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Thema Mensch und Umwelt

12. Jul. 17

Solaranlagen bedecken die Dächer einer Siedlung in Bayern: In vielen Dörfern investieren die Einwohner gemeinsam in sauberen Strom aus Wind, Sonne oder Biogas und tragen so aktiv zur Energiewende bei.

Hurra, wir leben noch! Teil II

Der Klimawandel wird Deutschland stärker verändern, als vielen heute bewusst ist. Doch die Anpassung daran hat bereits begonnen, wie die Anmerkungen zu unserer Kurzgeschichte aus dem Jahr 2066 zeigen

Schon heute versorgen sich manche Regionen in Deutschland autark mit sauberem Strom. Dörfer wie das brandenburgische Feldheim werden damit zum Vorreiter der Energiewende.

Von Sebastian Kretz

Natürlich wusste Hannelore, dass es das Berlin der Jahrtausendwende, von dem sie träumte, jene graue, schmutzige, unaufgeräumte Stadt, in der Menschen tun, was sie wollen, seit Jahrzehnten nicht mehr gab. Selbst der notorisch ineffizienten Verwaltung der Hauptstadt war inzwischen gelungen, womit Musterstädte wie Stuttgart und Karlsruhe schon in den frühen Dreißigern begonnen hatten: der Umbau zur Neuen Stadt.

Hausbesitzer mussten bei Renovierungen die Fassaden mit hellen Farben streichen. Diese werfen das Sonnenlicht zurück und tragen so dazu bei, dass sich die Gebäude weniger aufheizen. Die Vorschriften bewirkten auch, wie das Feuilleton der „Süddeutschen Wochenzeitung“ schrieb, eine „Andalusierung der deutschen Städte“, die nunmehr weiß strahlten wie Dörfer im Süden Spaniens.

Auch an anderen Stellen hatten sich die Städte verändert: Die rostrot gedeckten Dächer, einst für deutsche Städte typisch, wichen begrünten Flächen. Am Rand vieler Straßen verliefen kastenförmige Rinnen, und statt Platanen stand dort neuerdings der Feldahorn. * 6

Aber selbst ein weiß glänzendes und grün bedachtes Berlin kam Hannelore aufregender vor als Höhnstedt. Und in einem der verfallenden Randbezirke musste es die Unordnung, nach der sie sich sehnte, doch noch geben!

Der Klimawandel bringt neue Tierarten nach Deutschland. Am Bodensee etwa macht sich die Asiatische Tigermücke breit. Im „Mückenlabor“ des Friedrich-Loeffler-Instituts auf der Insel Riems erforschen Wissenschaftler die Eindringlinge.

Schon am Morgen steigen die Temperaturen auf über 35 Grad. Als sie endlich ein iCar findet, ist Hannelore längst durchgeschwitzt

DER MOMENT, an dem Hannelore es in Höhnstedt nicht mehr aushielt, war am Morgen jenes 8. August 2066 gekommen, als ihr Vater die Tür zu ihrem Zimmer aufriss und rief: „Kanister auf den Rücken und ab zu den anderen, ich sag’s nicht zweimal!“ Auf der Straße hatte sich bereits ein Dutzend Anwohner versammelt, auf dem Rücken grellorangefarbene Tanks und reitgertenförmige Sprühaufsätze in der Hand. Sie waren angetreten, um wegen des außergewöhnlich heißen und regenreichen Sommers Bäche und Teiche der Umgebung mit Insektiziden besprühten, um Krankheitsüberträger wie die Asiatischen Tigermücken zu töten. Und wenn auf dem Einsatzplan „Fam. Noack“ stand, dann bedeutete das aus Finn Noacks Sicht: Hannelore. * 7

Als der Vater aus dem Zimmer gestapft war, griff sie gefasst nach ihrem Rucksack, packte Zahnbürste, eine Flasche Wasser sowie das Ladekabel ihrer Datenbrille ein und verließ das Haus. Die Temperatur war schon am Morgen über 35 Grad gestiegen. Als kurz hinter dem Klärwerk am Kernersee endlich ein iCar hielt, hatte Hannelore ihre Wasserflasche geleert und das T-Shirt durchgeschwitzt. Die Fahrerin nahm sie bis zur neuen Raststätte an der A38 mit.

Erst am Nachmittag kam sie endlich weiter. Der Fahrer eines Lastwagens, ein stämmiger Kerl im karierten Hemd, lächelte ihr aufmunternd, aber nicht anzüglich zu und rief mit polnischem Akzent: „Ich fahre bis Wittenberg. Ist fast Berlin.“

Solaranlagen bedecken die Dächer einer Siedlung in Bayern: In vielen Dörfern investieren die Einwohner gemeinsam in sauberen Strom aus Wind, Sonne oder Biogas und tragen so aktiv zur Energiewende bei.

