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Thema Mensch und Umwelt

03. Mai. 17

Helgolands Hummerkita: Diese Jungtiere müssen bis zur Auswilderung noch kräftig wachsen. Die roten Röhrchen in den Bassins ersetzen die Felsspalten, in denen sie in Freiheit Unterschlupf suchen würden.

„Wir bleiben dem Hummer verbunden“

Nach dem Abschluss der ersten Auswilderung im Windpark planen Wissenschaftler neue Maßnahmen, damit die Tiere vor Helgoland überleben.

Von Helmut Monkenbusch

Nur noch wenige Hummer leben vor Helgoland. Fischer fangen heute nicht mehr als 100 Tiere pro Jahr. Vor 80 Jahren holten sie jährlich noch mehrere Zehntausend aus dem Wasser. Der natürliche Bestand des Helgoländer Wappentiers ist rings um die Insel akut bedroht.

Doch jetzt könnte er sich mit einem Schlag erholen. Denn der Umweltwissenschaftler Roland Krone plant ein großangelegtes Hummerprojekt vor der Hochseeinsel. Der studierte Ökologe will 60.000 sogenannte Vierer im Meer aussetzen.

Helgolands Hummerkita: Diese Jungtiere müssen bis zur Auswilderung noch kräftig wachsen. Die roten Röhrchen in den Bassins ersetzen die Felsspalten, in denen sie in Freiheit Unterschlupf suchen würden.

Das sind Tiere, die gerade das planktische Stadium hinter sich gelassen haben. Sie haben sich in einer Aufzuchtstation auf Helgoland vier Mal gehäutet und gehen nun zum natürlichen Bodenleben über, erzählt Krone im Gespräch mit Energie-Winde. Die Massenaussiedlung der Tiere soll als Ausgleichsmaßnahme für große Offshore-Unternehmen realisiert werden.

Im Sommer 2014 fand bereits eine erste Hummermaßnahme ein reges Echo in der Öffentlichkeit. Auch wir haben über die Auswilderung Tausender Zuchthummer berichtet. Dafür hatten der Oldenburger Energieversorger EWE und die Unternehmensgruppe Enova 700.000 Euro zur Verfügung gestellt – als Kompensation für den Bau ihres Windparks Riffgat vor Borkum.

Denn Energiekonzerne, die in die Natur eingreifen, müssen an anderer Stelle eine Kompensation dafür schaffen, zu solchen ökologischen Ausgleichsmaßnahmen sind sie gesetzlich verpflichtet. Dazu können sie beispielsweise Biotope anlegen, bedrohte Kröten umsiedeln – oder eben Hummer züchten.

Durchgeführt wurde die Wiederaufstockung von der Biologischen Anstalt Helgoland, einer Forschungseinrichtung des Alfred-Wegener-Instituts (AWI). 3000 Junghummer aus der Aufzuchtstation wurden nach und nach, der See übergeben und fanden in den Steinfeldern der Windradfundamente eine neue Bleibe.

Keine Berührungsängste: Michael Janke fischt mit gebübtem Griff einen Helgoländer Hummer aus einem Bassin in der Aufzuchtstation des AWI.

Dem Zuchthummer gefällt sein neues Revier offenbar. Auch wilde Artgenossen siedeln sich dort an

Um die Aufzucht an Land kümmert sich Michael Janke. Dem gebürtigen Bremer, der seit mehr als 40 Jahren auf der Insel lebt, sind die Tiere ans Herz gewachsen. Mit großer Freundlichkeit führt der AWI-Mitarbeiter staunende Besucher durch die Hallen und holt mit geübten Handgriffen schon mal ausgewachsene Exemplare für ein Fotoshooting aus dem Bassin.

Umweltwissenschaftler Krone würde in diesem Sommer gern ein zweites Mal auf dem Meeresgrund nachschauen, was den Sprösslingen der Auswilderung geworden ist. Hummer gelten als standorttreu, bewegen sich aber in einem Zwei-Kilometer-Radius von ihren angestammten Höhlen oder Spalten. Bei seinem ersten Unterwasserbesuch 2016 hat der Wissenschaftler und Taucher seine Hummer genau an den Windrädern wiedergefunden, wo er sie zwei Jahre zuvor ausgesetzt hatte. Nun blicken Forscher und Parkbetreiber gespannt darauf, wie sich die Population entwickelt – und was das für die bestehende Flora und Fauna vor Ort bedeutet.

Schon diese ersten Nachuntersuchungen haben gezeigt, dass die Hummer in den künstlichen Riffen der Windpark-Fundamente heimisch geworden sind. „Sie fühlen sich sogar so wohl, dass weitere, wilde Hummer in den Windpark eingewandert sind“, heißt es im EWE-Magazin unter dem Titel „Hummer lieben Offshore-Windparks“. Die Entwicklung ist derart ermutigend, dass die Meeresforscher hoffen, weitere Junghummer in Riffgat ansiedeln zu können, um den Bestand schneller zu vergrößern.

Mahlzeit! Wenn es frischen Fisch gibt, schnellen die kräftigen Kneifer der Hummer der blitzschnell aus dem Wasser.

Das Offshore-Wind-Projekt des AWI ist beendet. Künftig könnte eine Privatfirma die Aussiedlung der Hummer übernehmen

Ob das inzwischen abgeschlossene Projekt eine Fortsetzung findet, ist allerdings ungewiss. Für das AWI ist die Sache beendet. Daher will Krone nun allein weitermachen, die Hälfte der Aufzuchtstation auf Helgoland mieten und eine Firma für Rifftierforschung gründen. Name: Refauna. Angeblich prüft die EWE ein weiteres Engagement. Neue Baumaßnahmen in der Nordsee lassen Krone zudem auf Kompensationsgelder weiterer Offshore-Unternehmen hoffen.

Wenn seine Naturschutzfirma dann gestartet ist, möchte Krone auch wieder Patenschaften vergeben. 20 Euro zahlten Paten dabei in der Vergangenheit pro Hummer. Die Gönner durften dafür in den Börtebooten immer mit an Bord sein, wenn die Tiere nachts in der Nordsee ausgesetzt wurden. 2007 bot die Biologische Anstalt zum ersten Mal solche Patenschaften an, als Kooperationspartner trat die Kurverwaltung Helgoland auf. Zuletzt wurden im Juli 2012 über 600 Jungtiere auf dem Helgoländer Felssockel in die Freiheit entlassen. Dabei soll es aber nicht bleiben, kündigt Krone an: „Wir bleiben dem Hummer verbunden.“

Volker Kühn
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