, das künftig Passagiere emissionsfrei und ohne Turbinenlärm über Kurzstrecken befördern soll. Die Kleinflieger könnten als schnelles Transportmittel zwischen den mehr als 400 deutschen Flugplätzen verkehren.

* 10 Martin Wikelski vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell erforscht, wie sich das Verhalten von Wildtieren nutzen lässt, um das Wetter vorherzusagen. Er ließ Ziegen am Vulkan Ätna besendern und beobachtete, dass diese etwa sechs Stunden vor einem Ausbruch flüchteten – genug Zeit, um Dörfer zu evakuieren. Wikelski rechnet damit, dass bestimmte Käferarten in deutschen Wäldern Brände melden könnten.

* 11 Straßenbauingenieure der RWTH Aachen haben einen offenporigen Polyurethan-Asphalt entwickelt, der aus groben Körnern mit besonders großen Poren dazwischen besteht. Durch sie sickert Regenwasser in tiefer liegende Schichten und wird dort abgeführt. So sinkt die Gefahr von Aquaplaning. Der Begriff „Flüsterasphalt“ stammt von einer anderen wichtigen Funktion dieses Belags: Die Hohlräume in der Deckschicht schlucken den Schall.

* 12 Überschwemmungen wie 2002 oder 2013 im Elbe- und im Donaugebiet waren auch deshalb so verheerend, weil die Flusssysteme an vielen Stellen begradigt und unmittelbar entlang der Ufer eingedeicht sind. Dadurch fehlen natürliche Überschwemmungsflächen. Im Rahmen eines WWFProjekts werden zwischen 2010 und 2017 auf einem sieben Kilometer langen Abschnitt etwa 25 Kilometer elbabwärts von Vockerode die Deiche ins Hinterland verlegt.

* 13 Laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) kann es in den am meisten gefährdeten Überschwemmungsgebieten künftig Gebäude geben, die nicht mehr wirtschaftlich sinnvoll zu versichern sind. Der GDV fordert deshalb einen Baustopp in Hochwassergebieten. Eine Alternative zu kommerziellen Versicherungen könnte die Gründung genossenschaftlich verwalteter Hochwasserfonds sein.

Volker Kühn
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