Hannelore und Jurek steuern auf ein gewaltiges Unwetter zu. Das Wetter in Deutschland schlägt immer häufiger Kapriolen

Jurek transportierte einen Container mit Exzenterschneckenpumpen vom Antwerpener Hafen zum Sitz des Herstellers in Brandenburg. Die meisten Staaten hatten Lastwagen mit menschlichen Fahrern längst untersagt. Als aber der Bundestag – später als die Nachbarländer – über ein Verbot abstimmen sollte, waren die Neomillenniker bereits so stark geworden, dass sie ein Referendum organisierten: Die Mehrheit der Bürger stimmte gegen die völlige Automatisierung des Güterverkehrs.

Hannelore begann, Jurek zu mögen, als er beim Versuch, zu erklären, dass Exzenterschneckenpumpen bei der Verarbeitung von Wurstbrät ebenso unentbehrlich waren wie bei der Klärung von Faulschlamm, einen Lachanfall bekam. Als sie auf die A9 einbogen, sagte er: „Ist mein letzter Tag in Lkw heute. Chef baut Pumpen nicht mehr in Thailand. Zu viel Überschwemmung. Baut Pumpen jetzt wieder in Wittenberg.“ Das Risiko, containerweise Ware zu verlieren, erklärte Jurek, war teurer geworden als die heimischen Lohnkosten. * 8

Jurek brach abrupt ab, um das Radio lauter zu drehen: „Bis zu den Abendstunden zieht das Tiefdruckgebiet ‚Magnus‘ von Polen über den Süden Brandenburgs nach Sachsen-Anhalt und bringt uns endlich Regen – allerdings mehr, als uns lieb sein dürfte“, sagte die Frauenstimme. Wegen des seit Tagen anhaltenden Starkregens im Osten, so die Moderatorin weiter, sei die Elbe an einigen Stellen bereits über die Ufer getreten. „Ist scheiße“, rief Jurek. „Bei meiner Familie in Poznan hat alles überschwemmt, noch schlimmer als anderes Gewitter im Frühjahr.“ Und Jureks Lastwagen, auf dessen Beifahrersitz Hannelore saß, steuerte nicht nur direkt auf das Unwetter zu. Die Frau im Radio vermeldete auch, vor ihnen liege ein Dutzende Kilometer langer Stau.

Als sie in den Starkregen geraten, verliert Jurek die Kontrolle über den Lkw. Finn-Noack macht sich auf die Suche nach seiner Tochter und Hannelore kommt zu einer entscheidenden Erkenntnis: Lesen Sie hier den dritten und letzten Teil der Kurzgeschichte.

 

Anmerkungen

* 6 Der kühlende Effekt hellerer Fassaden, hat der Meteorologe Joachim Fallmann vom britischen Wetterdienst ermittelt, reduziert die Bewegung der Luft und bewirkt, dass etwa Feinstaub in unteren Luftschichten verbleibt. Begrünte Dächer oder sogar Fassaden tragen dazu bei, die Luft zu reinigen. Und das Kiessubstrat, auf dem die Pflanzen wachsen, nimmt Regenwasser auf. In Bremen gibt es bereits eine Straße, die an zunehmenden Starkregen angepasst ist. Die Rinnsteine, die Bürgersteige von Fahrbahnen trennten, sind dort breiten Auffangbecken gewichen, die bei Starkregen das Wasser auf Freiflächen leiten – Parkplätze, Spielplätze oder Seitenstraßen. Dort versickert es, ohne Schaden anzurichten. In derselben Straße wurde auch der Feldahorn gepflanzt, der Wetterextreme besser verträgt als klassische Straßenbäume.

* 7 Seit 1976 geht am Oberrhein die Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS) gegen Stechmücken vor. Die beiden Hubschrauber, die sie dazu einsetzt, verteilen in jedem Frühsommer etwa 200 Tonnen eines Eisgranulats, das Wirkstoffe des Bacillus thuringiensis israelensis (BTI) enthält. Die BTI-Toxine zersetzen die Darmzellen der Insekten. Zusätzlich versprühen Hunderte Mitarbeiter BTI mit Handspritzen. Die KABS verteilt außerdem BTITabletten für private Regentonnen. Dadurch sterben bis zu 95 Prozent der Stechmücken. Seit einigen Jahren treten in Südwestdeutschland potenzielle Überträger tropischer Krankheiten auf; der Stich der Asiatischen Tigermücke etwa könnte zu Denguefieber führen, jener von Sandmücken zu Leishmaniose. Voraussichtlich werden tropische Mücken in den nächsten Jahrzehnten in Deutschland heimisch werden.

* 8 2011 beschädigten Überschwemmungen Fabriken in Thailand, das weltweit etwa die Hälfte aller Festplatten herstellt. In der Folge stieg der Preis für die Speichermedien deutlich an. Wenn extreme Wetterereignisse häufiger werden, dürften derartige Störungen des Welthandels zunehmen.

Volker Kühn
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